Newsletter #7 – Was wir können

Werteste:r Sommergenießende:r,

regnet es bei dir auch? In München schüttet es einen erfrischenden Morgenregen vom Himmel, während ich am offenen Fenster sitze. Ich hoffe, es ist dir gut ergangen seit meinem letzten Newsletter; vielen Dank für die vielen schönen und liebevollen Reaktionen!

In medias res. Fortan werde ich mindestens 10% meines Einkommens spenden, und mit fortan meine ich: für immer. Nicht, weil deine Reaktion so liebevoll war (und leider auch nicht an dich), sondern weil ich selbst mit meinem dieses Jahr sehr reduzierten Einkommen noch unter den 5% der reichsten Menschen der Welt bin. (Du kannst hier kalkulieren, wo du mit deinem Einkommen stehst.) Also habe ich den Pledge der „Giving What We Can Foundation“ unterschrieben, der in keiner anderen Weise als moralisch bindend ist.

Das Prinzip hinter diesen Gedanken lautet „Effektiver Altruismus“ und beschäftigt sich damit, wie du – unter der Annahme, dass jedes Menschenleben gleich viel Wert ist (und, ähm, ja: das ist es!) – am effektivsten helfen kannst. Er nutzt datenbasierte Überlegungen und Studien, um darauf eine Antwort zu finden. Als Beispiel nennt William MacAskill in seinem Buch „Doing Good Better“ Bildungsprogramme in der Dritten Welt: Um die Anwesenheit in der Schule zu steigern, wurde versucht, Mädchen Geld als Ansporn für den Schulbesuch zu überweisen, Stipendien zu vergeben, Schuluniformen zu sponsern. Am Effektivsten (und zwar 695-mal effektiver als Geld) war: Entwurmung. Denn Viele bleiben den Schulen aus Angst vor Krankheiten fern. Für 1,000 Dollar konnten 139 zusätzliche Schuljahre erreicht werden (Geld: 0,2, Stipendien: 2,7, Uniformen: 7,1, S. 60).

Die Fragen des Effektiven Altruismus sind:
1. Wie viele Menschen profitieren davon, und wie sehr?
2. Ist das die effektivste Sache, die du tun kannst?
3. Ist dieser Bereich vernachlässigt?
4. Was wäre sonst passiert? (Zum Beispiel, auch wenn es weh tut: Wenn du nicht Arzt geworden wärst, wäre es ein anderer geworden, denn viel mehr Menschen wollen Arzt werden als es dürfen. Welchen wirklichen Mehrwert hat es also, dass genau du Arzt geworden bist?)
5. Wie hoch sind die Chancen auf Erfolg, und wie groß wäre der Erfolg?

GiveWell ist eine Organisation, die extrem detaillierte Berichte über Wohltätigkeitsorganisationen anfertigt und Empfehlungen ausspricht. (Hier ist eine Liste der Top Charities.) Es ist eine Nonprofit, genau wie effectivealtruism.org. Ich habe mir immer schwergetan, zu spenden, weil ich nie wusste, wohin. Was passiert mit meinem Geld? Wie viel Gutes tue ich wirklich damit? Das hat dazu geführt, dass ich in den letzten Jahren kaum noch etwas gegeben habe. Ich unterschreibe nicht jede einzelne These, aber der Effektive Altruismus gefällt mir in seiner Denkweise. Auch wenn es vielleicht zufriedenstellener ist, nach einem Erdbeben Geld nach Japan zu schicken, weil die Medien über nichts anderes berichten, ist es weitaus effektiver, für das selbe Geld Tausende von Bettnetzen zu spenden, um die Verbreitung von Malaria zu stoppen.

Ich habe mich sehr in das Thema eingelesen in den letzten Wochen, und bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Liebe und die Wärme, die ich im Persönlichen geben kann, etwas Schönes und Wichtiges sind. Dass ich im Kleinen gut helfen und da sein kann. Aber dass meine andere Ressource, nämlich Geld, dort am Besten aufgehoben ist, wo es gebraucht wird. Statistiken zeigen zum Beispiel, dass es wahnsinnig effektiv ist, extrem armen Menschen einfach ganz direkt Geld zu überweisen (GiveDirectly), statt irgendwas dazwischenzuschalten. Wer hätte das gedacht.

Der Effektive Altruismus lässt sich auch auf Tierschutz und Klimaschutz anwenden. Auch da gibt es überraschende und manchmal unintuitive Ergebnisse. Spannend fand ich vor allem, was für einen Einfluss dein Kaufverhalten auf die Produktion von Lebensmitteln hat: Für jedes Ei, das du nicht kaufst, werden 0,91 Eier weniger produziert (Fleisch liegt bei 0,5 – 0,7). Verbreitet ist ja oft die Ansicht, dass ich als Einzelner eh nichts ändern kann. Der Effektive Altruismus belehrt mich eines Besseren. Ich empfehle sehr, „Doing Good Better“ zu lesen, es gibt auch eine deutsche Übersetzung. Wohltuend: Ein Sechstel des Buchs sind Quellenangaben zu den Statistiken und Studien. Erfrischend, wenn nicht einfach Dinge behauptet, sondern auch belegt werden.

Dass ich gepledgt habe, sage ich übrigens nicht, weil ich weitere liebevolle Reaktionen bekommen möchte, sondern damit du es mir nachtust. Wenn ein Künstler in der Corona-Krise spenden kann (und dann halt nicht mehr zu den reichsten 5% gehört, sondern nur noch zu den reichsten 7%), dann kannst es auch du. (Es gibt auch für Student:innen, Rentner:innen und Erwerbslose Varianten des Pledges.) Aber vielleicht bin ich auch nur beseelt von den ganzen Meditationen des Jahres und der Erkenntnis, wie wenig Materielles ich brauche, um glücklich zu sein. Ich habe mehr als genug, ich lebe in Fülle, also fick dich, neues iPhone. Lieber mehr geben.

Was gibt es sonst Neues?

– Letzte Woche, am 24.07., war der 100. Todestag von Ludwig Ganghofer. Die Monacensia in München hat mich zu diesem Anlass gebeten, einen Text über ihn zu schreiben. Wir sind mit den Stützen der Gesellschaft ab und zu an diesem schönen Ort zu Gast, und als Ersatz für die ausgefallene Show Anfang Juli gab es nun einen Text von mir. Ich habe lange gebraucht, um einen Zugang zu Ganghofer zu finden, am Ende ist einer der für mich schönsten Texte der letzten Jahre herausgekommen. Ihr könnt ihn hier anschauen.

– Ein bisschen früher, nämlich Anfang Juli, ist ein Buch mit Schwimmgeschichten erschienen, zu dem ich meinen Text „Jetzt musst du springen“ beisteuern durfte. Jens Spahn und Winfried Kretschmann und mein lieber Bühnenfreund Jean-Philippe Kindler haben auch etwas geschrieben, zudem unzählige Kinder. Das Buch wurde initiiert vom ehrenamtlichen Tübinger Projekt „Schwimmen für alle Kinder“, das Mut machen soll und den Fokus auf sicheres Schwimmen lernen legt. Unterstützenswertes Engagement, persönliche Geschichten. Das Buch „Meine Schwimmgeschichte“ gibt es direkt bei der Verlagsgruppe Patmos und natürlich im Buchhandel.

– Apropos Bücher: Mein Verlag schrieb vor Kurzem, dass die Lage durch die momentane Situation keine schöne sei, da er vor allem Bücher verlegt, die bei Live-Shows
verkauft werden, bei Poetry Slams oder Lesebühnen. Nun habe ich zwar heute Abend mal wieder einen Auftritt (Open Air Slam im Olympiapark in München), aber Büchertische sind zur Zeit ein schwieriges Unterfangen und die Ausnahme. Solltest du also eines meiner Bücher noch nicht besitzen – ja, ich meine dich, Onkel Christian! – dann überleg gerne, ob du das ändern möchtest. Die Reiseerzählung aus Rom eignet sich besonders für den Sommer, aber auch das neue Buch „Was ich ihr nicht schreibe“ ist weiterhin gut. Bestellbar sind die Bücher direkt beim Satyr-Verlag, oder noch direkter per Mail bei mir. Ich bin allerdings, um ganz fair zu sein, nicht überzeugt davon, dass das die effektivste Art ist, 11-14 Euro zu spenden 😉

Kunst, die ich in den letzten Wochen gut fand:

– „Kommt her ihr Heinis ich will euch trösten“ von Riccarda Kiel, einer Leipziker Lyrikerin und Designerin. Ich habe es zum Geburtstag geschenkt bekommen von meinem guten Freund Tristan Marquardt, seines Zeichens auch Lyriker („Scrollen in Tiefsee“). Er hat das Buch selbst gedruckt und geschnitten, denn er ist für den Münchner Ableger des hochroth-Verlags mitverantwortlich. Einmal habe ich ihm beim Bücher machen geholfen, das ist schon ein tolles Gefühl. Riccardas Lyrik jedenfalls: ganz, ganz toll. Mit Witz und Tiefgang und einem unaufdringlichen Rhythmus. Es ist für mich genau der richtige Grad an Abstraktion, dass ich es nicht verstehe, aber auch nicht nicht verstehe, weil die Stimmung mich mitnimmt. „Ich schnitze dir eine Fabrik. / Wir nennen sie Rostblau & Partner. / Du kannst jeden Morgen hin. / Du bekommst einen Pförtner / mit Altersflecken / und einen eigenen Bahnhof, / an dem sonntags die Kinder / an ihren Zigaretten ziehen.“
Für 8 Euro bei hochroth München.

– „How Democracies Die“ von Steven Levitsky und Daniel Zieblatt behandelt die Frage, was historisch gesehen passiert, wenn eine Demokratie untergeht. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, wie geht das Ganze vor sich? An welchen Zeichen kann man das erkennen? Spannende Abhandlung mit Blick auf die USA. Kleiner Spoiler: Militär im Inneren einsetzen und Wahlen nicht anerkennen gehört dazu. Auch hier: ein großer Anhang.

– „Homework for Life“, eine Storytelling-Übung, die ich seit einem guten Jahr jeden Abend mache. Ich nehme mir abends fünf Minuten Zeit und frage mich: Was war der „most storyworthy“ Moment des Tages? Was hat diesen Tag von allen anderen unterschieden? Das Ganze notiere ich in wenigen Stichpunkten, Dialogen, Halbsätzen in einer Excel-Tabelle. Links das Datum, rechts der Moment, mehr nicht. Mit der Zeit entwickelt sich ein Auge für Geschichten, wo du sie früher nicht gesehen hast. Und ich habe jetzt ein Dokument mit 500 Einträgen von jedem Tag seit Mitte Juli 2019. Ich werde nie wieder nach Stoffen für Geschichten suchen müssen, und selbst wenn ich keinen Moment jemals erzähle, habe ich ihn doch vor dem Vergessen bewahrt. Die Übung hat meine Zeit verlangsamt, weil die Tage nicht mehr vorbeirauschen, weil ich mich mit den Tagen beschäftige, und sie hat mich sehr bereichert.
Das Prinzip geht auf Matthew Dicks zurück, einen Storyteller und Podcaster aus Connecticut, und dieser TED-Talk von ihm wird dich eher dafür begeistern als mein vorheriger Absatz.

– Meine drei Lieblingslieder der letzten Wochen: „Transvestites Can Be Cannibals Too“, „Immer noch Liebe in mir“ und „All My Happiness Is Gone“, zu dem ich immer durch die Küche tanze. Seit letzter Woche ist auch „Truth Doesn’t Live in a Book“ vorne dabei, aber das darf ich jetzt nicht zu laut sagen, weil ich dir lauter Bücher empfohlen habe. Meine Playlist für den Sommer 2020 gibt es hier.

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ich hätte nicht gedacht, dass ich in dem Jahr, in dem ich den Plänen und Listen in meinem Kopf endlich Einhalt gebiete, ein Buch mit Plänen und Listen empfehlen würde. Vielleicht ist das aber auch der Fortschritt: Ich darf das mit den Statistiken und Datenanalysen jetzt Menschen überlassen, die es beruflich machen. Für all die vielen Lebenspläne und Finanzlisten habe ich nämlich nie etwas bekommen, außer psychischen Schwierigkeiten.

Bis du dieses Monstrum von einer Nachricht durchgearbeitet hast, hat sich der Sommerregen wahrscheinlich in Herbstregen verwandelt. Das ist okay. Nimm dir Zeit, nicht nur für mein Geschreibe, sondern vor allem für dich. Zeit ist eine Entscheidung, eine Sache der Priorisierung. Und immer dann, wenn wir sagen, dass wir keine haben, brauchen wir sie am Dringensten für uns. Zum Beispiel in Stille in der Natur, oder in einer Meditation. Self-love – I cannot recommend it enough.

Hab einen wunderschönen Sommer, wo und wie auch immer du ihn verbringst. Ich denke an dich und freue mich über eine Antwort und deine Erfahrung mit all dem, was ich dir entgegengeworfen habe – und deine Erfahrung mit dir.

Alles Liebe
Alex

Newsletter #6 – Der Gott der Nachsicht

Liebe:r Abstandhaltende:r,

gerade saß ich in einer geführten Meditation und sollte mir einen Ort vorstellen, an dem ich mich sicher und geborgen fühle, an dem nichts von mir erwartet wird. Dort durfte ich mir die Frage stellen: Wer bin ich? Was wünsche ich mir? Was soll ich in die Welt bringen? Heavy stuff, ich sag es dir. Es ging mehr um die Fragen als um die Antworten, und weil diese Fragen mich die letzte Zeit durchaus beschäftigen, möchte ich sie heute mit dir teilen.

Wer bin ich? Alles, was dazu in Meditationen aus meinem Herz kommt, sind zwischenmenschliche Dinge. Ein Partner. Ein Wärmender. Ein großer Bruder, das fand ich besonders schön. Es war selten etwas Berufliches dabei, was in diesem Jahr sehr passend scheint. Was ich nicht bin, weiß ich nämlich: ein Kabarettist, ein Romanautor, jemand, der zu hundert Prozent von seiner Kunst lebt. All das habe ich in den letzten Jahren versucht, all das hat sich nie ganz richtig angefühlt. Es fällt mir schwer, mich nicht über meinen Beruf zu definieren als jemand, der seit dreizehn Jahren auf der Bühne steht. Es ist ein cooler Beruf, ein Rampenlichtberuf. In den letzten Wochen und Monaten haben mir viele Menschen – auch ihr! – gezeigt, dass an mir ziemlich viel spannender und schöner ist, als mein Job. Danke dafür.

Was wünsche ich mir? Haus mit Garten und Stadtwohnung. Kinder und Ungebundenheit. Garten und Bibliothek. Menschliche Nähe und Abgeschiedenheit. Trubel und Ruhe. Dass alle meine Geschichten toll finden und dass ich meine Geschichten nicht mehr verkaufen muss.

Was soll ich in die Welt bringen? Liebe, Geschichten, Nachsicht. Tja, wird es nichts mit nur für mich schreiben. Du wirst meine Geschichten weiterhin hören und lesen müssen. Liebe und Nachsicht habe ich auch durch mein Schreiben oft versucht zu vermitteln. Ich bin gespannt, wie ich das in Zukunft machen werde. Momentan liegen Masseur / Körpertherapeut / Yogalehrer und Coach / Therapeut recht weit vorne. Alex Burkhard: Autor, Coach, Masseur. Was für ein Oeuvre. Mal schauen, wo mich die Reise hinführt. Ich bin jedenfalls recht sicher, dass ich nicht mehr so viel alleine schreibend und mehr im Austausch mit / im Service für Menschen arbeiten möchte. Wäre ja langweilig, nur einen Job zu haben …

Eine Freundin fragte vor einigen Tagen, was ich für ein Gott wäre, wenn ich ein Gott wäre, und ich sagte: Der Gott der Nachsicht. Keine Ahnung, wo das herkam. Aber bis vor einiger Zeit habe ich allen gegenüber Nachsicht praktiziert und meine Bedürfnisse dabei komplett vernachlässigt. Seit einiger Zeit lerne ich Nachsicht gegenüber mir selbst, und mit etwas Glück ist die irgendwann so gefestigt, dass ich ganz natürlich anderen helfen kann, nachsichtig mit sich zu sein, auf welchem Weg auch immer. Das finde ich ein sehr schönes Ziel.

So, und nach all der Spiritualität kommen jetzt ein paar handfeste News im Newsletter:

– Die Bühnen bleiben noch für einige Zeit geschlossen. Auch mit Hauslesungen ist es weiterhin schwierig. Ich biete deshalb an, eine private Online-Lesung über ein Format deiner Wahl zu machen, für dich und deine Freund:innen oder Kolleg:innen oder Familie. Ich finde, wenn meine Gruppentherapie über Zoom stattfinden kann, dann können sich auch einige Menschen im Namen der Literatur versammeln. Ich lese so viele Texte, wie ihr möchtet und – öffne nicht die Büchse, Alex – welche ihr möchtet, und anschließend und zwischendrin unterhalten wir uns alle. Ich freue mich, neue Menschen kennenzulernen und mit bekannten Menschen zu sprechen. Sag mir einfach Bescheid, wenn du Interesse hast. Es kostet nichts (vielleicht biete ich einen PayPal-Link an, der freiwillig angeklickt werden kann) außer der Zeit, die du brauchst, um Menschen einzuladen und das Meeting zu hosten.

– Auf Spotify gibt es zwei aufregende Neuerungen: Das Hörbuch zu „Was ich ihr nicht schreibe“ ist jetzt nicht mehr mit gefühlt 832 Tracks zu je 4 Sekunden online, sondern sinnvoll. Ein Text = ein Track, entsprechend benannt. Du kannst jetzt also gezielt nach Texten schauen und sie anhören. Außerdem gibt es „The Bookstore Is Closed“, die EP meiner Band The Baby and the Dog, jetzt auch auf Spotify (und auf Apple Music und Amazon Musik und TikTok und wo du willst). Wenn dir die Lieder gefallen, baue sie gerne in möglichst viele Playlists ein, damit der Algorithmus sagt: Oh my, I should rather spread this shit.

– Ich habe die viele Zeit unter anderem dafür genutzt, alle Gedichte, die ich jemals für die Gäste meiner und Pierre Jarawans Show „Stadt, Land, Fluss“ geschrieben habe, auf meine Homepage zu stellen. Du findest dort 48 Gedichte für Kolleg:innen sowie den Eröffnungs- und den Schlusstext der Show. Und viele Mehrfachreime. Enjoy!

Kunst, die mir zuletzt gefallen hat:

– Die Songwriterin Dota hat ein Album aufgenommen, in dem sie Gedichte von Mascha Kaléko vertont, teilweise mit tollen Partner:innen (z.B. Hannes Wader, Alin Coen, Konstantin Wecker). Meine Mitbewohnerin hat es mir eines morgens gezeigt, und seitdem kann ich nicht mehr aufhören, zu lauschen. „Für einen“ ist eines meiner Lieblingslieder des Frühlings geworden. Dota – Kaléko. Lausche auch du!

– Bereits erwähnter Freund und Kollege Pierre Jarawan hat einen neuen Roman geschrieben und sich Anfang März als Veröffentlichungstermin ausgesucht. Rückblickend mittelsinnvoll. Der Roman jedoch: hat mir sehr gut gefallen, um ehrlich zu sein sogar besser als sein mittlerweile vielfach ausgezeichnetes und übersetzter Vorgänger „Am Ende bleiben die Zedern“. Ich habe für meine Buchhandlung eine Rezension geschrieben, die ein bisschen unsinnig geraten ist, aber sehr bewundernd gemeint. Pierre Jarawan – Ein Lied für die Vermissten. Lies auch du! 🙂

– Bereits erwähnte Mitbewohnerin ist Caroline Antonetty, die seit knapp dreißig Jahren eine Lederwerkstatt in der Klenzestraße hat. Nun lebe ich größtenteils vegan, aber täte ich das nicht, und das trifft auf dich vielleicht zu, dann würde ich mich exklusiv bei ihr einkleiden und accessoiren. Sie hat einen sehr tollen und eigenen Stil, und alles ist handgearbeitet. Wegen Corona musste auch sie einige Zeit zusperren und hat deshalb ihr Angebot komplett online gestellt. Ich nenne sie stellvertretend für alle Einzelhändler:innen, alle kleinen Geschäfte, Cafés und Restaurants, die unsere Städte lebenswert machen. Lokal kaufen hält die Stadt lebendig. Antonetty Lederwerkstatt. Schaue auch du!

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ich wünsche dir alles Liebe für die aktuelle Zeit. Sei nachsichtig mit dir, wenn dir das möglich ist. Und vielleicht sehen wir uns ja bald schon online – ich habe Zeit und würde mich freuen! Ansonsten lesen wir uns im nächsten Newsletter, wenn ich vielleicht schon Masseur bin oder Astronaut oder Feuerwehrmann. Und du?

Einen wunderschönen Tag dir!
Dein Alex

Rezension „Ein Lied für die Vermissten“ (berlin verlag)

Pierre Jarawans „Ein Lied für die Vermissten“ liest sich, wie sich ein Lied von Element of Crime hört: Eine Zeitlang frage ich mich, wovon Sven Regener eigentlich singt, und nach einer Weile wird mir klar, dass er ein Thema auf eine Art versteht und behandelt, die es geradezu verlangt, es mir verspielt und wie en passant näherzubringen, weil es mich sonst erschlagen würde.

Pierres Roman ist die Nachrichtenlage in der Corona-Phase insofern als ich nie weiß, auf welchen Erzähler ich mich jetzt verlassen kann, und wer sich eine Geschichte gerade ausdenkt. Amin und Jafar erzählen auf dem Flohmarkt Storys über einen Onkel in Kanada, der ihnen angebliche Schätze zum Verkauf überlassen hätte; Jafar erzählt von dem Tag, an dem er sein Auge verlor; Amins Großmutter erzählt ihm von seinen Eltern – und nie weiß ich, was ich glauben kann. Also: Ich weiß es jetzt, aber ich verrate es nicht.

„Ein Lied für die Vermissten“ ist „Der Schimmelreiter“ des 21. Jahrhunderts: Die formale Art, die Geschichte zu erzählen, spiegelt den inhaltlichen Kern der Geschichte wider. Der inhaltliche Kern sind hier die über siebzehntausend Vermissten, die während des Bürgerkriegs im Libanon verschleppt wurden, und deren Schicksal größtenteils unklar ist. Der inhaltliche Kern ist ein Unwillen, die Geschehnisse der eigenen Landesgeschichte aufzuarbeiten. Warum sollte ich als Leserin mehr Wahres erfahren als die Familien der Siebzehntausend?

Und doch erfahre ich. Von falschen Entscheidungen, starken Beschützern im Hintergrund und von den Umständen, unter denen das Leben in Beirut während der letzten vierzig Jahre stattgefunden hat. Ich erfahre, dass die Mörder immer ganz oben wohnen. Ich erfahre, dass ich manche Sachen nicht erfahren soll.

Wie ein guter Kinderarzt nimmt sich Pierre gewissenhaft der ernsten und wichtigen Themen an, vergisst aber auch nie den leichten, humorvollen Menschen in sich. Ich habe laut aufgelacht, als Amin davon erzählt, wie er Jafar eine Räuberleiter gemacht hat, damit der durchs Fenster den „König der Löwen“ sehen konnte, der im Kino lief. Die beiden hatten draußen keinen Ton, also reimten sie sich die Geschichte zusammen.

„Das glaubst du mir nie“, sagte Jafar.
„Was denn?“
„Der Affe. Er schmeißt gleich das Löwenbaby vom Felsen. Die Tiere drehen komplett durch.“
„Wirklich?“
„Ah, nee, falscher Alarm. Er zeigt es nur allen. Sie freuen sich.“

„Ein Lied für die Vermissten“ ist ein Film von Jim Jarmusch: Ich frage mich die ganze Zeit, wann die Geschichte richtig durchstartet und merke kurz vor Schluss, dass die Geschichte die ganze Zeit schon in hohem Tempo an mir vorbeirauscht. Und dass er so gut ist, dass ich mich trotzdem nicht abgehängt fühle, sondern er mich durch wiederkehrende Bilder und starkes Erzählen die ganze Zeit an der Hand hatte.

Pierres Geschichte ist wie die Renaissance-Malerin Clémentine Ragout: Ich habe sie mir ausgedacht. Aber sie hätte existieren können. Denn es gab die Renaissance. Und es gab Malerinnen. Und es gab den Bürgerkrieg. Und es gab die Vermissten. Es gibt sie. Und es gibt Menschen, die sie nicht vergessen.

Insgesamt ist „Ein Lied für die Vermissten“ das Gegenteil dieser Rezension: sprachlich wertvoll und inhaltlich relevant. Ich bin dankbar, dass ich das Buch gelesen habe.

Newsletter #5 – Written in March

Ihr lieben Mitmenschen,

ich komme gerade von einem zweieinhalbstündigen Spaziergang zurück, und ich muss sagen: Das war ein triftiger Grund, das Haus zu verlassen, nachdem ich das die letzten zwei Tage überhaupt nicht gemacht habe. Jetzt bin ich voller Sonne und kann euch gut schreiben.

Viele Menschen trifft die aktuelle Situation mehr als mich, selbst in meinem unmittelbarsten Umfeld. Ich bin gesund und fit und habe vor das zu bleiben, und mein Beruf beinhaltet eh viel Daheimsitzen und Schreiben. Trotzdem haben mich die letzten zwei Wochen sehr ausgebremst. Wie zuletzt geschrieben war ich gerade wieder richtig in München angekommen und hatte mir für das Frühjahr vorgenommen, viele Menschen kennenzulernen, wiederzusehen, viel in der Stadt unterwegs zu sein, mir neue Kreise zu suchen und aufzubauen, neue Projekte und Möglichkeiten anzugehen. Die Gruppentherapie, die mir supergut tut, findet nun erstmal nicht statt. Die ganzen Wohnzimmerlesungen, die ich ausgemacht hatte, müssen ausfallen (natürlich nur, um noch schöner nachgeholt zu werden!).

Bei jedem (ziemlich nachvollziehbaren) Schritt, der verkündet wurde, um einzudämmen, dachte ich: Okay, du nimmst die Situation an. Du kannst viel daraus lernen. Adapt. Ich war dankbar und resilient. Seit Freitag fiel es mir schwer, das aufrechtzuerhalten, und wie meine Mitbewohnerin mir heute Morgen ganz empathisch dargelegt hat: ist das okay. Ich bin nicht am schlimmsten dran, aber auch mich – wie alle anderen – trifft das und schränkt das ein, und in der aktuellen Phase, in der ich offener und more outgoing sein möchte, noch mal ein bisschen mehr. Ihre lieben Worte und der anschließende Spaziergang haben mich nun wieder an einen Punkt gebracht, an dem ich mich wohler fühle: in ein Mindset der Dankbarkeit und Liebe.

Ein joggendes Pärchen lief an mir vorbei, und er sagte zu ihr: „Das ganze social distancing macht was mit der Gesellschaft, und wenn das vorbei ist, wird es bestimmt dauern, bis die Leute sich wieder vertrauen.“ Da dachte ich: Nein! Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich habe von der Au zum Föhringer Stauwehr und zurück beobachtet, wie Leute aufeinander achten, Abstand halten, auf ihre Mitmenschen schauen. Ich habe jetzt mehr Vertrauen in die Gesellschaft als vorher, weil ich erlebt habe, wie alle mitziehen. (Fast alle, schon klar, aber das Fass machen wir jetzt nicht auf.) Das einzige, was ich etwas schade fand, war, dass oft kein Blickkontakt zustande kam. Ich habe die Leute durchgehend angegrinst, und da kam ganz wenig zurück. Ja, wir sind verunsichert, aber das Virus wird definitiv nicht dadurch übertragen, dass man sich anschaut. Lächeln ist weiterhin erlaubt. Eine Verbindung zwischen Menschen kann auch mit 1,5 Meter Abstand entstehen.

Das ist also jetzt meine Aufgabe, und das ist die Art, wie ich durch die nächste Zeit gehen will. Die Mitbewohnerin sagte vorhin, als ich fragte, ob ich beim Kochen helfen solle: „Am meisten hilfst du mir, wenn du glücklich bist. Also, bei dir bist, so wie die letzten Wochen.“ Ich lasse mich also bekochen und beruhige und beliebe meine Umgebung. Geholfen hat mir dabei anfangs auch eine Meditation von Laura Seiler zur aktuellen Lage, die ich gerne mit euch teilen möchte. Wer möchtest du sein in den Zeiten einer Krise?

Sonstige Neuigkeiten:

– Die Auftritte und Lesungen sind erstmal bis Mitte Mai abgesagt worden. Der Slam in Kempten im April wird vermutlich in den November verlegt. Gekaufte Karten behalten ihre Gültigkeit. Mein nächster Auftritt wären dann die Stützen der Gesellschaft in der Lach und Schieß am 19. Mai. Mal schauen, ob das so stattfindet. Bis dahin schreibe ich, verrate aber noch nicht, was 🙂

– Ich habe meine Website ein bisschen umgestaltet, ein bisschen übersichtlicher gemacht, und vor allem einen Menüpunkt „Archiv“ erstellt. Und da ich jetzt viel Zeit habe, wird der sich ganz gut füllen die nächsten Wochen: mit Stockfotos, Textübersicht, Auftrittsarchiv etc. Für die Nerds unter euch.

– Wie immer nach allen anderen: habe ich jetzt auch einen Spotify-Account. Musik ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben, und nachdem ich einige Zeit wenig gehört habe, entdecke ich gerade ganz viel Neues. Für euch habe ich dort einige Playlists erstellt: mit Liedern, die mich mein Leben lang begleitet haben; mit den Liedern, die ich backstage gehört habe, bevor ich damals Slam-Meister geworden bin (schön gedropt, das Thema, high five); und in den nächsten Wochen kommt da auch für jedes meiner bisherigen Bücher (high five) eine Playlist mit begleitender Musik. Wenn ihr mir folgt, kriegt ihr da dann jeweils eine Meldung von Spotify, wenn es soweit ist.

– Und besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Ich bin wieder bei Instagram. Ich habe gemerkt, dass ich – während all dem Hin und Her und der ganzen weirden aber auch schönen Phase, die bei mir seit Monaten abläuft – gerne Menschen in meinem (auch engen) Umfeld die Möglichkeit geben möchte, regelmäßiger als in diesem Newsletter etwas von mir mitzubekommen, wenn sie das möchten. Ich poste, wann es mir Spaß macht, und sehe es nicht mehr als „Ich muss ein Insta-Profil haben, sonst ist meine Bühnenkarriere vorbei, also content, content!“ an. Und plötzlich ist es okay.

Kunst, die mich seit dem letzten Newsletter bewegt hat:

– Meine Lesebühnenkollegin Sandra Hoffmann hat ein neues Buch geschrieben, das heißt: Das Leben spielt hier. Es ist die Art Jugendroman, die ich total gerne mag, weil sie eigentlich fast schon kein Jugendroman ist, weil sie auch das Innere Kind in Erwachsenen anspricht. So ein bisschen das, was John Green („Looking for Alaska“, „Paper Towns“) auch macht. Oder diese J.K. Rowling. Sandra schafft es, mit drei Figuren auszukommen, und eine sehr dichte, schöne und nahe Erzählung zu schaffen, die mich berührt und glücklich gemacht hat. Hanser Verlag, ISBN 3446264337

– Sex Education. Netflix. Kennt ihr eh. War ich spät dran (siehe Spotify). Aber das macht Spaß.

– Und wenn wir schon bei bereits älteren Kunstwerken sind und weil es gerade irgendwie passt: Hört euch mal wieder „Räumliche Distanz“ von Funny van Dannen an.

– In der Sparte Bildkunst empfehle ich in Zeiten der geschlossenen Ausstellungen: Kinderfotos anschauen!

– Und zuletzt: Tanz/Bewegung. Hört euch einmal (und wirklich nur einmal!) „There’s a Party“ von DJ Bobo an und tanzt dabei ausgelassen durch die Wohnung. Und dann teilt das Video davon auf Instagram. Ich bin gerne Multiplikator.

Was sonst noch wichtig ist:

Meine Lieblingsbuchhandlung leidet, wie alle anderen Buchhandlungen, wie alle anderen Kleinbetriebe, unter der Situation. Wenn ihr euch also euer nächstes Buch bestellt, tut das gerne nicht bei großen Händlern: support your local bookstore! Bücher verschicken dürfen sie nämlich noch, nur keinen Kundenverkehr haben. Also: Buchhandlung raussuchen, Mail schreiben, Buch bestellen, und das kommt mit Rechnung zu euch. Oder einfach gleich bei meiner lieben Autorenbuchhandlung machen (zum Beispiel Sandras Buch). Ihr könnt dabei gerne das Lied „The Bookstore Is Closed“ hören.

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ihr Lieben, macht euch eine schöne Zeit, soweit das geht. Ihr habt das eh sehr oft gehört alles: schaut aufeinander, bleibt gesund, kümmert euch um eure Mitmenschen, seid dankbar für all die Berufe, von denen jetzt die ganze Welt endlich mal vor Augen geführt bekommt, wie wichtig sie sind. Und grinst Leute an. Seid Leuchttürme.

Und weil ein Satz mir in den letzten Tagen nicht aus dem Kopf gegangen ist, nämlich: „Es ist halt trotzdem Frühling“, hier noch ein schönes Frühlingsgedicht von einem gewissen William Wordsworth:

„Written in March“

The cock is crowing,
The stream is flowing,
The small birds twitter,
The lake doth glitter,
The green field sleeps in the sun;
The oldest and youngest
Are at work with the strongest;
The cattle are grazing,
Their heads never raising;
There are forty feeding like one!

Like an army defeated
The snow hath retreated,
And now doth fare ill
On the top of the bare hill;
The Ploughboy is whooping–anon–anon:
There’s joy in the mountains;
There’s life in the fountains;
Small clouds are sailing,
Blue sky prevailing;
The rain is over and gone!

Bis bald, alles Liebe für euch und eure Menschen
Alex

Newsletter #4 – Liebe und Duloxetin

Juhu, endich wieder ein Newsletter!

Einen schönen Sonntag, ihr lieben Menschen in meiner Liste, die ihr ab und zu von mir lesen wollt. Mein Fenster ist offen, ich höre die Stimmen von Sonntagsspazierenden, und mir geht es sehr gut. Ich hoffe, euch auch 🙂

Als ich euch zuletzt geschrieben habe, war ich gerade auf dem Weg nach Rottweil, um dort mein Stadtschreiberstipendium anzutreten, das war Mitte September. Diese Phase war der Auftakt zu enormen Umwälzungen, die sich in mir und meinem Leben ereignet haben. Ich leide seit vielen Jahren immer wieder unter depressiven Episoden. Das ist nichts außergewöhnliches, aber dass darüber geredet wird, ist immer noch selten. Ich selbst habe die aktuelle lange Zeit unterschätzt, weil ich eine Freundin und einen Hund hatte, gut vom Schreiben und Auftreten leben konnte, und von 2011 bis 2014 schon unzählige Stunden der Psychoanalyse hinter mir hatte. Meine Therapeutin sagte damals: Das ist nie ganz „geheilt“, das kann immer mal wieder stärker werden. Es wurde zuletzt so stark, dass ich monatelang keinen Spaß mehr an Auftritten hatte, mir ständig Sorgen und meiner Freundin und mir einen dermaßenen Druck gemacht habe, dass sie nicht mehr mit mir weitermachen wollte.

Aber Alex, sagt ihr jetzt, die Einleitung war doch voll positiv, und du hast was von guten Umwälzungen geschrieben. Das stimmt. In meiner Zeit in Rottweil habe ich viel meditiert, Yoga gemacht, bin spazierengegangen. Alles, was mir vorher auch schon geholfen hat, nur konzentrierter, weil kein finanzieller Druck da war. Dazu kam nach Monaten der Wartezeit ein Therapieplatz. Ich habe für mich beschlossen, wieder mit dem Herz durch die Welt zu gehen statt nur mit dem Kopf, offen und verletzlich zu sein. – Zwei Wochen später war die Beziehung zu Ende, und der Dezember war schwer. Es überlagerten sich Depression und Liebeskummer und Stipendium und Wohnsituation, und warum ich das teile ist eine simple Erkenntnis: Ich bin nicht allein. Menschen sind da. Sie boten mir ihr ihr Zuhause an, unzählige Stunden des Telefonierens, jede Hilfe, die ich mir wünschen konnte. Als es Mitte Dezember nicht mehr ging, war von Wartezeit keine Rede mehr, und ich hatte, wieder in München, sofort Profis an meiner Seite, die dafür sorgten, dass ich nicht komplett durchdrehte. Und das ist wichtig: Depressionen und akute Lebenskrisen sind so verbreitet, und viele trauen sich nicht, sich Hilfe zu suchen. Die Hürden für einen Therapieplatz können sehr hoch wirken, und da wir ja alle permanent funktionieren müssen, trauen wir uns nicht, unseren Freund*innen zu erzählen, wenn es wirklich schlimm ist. Die haben ja selbst so viel Stress, sagen wir uns, und besprechen alles mit uns selbst. Solltet ihr jemals in eine Situation kommen, in der ihr das Gefühl habt, das alleine nicht mehr schaffen zu können: Holt euch Hilfe. Vertraut euch euren Mitmenschen an, und ruft einen Krisendienst an. Das System in Deutschland ist nicht ideal, aber die Menschen in ihm versuchen alles, um euch zu helfen. In München ganz konkret: die Arche e.V. Ich habe angerufen, hatte am selben Abend einen Termin mit einer Psychologin und den Namen einer Psychiaterin für den nächsten Morgen.

Kurzer Witz, damit es nicht zu schwer wird: Was ist grün und fliegt durch den Weltraum?

Ein Salatellit.

Ich stand im Bad eines Freundes und dachte: Klar, ich habe voll Liebeskummer, aber ich nehme doch jetzt keine Antidepressiva. Ich hatte Angst vor der Liste mit den Nebenwirkungen, dass sie mich stumpf machen. So schlimm geht es mir nicht, dachte ich, dass ich anfange, Tabletten zu nehmen. Es stellte sich heraus: doch. Es ist keine hohe Dosierung, aber sie helfen mir, einen Nährboden zu schaffen für alles, was ich so vorhatte: Verarbeiten, Trauern, das schöne neu Gefundene weiterentwickeln, wieder wo anzukommen, loszulassen. Ich habe nie ein Problem damit gehabt, Menschen zu sagen, dass ich Depressionen hatte (habe), ich bin so interessiert an der Psyche, ich weiß, dass niemand etwas dafür kann, dass er oder sie psychische Probleme hat, und trotzdem hatte ich immer diese Stimme im Kopf, die sagte: Ach was, du hattest doch ne Therapie, warum noch eine? Ach komm, Medikamente? Alter, jetzt stell dich nicht so an! Ich finde es beängstigend, wie stark selbst in mir psychische Erkrankungen stigmatisiert sind, wie ich mich geschämt habe, dass ich es alleine nicht mehr geschafft habe. Alle anderen machen einfach weiter, dachte ich, holen sich den nächsten Partner, machen ihren Job, schauen Netflix. Warum kriegst du es nicht hin? So denke ich nicht mehr, aber vor allem deshalb, weil ich anerkannt habe, wer ich bin und wer nicht, was ich schaffe und was nicht, und mir Hilfe geholt habe, als ich sie brauchte. Und genau das nicht mehr als Schwäche angesehen habe. Außerdem habe ich mir sagen lassen, dass es viele andere auch nicht „hinkriegen“. Sie haben nur Angst davor, was passiert, wenn sie wirklich hinschauen. Und das verstehe ich. Es ist beängstigend, traurig, hart. Aber es lohnt sich: Ich habe mich – und das schreibe ich knappe drei Monate nach einer aus unterschiedlichen Gründen wirklich, wirklich traurigen Trennung – in meinem Leben noch nie so gut gefühlt wie gerade. Ich war noch nie so im Einklang mit dem, wer ich bin. Die Entscheidung, Liebe und Vertrauen zu wählen, nachdem mein Kopf zwanzig Jahre lang gesagt hat: du musst Angst haben, alles geht irgendwann kaputt, misstraue, mach dir Sorgen um deine Zukunft, du bist wertlos, du bist unattraktiv, diese Entscheidung ist befreiender als alles, was ich mir hätte vorstellen können. Selbstliebe, Leute. Nicht Eitelkeit, klar. Wirkliche, ehrliche Selbstliebe, ein sich selbst Annehmen wie man ist – es ist der Wahnsinn. Ich hoffe, ihr wisst das eh schon <3

Zusammenfassend: Ich lebe wieder in München, habe Lust auf die Auftritte der nächste Wochen, meditiere, lese, mache Yoga, ein Coaching, Therapie, weine, lache und habe erstmals seit ich mich erinnern kann keine Angst vor der Zukunft. Es geht sich alles aus. Und jeder Mensch ist vollkommen. Nicht perfekt. Aber vollkommen. Dir fehlt nichts. Du bist nicht falsch. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.

Das waren schon viele News, aber jetzt vielleicht einige andere:

– Mein aktuelles Buch „Was ich ihr nicht schreibe“ gibt es mittlerweile auch als Hörbuch, komplett eingelesen von mir. Angeblich habe ich eine schöne Stimme. Hört es euch an!

– Ich würde gerne in den nächsten Wochen und Monaten einige Wohnzimmerlesungen machen. Ich habe damit in Rottweil angefangen, und es hat so viel Spaß gemacht, und war so viel näher und persönlicher, als auf einer großen Bühne zu stehen. Und es passt viel besser zu meinem aktuellen Buch. Wie sieht das Ganze aus? Ihr habt ein Wohnzimmer, in das 20-50 Menschen passen, ladet 20-50 Menschen ein, ich lese eine gute Stunde aus dem Buch, und dann reden wir über die Texte oder das Leben oder worüber wir reden wollen. Ich habe eine BahnCard100 und brauche maximal ein Sofa irgendwo. Wir lassen einen Hut rumgehen, ansonsten brauche ich nichts. Warum ich das mache? Es gibt Auftritte, die mir mein Einkommen bescheren, und es gibt Auftritte, die ich machen möchte. Und ich möchte euch gerne kennenlernen, die Menschen, die euch wichtig sind. Ich habe festgestellt, wie viel mehr Spaß mir eine persönliche Lesung macht als ein Kabarett-Solo vor einem dunklen Raum zu spielen. Ich werde nie derjenige sein, der die O2-World ausverkauft, weil er so geil lustig ist. Ich bin derjenige, der versucht, im kleinen die Menschen zu berühren und mit einer halbwegs sinnvollen Message und Haltung durchs Leben zu gehen. Da fühle ich mich wohl, und das möchte ich mit euch teilen. Ich kann natürlich nicht versprechen, dass ich alle Einladungen annehmen kann, aber das soll euch nie davon abhalten, zu fragen. Je München, desto besser. Ich freue mich!

– Meinem Hund Ibsen, weil viele von euch gefragt haben, geht es hervorragend. Er ist seit einem knappen Jahr bei seinen neuen Menschen, und fühlt sich dort extrem wohl. Es tut ihm gut, nicht mehr alle zwei Wochen zwischen mir und Hundesittern zu pendeln, weil ich dauernd weg bin. Er ist ausgeglichen, und immer, wenn ich mit ihm spazieren bin, denke ich, was für eine gute Entscheidung das war, ihm diesen neuen Ort zu schaffen. Ich bin oft traurig, dass ich ihn nach neun Jahren weggegeben habe, aber es war die richtige Entscheidung für ihn, und das ist mehr Wert als mein Ego, das mir deshalb ein schlechtes Gewissen machen möchte. Trotzdem schreibe ich noch „mein Hund Ibsen“ <3

Kunst, die ich in den letzten Monaten bemerkenswert fand:

– Die Biografie von Trevor Noah, einem Late-Night-Host, fand ich stark. Sie heißt „Born a Crime“ und handelt von seinem Aufwachsen in Südafrika. Wahnsinnig authentisch und informativ, klare Empfehlung.

– Emily Pine hat „Notes to Self“ geschrieben, eine Sammlung von fünf oder sechs persönlichen Essays (meine Ausgabe ist noch in einer Kiste). Besonders eindrücklich ist die Geschichte, in der sie und ihr Partner versuchen, ein Kind zu bekommen. Was es mit ihr macht, als das nicht klappt. Welche Gefühle sie gegenüber ihrer Schwester entwickelt, die wieder schwanger ist. In welche Richtung die Vorwürfe gehen und wie sie schließlich irgendwo ankommt, wo sie alles halbwegs akzeptieren kann. Ich mag einfach diesen persönlichen Essaystil sehr gerne, was ihr an meinem neuen Buch vielleicht schon gemerkt habt.

– „My Absolute Darling“ von Gabriel Tallent lese ich gerade und bin sehr bewegt. Auf Englisch hatte ich die ersten Seiten noch Probleme mit dem krassen Wortschatz, aber habe mich daran gewöhnt. Das Buch handelt von einer 14-Jährigen, die in Nordkalifornien mit ihrem Vater aufwächst, der sie psychischer und teilweise auch physischer Gewalt aussetzt. Es ist so eindringlich aus der Perspektive des Mädchens geschrieben, ihre Gedanken zu ihrer Situation sind wahnsinnig fein herausgearbeitet: Das sich selbst Schuld geben, der Widerstand, die Verbundenheit zu ihrem Vater. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, wo das Buch endet, weil alles von ihr gleichzeitig als normal und aushaltbar und als schrecklich beschrieben wird. Extrem einfühlend erzählt.

– „Paris, Texas“ kennt ihr vermutlich, ein Film von Wim Wenders. Ich habe in Rottweil viel nachgeholt an klassischen Filmen, die ich nie gesehen habe. „Casablanca“, „La dolce vita“, „Ein Fisch namens Wanda“, „Chinatown“!!, und eben „Paris, Texas“. Ich mag es, wenn ich vorher nicht weiß, was mich erwartet, und dann weggeflasht werde von der Bildgewalt und der Sprache eines Films. Ich möchte gar nicht viel verraten, aber diese lange Dialog- und die Schlussszene – Alter! Anschauen!

– Eine Freundin hat mir zu Neujahr das Versprechen abgenommen, dass ich nicht den ganzen Tag an mir arbeite und meditiere und meine Persönlichkeit entwickle, sondern auch mal Netflix schaue. Das habe ich bisher so gut wie nie gemacht, aber ja, leider geil. Meine erste Serie war „Atypical“, die Coming-of-Age-Geschichte von Sam, einem autistischen 18-Jährigen. Toll geschrieben, cooler Plot über mittlerweile drei Staffeln, und wirklich liebevoll. „The essence of anyone is the one thing that stays true about them in any situation.“ Word. So ungefähr würde ich eine Serie schreiben wollen, wenn ich eine Serie schreiben könnte.

Auftritte in den nächsten Wochen:

– Morgen Abend: Best of Poetry Slam in Hamburg, Ernst Deutsch-Theater. Der erste Slam mit Simultanübersetzung für Gehörlose. Ich habe meine Texte („bitte keine Wortspiele“) im Voraus geschickt und freue mich, live mit Gebärdendolmetscherin aufzutreten. Das wird bestimmt eine tolle Erfahrung. Der Slam ist ausverkauft, aber falls du zufällig in Hamburg wohnst und kommen möchtest, schreib mir – vielleicht kriege ich noch eine Gästekarte organisiert!

– Kommenden Mittwoch, am 29.01., sind wir mit den „Stützen der Gesellschaft“ in der Lach und Schieß. Es gibt noch einige Karten, und ich freu mich, wenn wir uns bei meiner Lieblingslesebühne sehen. Und so oft werde ich den König-Ludwig-Text in München nicht mehr live machen 😉 (Nächster Termin: 03.03.)

– Falls ihr kommende Woche nicht könnt, dann vielleicht nächste? 05.02., Stützen der Gesellschaft in der Monacensia. Das Archiv der Münchner Schriftsteller*innen bietet uns fortan zwei Mal pro Jahr einen Raum für ein Gastspiel. Und die Kooperation macht Sinn: Wir stellen in eh in jeder Show Münchner Künstler*innen vor, warum also nicht dort, wo ihr Andenken aufbewahrt und hochgehalten wird? In jeder Show werden wir einen runden Geburtstag oder Todestag begehen, in dem wir extra einen neuen Text schreiben – in diesem Fall beschäftigt sich der tolle Frank Klötgen mit Annette Kolb. Es wird alles salonmäßiger bei uns dieses Jahr, darauf freue ich mich. (Nächster Termin: 01.07.)

– Am 07.03. findet in Lindenberg der nächste Slam statt, nur dass es kein Slam ist, sondern eine Show. Katrin Freiburghaus kommt und liest und singt (auch ein oder zwei Lieder mit mir!), Marius Loy und Nik Salsflausen kommen und lesen und singen (sie haben eine Band, mit Geige!). Plus Nuria Glasauer, eine junge Poetin, die am Literaturinstitut Leipzig studiert und jetzt schon besser ist als ich, dabei war sie mal meine Workshopschülerin. Das wird eine tolle Runde!

– Im März bin nich bei der Buchmesse in Leipzig, mit einer Lesung auf der Leseinsel der unabhängigen Verlage. Außerdem bin ich beim Gipfeltreffen G3 und beim Buchmessenslam, jeweils im Schauspielhaus, dabei.

Weitere Termine gibt es auf meiner Website.

Was sonst noch wichtig ist:

Ich habe in München gerade ein schönes Zimmer in einer fantastischen Wohnung. Es ist der perfekte Ort, um wieder in München anzukommen. Allerdings geht das nur bis maximal Ende Mai. Wenn ihr also, liebe Münchnerinnen und Münchner, von einer Wohnung hört, die irgendwann im Laufe des Frühjahrs frei wird: Lasst es mich bitte wissen. 2-3 Zimmer, maximal 1.200 mit allem (schönen Gruß an alle, die nicht in München suchen müssen), innerhalb des mittleren Rings. Altbau, Stuck, Balkon, Badewanne und Baum vor dem Fenster sind fakultativ.
Solltet ihr mir wo anders hinlocken wollen, könnt ihr euer Glück auch gerne versuchen. Ich bin zum Beispiel auch sehr offen für Häuser in den schwedischen Schären, falls ihr gerade eins günstig abzugeben habt.

Specal Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ich hoffe sehr, dass euch diese Nachricht nicht erschlagen hat. Ich habe für mich festgestellt, dass es nicht meine Aufgabe ist, die Welt im Alleingang zu retten, indem ich verpackungsfrei einkaufe. Das tue ich, wo es geht, aber wenn es nicht geht, geht es nicht, ohne dass ich zusammenbreche. Ich glaube, wo ich die Welt ein bisschen besser machen kann, ist vor allem in meiner Kunst. Dass ich gut bin, authentisch, persönlich. Dass ich die Menschen mit Storys über mich abhole und versuche, mit diesen Geschichten etwas in ihnen zu bewegen, das sie in diesem Moment gerade bereit sind zu bewegen. Deshalb die Hauslesungen, deshalb der Stil des neuen Buchs und deshalb auch die Art, den Newsletter zu schreiben. Ich verstehe, wenn das für den einen oder die andere vielleicht nicht das ist, was ihr euch vorgestellt habt, als ihr ihn abonniert habt. In dem Fall schreibt mir einfach, dann nehme ich euch wieder raus. No hard feelings whatsoever <3

Ihr Lieben, habt einen schönen Sonntag und einen guten Start in die Woche. Schreibt mir, wenn ihr euch danach fühlt, ladet mich ein, lest und hört mein Zeug an. Lasst die Kunst (nicht nur meine) euch bewegen, vertraut euch und wählt jeden Tag wieder die Liebe, denn sie ist viel schöner als die Angst.

Nur das beste für euch!
Alex

Abschiedsrede als Rottweiler Stadtschreiber

Ich war ein schlechter Stadtschreiber.

Von den 84 Tagen zwischen meiner Begrüßung und meiner Verabschiedung war ich nur an 22 Tagen komplett da.

Ich habe nur einen der drei vorgesehen Schulworkshops leiten können.

Ich habe zwei Hauslesungen absagen müssen und habe viele weitere gar nicht angenommen.

Ich war nicht im Dominikanermuseum und nicht im Forum Kunst.

Ich war nicht auf dem Weihnachtsmarkt bin auch den Testturm für Korkenzieher nicht hochgefahren.

Ich bin in der Pause von Nathan der Weise gegangen, weil ich noch mit meiner Freundin telefonieren wollte. Die Quittung dafür habe ich am nächsten Marktsamstag bekommen, als mich drei Leute fragten, was da los gewesen sei.

Ich habe ganz wenig über Rottweil gesprochen und geschrieben, obwohl ich schon nach zwei Tagen gemerkt habe, dass das das schlimmste ist, was man einem Rottweiler antun kann.

Sogar diese Rede habe ich erst heute Vormittag verfasst. Auch wenn sie schon lange in mir war.

Ich wurde gut aufgenommen. Ich habe einen Konviktspulli geschenkt bekommen und einen neuen Bildband über Rottweil, der alles, was hinter der Hochbrücke kommt, als „um Rottweil herum“ beschreibt. Und ich habe in meinen ersten zwei Tagen hier so viele Superlative über Rottweil um die Ohren gehauen bekommen, dass ich selbst gar keine mehr entdecken konnte. Aber ich habe mich bemüht und ein paar gefunden, die in keiner Bürgermeisterrede und keinem Bildband erwähnt sind. Rottweil hat

  • die höchste Dichte an ungenutzten Dachgauben nördlich von Bern
  • das möglicherweise trichterförmigste Gleisbett Süddeutschlands
  • die verschworenste und am Elitärsten sich gebärende Saunagemeinschaft der Welt
  • die höchste Zebrastreifendichte in einem Stadtzentrum nördlich von Gaborone
  • die zentraleuropäischsten Städtepartnerschaften im deutschsprachigen Raum
  • das größte Altstadt-vs.-mittelalterliche-Stadt-Verwirrpotenzial Deutschlands
  • die höchste Frequenz der Erwähnung der eigenen Superlative nach Zlatan Ibrahimovic

Eine Bekannte erzählte mir gestern, dass sie sich auch nach einem halben Jahrhundert in Rottweil noch als Neigschmeckte sieht und gesehen wird. Und ihr werdet am nächsten Marktsamstag darüber reden, wer das wohl war. Auch ich bin in den drei Monaten kein Rottweiler geworden. Ich wurde in den seltensten Fällen mit meinem Namen angesprochen, sondern stets nur mit „Ach, das ist doch der Stadtschreiber“. Also habe ich es gar nicht groß versucht, sondern viel mehr von außen auf die Stadt geschaut, ganz wörtlich: Ich war auf dem Oberhohenberg, bin um Dietingen gelaufen und bis nach Schwenningen, bin permanent im Neckartal und in der Au unterwegs gewesen. Ich habe das gemacht, was ich zu Hause auch mache, was vielleicht das größte Kompliment ist, das ich einer Stadt machen kann.

Ungefähr nach der Hälfte der Zeit hier hat meine Freundin Schluss gemacht. Rückblickend hätte ich Nathan der Weise also zu Ende schauen können. Die ersten vier Wochen, in denen ich fast durchgehend hier war, haben ihr klar gemacht, wie wenig sie es vermisst, nach Hause zu kommen zu jemandem, dem es lange Zeit des Jahres absolut nicht gut ging. Und der das leider zu oft an der Beziehung rausgelassen hat. Wie schwer es oft war, eine Verbindung zueinander zu finden, wenn ich nur am Wochenende daheim war. Dabei ging es mir zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr so schlecht. Denn die ersten vier Wochen, in denen ich fast durchgehend hier war, haben mir klar gemacht, wie wenig ich es vermisse, permanent unter Stress zu stehen, mir selbst unmenschlich viel Druck zu machen. Die Spaziergänge und die hier erlebte Wertschätzung für meine Kunst haben einiges in mir in Gang gebracht, das sich jahrelang nicht zeigen durfte. Ich war ein schlechter Stadtschreiber, vielleicht, aber ich war ein guter Stadtlerner. Ich habe in den letzten drei Monaten gelernt, was für ein Mensch ich sein möchte, was mir wirklich wichtig ist, wo ich künstlerisch hin möchte, ich habe mein schönes, verletztes Inneres erforscht, habe mir erlaubt zu fühlen, statt immer nur zu denken, ich habe mich in einen Zustand der bedingungslosen Liebe hineinmeditiert und meine Umwelt derart in positive Schwingung versetzt, dass mir das Konvikt einen unbefristeten Vertrag als Maskottchen angeboten hat.

Überhaupt das Konvikt. Als ich vor zwei Wochen für die letzte Phase nach Rottweil gekommen bin, nach drei Wochen Abwesenheit, in denen ich von einer Couch zur nächsten gezogen bin, versucht habe, meine Trauer zuzulassen, gleichzeitig meinen neuen, positiven Weg weiterzugehen, mir klar zu werden, wo es weitergehen soll, eine neue Wohnung zu finden, in denen ich Auftritte hatte, mit meiner einstigen Freundin gesprochen und geweint habe – als ich also vor zwei Wochen wiederkam, in mein Zimmer, dachte ich: Wie schön, dass es sich hier immer noch vertraut anfühlt.

Ich möchte niemanden aus dem Personal hervorheben, denn sie alle haben mir vom ersten Moment nichts als Zuneigung und Verständnis entgegengebracht und dafür danke ich ihnen.

Genauso wie allen anderen, denen ich die letzten drei Monate begegnet bin. Ob Yogalehrerin, Stadtführer, Kulturamtsmenschen, Kabarett-Rentner, Apothekerin, Schreibwerkstattheldinnen, Taxifahrer aus Balingen (long story) und so viele Zuhörende in den Wohnzimmern und im Schwarzen Lamm. Die Stadt war nett, die Menschen in der Stadt waren wundervoll.

Nicht zuletzt ein Dankeschön an alle Schülerinnen und Schüler im Konvikt, mit denen ich Essensraum, Bowlingbahn und teilweise das Bad geteilt habe. Alle, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin, sind warme, liebevolle, unsichere, aber so wertvolle Menschen. Ich wünsche ihnen allen, dass sie das in ihrem Leben noch oft gesagt und gezeigt bekommen, vielleicht auch ab und zu von sich selbst.

Mein Vorgänger Thomas Perle hat im September gesagt, dass ich viel über mich lernen würde. Das stimmt. Er hat mir auch gesteckt, dass im Konvikt auf den Zimmern geheime Rap-Battles stattfinden. Ob das stimmt, fragt ihr mich jetzt?

Was hier im Konvikt passiert, das bleibt im Konvikt
Bruder, was hier abgeht, das ist heiß wie Pommes frittes,
doch das schreib ich nicht mit. „Ein Beweis wär schon schick!“
Also gut, dann wirst du jetzt auf eine Reise geschickt!

Oberhalb des Neckars und von Mauern geschützt
lebt eine Gemeinschaft, die Vertrauen benützt
„Das heißt benutzt“ Ist egal Mann, fiel mir grade nicht ein
An manchen Tagen fühlst du dich hier fahl und allein
Doch wir sind ne Familie wie beim Paten, kapiert?
Uns’re Trinkgewohnheit ha’m wir von Piraten kopiert
Sprich sehr wenig, nur am Wochenend‘ in Maßen das Bier
Wir ha’m uns das nicht ausgesucht, doch jetzt sind wir hier.

Von der Fünften bis zur Zwölften, aus B/W und der Schweiz
haben wir fast alle Lebensformen dabei
Und beherrschst du nicht alles, was ein Rausschmeißer kann
Leg dich lieber nicht mit uns’rem Hausmeister an

Die Wände sind so dünn, dass ich alles hier hör
und gleichzeitig zu dick für normales Wlan, ich schwör
Wenn du glaubst, der Router schafft das, ja dann kennsch ’n schlecht
Ich geh nach Genf, Digger, Internet ist Menschenrecht

Du find’st dein bürgerliches Leben tough?
Du fühlst dich fehl am Platz, wenn du dir Pläne machst
und es im Urlaub einfach wieder nicht nach Schweden schaffst
Aufsteh’n musst du meistens schon um zehn nach acht
Bitte verzeih mir, dass ich über deine Rede lach
Dass du nicht weißt, was hart ist, habe ich mir eh gedacht
Du bist Tagesschüler, ich verbring hier jede Nacht!
Heut bin ich jäh erwacht, dabei war es ein guter Traum
Ich war Besitzer eines Schlüssels zum Computerraum

Wenn du nachts rausmusst, machst du Licht, du bist nicht tight, Digger. Mann:
Wenn ich aufs Klo muss schaut mich aus dem Dunst ein Heiliger an
so eilig ich kann geh ich vorbei, will nicht stören
Du bist auch mutig? Ich kann dich nicht hören.
Du duschst bei Mutti. Ich dusche mit Sören!

Alter, wir leben in verschiedenen Welten
wie Delfine und Welpen
oder Diebe und Elfen
Deine Family isst auswärts, geht ins Restaurong
Ich steh im Speisesaal und warte auf den Essensgong
Und nachdem ich hier die Spannkraft meines Bauchs entdecke
Geht es erstmal ganz gediegen in die Raucherecke
Du hast Angst, dass ich mal an diesem Brauch verrecke
und nach Jauche schmecke?
Du hast Angst, dass sich irgendwann die Drogen rächen?
Du kannst gerne mal mit meinem Pädagogen sprechen

Du bist stylisch, weil du dir ein rosa Polo kaufst?
Internats-Style – ich trage Bordeaux, du Lauch

Also, so würde ich das machen … Aber ich war nie eingeladen …

Ich habe keinen lobpreisenden Text über Rottweil geschrieben. Vielleicht gerade weil ich hier einfach gelebt habe, aufgehört habe, alles analysieren zu wollen. Angefangen habe, loszulassen. Ich habe von Rottweil definitiv mehr bekommen als Rottweil von mir bekommen hat.

Ich kann euch also nicht mit einem Gedicht über die Hochbrücke nach Hause schicken oder einem Krimi, der in den nebligen Winkeln um die Kapellenkirche herum spielt. Doch über alles, was ihr in Zukunft von mir hört – „Er hat endlich nen Roman geschrieben“, „Hier der neue Film, den du so gut findest: Das Drehbuch ist von ihm“, „Hast du gehört, der Alex wurde mit nem Kilo Kokain an der kolumbianischen Grenze erwischt“ – über alles, was meine Zukunft bringt, könntet ihr sagen: „Ohne Rottweil wäre das nicht passiert.“ Und ihr hättet recht. Und vielleicht macht mich das doch zu einem würdigen Stadtschreiber.

Danke für die schöne Zeit.

Newsletter #3 – Wherever you go

Liebe Interessierte,

zunächst möchte ich die vielen Freiburgerinnen und Freiburger, die Menschen aus Wangen, Rottweil und Lindenberg in unserer Mitte begrüßen. Herzlich willkommen, schön, dass ihr mitlest!

Ich schreibe diese Mail von meinem Schreibtisch in Rottweil, wo ich seit Dienstag als Stadtschreiber tätig bin. „Was macht man als Stadtschreiber?“, wurde ich in den Interviews vorher und bei der Begrüßung gefragt, und meine Antwort ist: „Lernen.“ Und vielleicht ein bisschen was schreiben. Und mich mit dem Ort beschäftigen, an dem ich jetzt drei Monate lang mit kleinen Unterbrechungen leben werde.

Mit zwei anderen Orten habe ich mich das ganze Jahr schon beschäftigt: Mit dem übervollen München und ob meine Freundin Anja und ich dort bleiben können und wollen, und mit der neuen Wohnung in Esslingen, unter der Tag (Eisdiele) und Nacht (Guys-Spiele) Betrieb ist. Die Wohnung ist wunderschön, aber Fachwerk ist nicht für Menschen über 1,75m gemacht. Esslingen ist wunderschön, aber nicht für linksintellektuelle Literaten gemacht. Aus zehn Jahren München habe ich mich rausgerissen, nach sechs Monaten Esslingen bin ich nicht angekommen: Ich fühlte mich zuletzt sehr oft, als wäre ich am falschen Ort.
Dann hörte ich eine Folge des Mountain Goats-Podcasts, den ich das letzte Mal empfohlen habe, und John Darnielle, Joseph Fink und Amanda Palmer unterhielten sich über Orte. „A place is not good or bad, a place is who you were when you went there“, sagte Joseph Fink, und John Darnielle ergänzte: „There is no place that you can live that isn’t awesome if you are willing to invest yourself in it and find out what’s awesome.“ Der Gedanke, dass man sein Leben komplett reparieren kann, wenn man nur da und dort hinzieht, funktioniert nicht, „because wherever you go, there you are.“ Wenn ich nur München mit seinen aggressiven Autos, den vollen U-Bahnen und der Wiesn hinter mir ließe, würde alles gut werden, redete ich mir die letzten Jahre oft ein. Doch lärmende Fußgänger, ausfallende S-Bahnen und der Wasen sind auch nicht besser. Es liegt an mir und meiner Bereitschaft, dass ich mich schwer auf Orte einlassen konnte.

Letzte Woche waren wir in Esslingen erstmals (!) mit zwei Freund*innen in einer Bar. Ich könnte anführen, dass es nicht wahnsinnig viele entspannte Bars in Esslingen gibt, oder dass die drei Menschen, die wir hier kennen, selten Zeit haben, aber das wären Ausflüchte: Ich wollte es hier bisher oftmals nicht schön finden. Einen Tag später bin ich 30 Kilometer durch die Wälder und Streuobstwiesen spaziert und bei Göppingen wieder in den Zug zurück gestiegen. Ich war völlig fertig, aber glücklich über die Farben und Geräusche und Tiere. Den Muskelkater habe ich mir am nächsten Tag wegmassieren lassen, weil ich von meinem Freund Philipp Herold gelernt habe, dass wir achtgeben müssen, dass unser Körper das alles mitmacht: „Du bist 31 und reist das ganze Jahr in unbequemen Schalensitzen durch das Land und sitzt am Schreibtisch. Gönn dir regelmäßig eine Massage!“ München hat viele Bars und das Vereinsheim vermisse ich wirklich sehr. Man ist auch dort recht schnell im Grünen, und kann sich massieren lassen. Genauso wie in Freiburg oder Wangen oder Lindenberg. Diese Dinge sind nicht Kennzeichen eines bestimmten Ortes, sondern einer Haltung, eines Achtens darauf, was einem guttut und wie man seine Tage verbringen möchte.

An meinem zweiten Tag in Rottweil bin ich sechs Stunden spazieren gegangen, ein Besucher des Empfangs bot mir an, mir die Bars der Stadt zu zeigen, und nach einem weiteren Tag hatte mir eine Yogalehrerin einen Platz in ihrem Kurs angeboten. Es geht schnell, wenn man es zulässt. Natürlich ist es okay, dass ich meine Freundinnen und Freunde in München unheimlich vermisse. Natürlich fehlt mir mein Hund Ibsen, der in München bei fantastischen Menschen geblieben ist, sehr. Natürlich ist die künstlerische Grundatmosphäre in meinen Kreisen in München etwas, das mir gut tun würde. Aber so lange ich wo anders bin, kann ich genauso gut das, was mir wichtig ist, an diesen Orten suchen!


Tatsächliche Neuigkeiten im Neuigkeitenbrief:

– Meine geliebte Münchner Lesebühne „Die Stützen der Gesellschaft“ wird ab 2020 in der Lach- und Schießgesellschaft stattfinden, worauf ich mich sehr freue. Außerdem werden wir pro Jahr zwei Gastspiele in der Monacensia haben. Alles neu also, nur die Besetzung nicht: Frank Klötgen, Sven Kemmler, Fee und Katrin Freiburghaus. Und ich.

– Halbneu: Auf YouTube gibt es jetzt eine Playlist mit allen Liedern der ersten EP meiner Band „The Baby and the Dog“. Sogar mit den jeweiligen Lyrics. Und zwar hier: The Bookstore Is Closed. Weiterhin poste ich jede Woche ein Video eines Texts aus meinem neuen Buch, also abonniert den Kanal gerne, falls ihr ein YouTube-Konto habt.

– Diese Woche erschien das erwähnte neue Buch, „Was ich ihr nicht schreibe“. Es ist superschön geworden! Gerade die zweite Hälfte des Buchs mit vielen Texten in einem persönlichen nonfictional style gefällt mir supergut. Einen der neuen Texte könnt ihr euch hier direkt anschauen, für einen kleinen Eindruck.
Das Buch könnt ihr beim Satyr Verlag bestellen oder bei meiner Münchner Lieblingsbuchhandlung, die es auch gerne verschickt. Oder in jeder anderen Buchhandlung. Oder bei mir in einer Antwort auf diese Mail, dann schreib ich euch auch was rein!


Kunst, an der ich in den letzten Wochen Freude hatte:

– „Alte Sorten“ von Ewald Arenz (Dumont Verlag); eine 17-Jährige haut aus der Klinik ab und trifft auf eine 59-Jährige und ihren Hof in Mainfranken. Die Art, wie sich die Beziehung der beiden entwickelt, erinnert mich an meinen Lieblingsfilm Nothing Personal; hier geht es um Wein, Birnen, die Vergangenheit, körperliche Arbeit und Vertrauen. Arenz kommt mit sehr wenigen Figuren aus und hat einen der ersten Romane geschrieben, in dem das Thema psychische Krankheit zwar einmal erwähnt, aber nicht stigmatisiert wird. Es geht um die beiden Menschen, ganz wenig um irgendwelche Etiketten. Das macht das Buch sehr lesenswert und wertvoll, wie ich finde.

– „Scheize. Liebe. Sehnsucht“, eine Ausstellung von Ragnar Kjartansson, die noch bis Mitte Oktober im Kunstmuseum Stuttgart läuft. Ragnar ist ein isländischer Performance-Künstler, und seine Videoinstallationen und seine Musik sind so tiefgehend und schön, dass ich seit drei Wochen jeden Tag die Verse im Kopf habe. Beim Wandern um Esslingen habe ich gefühlte sechs Stunden immer wieder „There are stars exploding around you / and there’s nothing, nothing you can do“ gesungen. Ragnar setzt auf Wiederholung und ultralange Performances. Die Installation „The Visitors“, in der eine Gruppe Musiker*innen aus Reykjavík in unterschiedlichen Räumen einer riesigen Villa steht und gemeinsam ein Lied spielt, dauert über eine Stunde, und meine Freundin Anja und ich saßen in dem Raum und haben sie fast zwei Mal angeschaut, weil sie uns (vor allem mich, glaube ich) so in ihren Bann gezogen hat. Ich werde auf jeden Fall noch mal rein, weil wir nur eine der drei Etagen geschafft haben beim ersten Besuch. Es gibt noch eine 6-Stunden-Installation, in der er und die Band The National im MoMA immer wieder deren Lied „Sorrow“ spielen. 6 Stunden, das selbe Lied. Mal schauen, wie lange ich da drinsitzen werde. Aber Wiederholung ist unheimlich meditativ und befreit. Solltet ihr demnächst in Stuttgart sein oder Umstiegszeit haben oder einfach Bock auf Kunst haben, schaut euch die Ausstellung an! Für alle anderen gibt es hier einen okayen Mitschnitt von „The Visitors“ auf YouTube. „Once again I fall into my feminine ways …“

– Anja hat mir letztens einen Film gezeigt, den ich bis dato noch nie gesehen hatte. „Star Wars“. Keine Ahnung, ob euch das was sagt. Zukunftsdystopie mit ein paar Held*innen und komischen Weltraumwesen. Ganz witzig.


Bühnen, die ich in den nächsten Wochen bespielen darf:

– Am 27.09. ist Slam in Wiesloch. Ja.
– Am 14.10. lese ich in Lindenberg aus „Was ich ihr nicht schreibe“, und zwar in der Buchhandlung Netzer.
– Am 15.10. sind das nächste Mal Die Stützen der Gesellschaft mit meiner Beteiligung, und eine der letzten Shows im Fraunhofer Theater. Karten gibt es beim Fraunhofer Theater oder an der Abendkasse, ebendort.
– Am 18. (abends) und 19.10. (vormittags) bin ich in diversen Auftritten bei der Frankfurter Buchmesse vertreten, außerdem hänge ich am Satyr-Stand rum. Besucht mich 🙂
– Am 19. und 20.10. schließlich die letzten beiden Ausgaben meines Kabarett-Programms „Man kennt das ja“, in Norden und St. Ingbert. Falls ihr eine kleine Reise machen wollt. Oder jemanden kennt, der oder die dort lebt.
– Am 24.10. lese ich im Schwarzen Lamm in Rottweil aus „Was ich ihr nicht schreibe“.


Special Treat des Monats:

(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Wie immer freue ich mich über Antworten, Anregungen, Geldspenden und Liebe. Ich wünsche euch einen schönen Beginn des Herbsts, viele Pilze und eine ausgeglichene Zeit. Und vergesst nicht: Wherever you go, there you are.

Bis zum nächsten Mal,
Alex

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Newsletter #2 – Ibsen und Robert Lewandowski

Liebe Lesende,

hier kommt, aus der Frische des Esslinger Fachwerknebels, die zweite Ausgabe meines Newsletters. Vielen Dank für die vielen positiven Reaktionen und Antworten auf die erste Ausgabe, das hat mich mit großer Freude erfüllt.

Vor einigen Minuten habe ich die endgültige Fassung meines neuen Buchs abgegeben, das mich die letzten Monate begleitet hat. Es war extrem schön und extrem anstrengend, es fertigzustellen: Anstrengend, weil, na ja, ein Buch schreiben, aber auch schön, weil ich die letzten Wochen wirklich daran gearbeitet habe. Ich habe mich morgens hingesetzt, an einzelnen Texten gefeilt, neue Texte geschrieben, mir Feedback geholt, das eingearbeitet. Fast kein Text ist so im Buch, wie ich ihn auf der Bühne gelesen habe, und einige Texte im Buch habe ich noch nie vorgelesen, so neu sind sie. Die letzte große Entscheidung war, drei englische Gedichte rauszuwerfen, die ich sehr mag, die aber nicht so gut reingepasst haben wie andere Texte. Kill your darlings. Es sind trotzdem 192 Seiten geworden statt der geplanten 160, und es kostet trotzdem nicht mehr als geplant. Verrückt.

Was ich im ersten Newsletter nicht geschrieben habe: Mein Hund Ibsen ist nicht mit uns nach Esslingen gekommen. Er wohnt bei seinen bisherigen Hundesittern in einem Haus mit Garten am Waldrand (a farm upstate) und ist, ich war im Juni zwei Mal mit ihm spazieren, so ausgeglichen und entspannt, wie er es in der Zeit bei mir selten war. Wahrscheinlich weil ich es selten war. Die Entscheidung, ihn abzugeben, war wohl eine der schwersten in meinem Leben. Aber als feststand, dass wir in München in zwei Monaten nichts in einer Lage finden, die für ihn (Englischer Garten, Isar) und uns (zentral) sinnvoll ist, musste ich den Gedanken zulassen. Ihn in eine andere Stadt, und konkret nach Esslingen, mitzunehmen, wäre auch nicht leicht gewesen: Ich bin beruflich viel unterwegs, hätte wieder sehr flexible neue Hundesitter suchen müssen (was ich zuvor in München schon ein Jahr ununterbrochen gemacht hatte). Ich hätte nicht so oft wieder nach München können, ohne ihn mitzunehmen, was teuer ist und schwer, wenn ich bei Freundinnen und Freunden unterkomme. Im Endeffekt hätte sich genau der Stress fortgesetzt, den ich im letzten Jahr in München in meinem Alltag hatte. Es hätte sich nicht nach neuem Start angefühlt. Außerdem ist hier Leinenpflicht, und das konnte ich ihm nicht antun.
Zur Zeit fühle ich mich vor allem deshalb schlecht, weil Tage vergehen, ohne dass ich an ihn denke, oder es vermisse, jeden Tag mit ihm rauszugehen. Ich schaue nicht mehr automatisch neben mein rechtes Bein, wenn ich an eine Straßenkreuzung komme, sage nicht mehr leise „Halt“. Ich dachte, dass es mir viel schwerer fallen würde ohne ihn, aber nach fast neun Jahren Herrchen sein ist es gerade eine große Erleichterung, mir meine Zeit frei einteilen zu können und weniger Verantwortung zu spüren. Es ist total spannend: Ich habe drei Monate überlegt, ich habe so viel geweint, ich habe die beste Lösung gesucht, wir haben einen unglaublich schönen Übergang hinbekommen, ich habe mich aufopfernd darum gekümmert, dass sowohl Ibsen als auch seine neuen Menschen einen schönen Start haben, die letzten Spaziergänge, die letzten Tage in der alten Wohnung, teilweise schon zwischen den Kisten. Ich habe das alles richtig gut gemacht. Und mir einzugestehen, dass ich vielleicht deshalb nicht so viel an ihn denke, weil das keine Hals-über-Kopf-Entscheidung war, keine Impulshandlung, nichts Tragisches (also auf ne Art schon, aber kein Trauma oder so), sondern einfach eine Entscheidung, die ich sorgsam und bewusst getroffen und die ich fantastisch umgesetzt habe, das ist ungewohnt. Das ist schön. Weil ich ja schon immer leiden will. Es bedeutet auch nicht, dass ich nicht Rotz und Wasser heule, wenn in einem Podcast einer von der OP seines Hundes erzählt und wie er danach auf wackeligen Beinen zu ihm getrippelt ist. Ibsen war für ein Drittel meines Lebens mein treuer Begleiter, und ich bin ihm unendlich dankbar für alles, was wir zusammen erlebt haben. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich nicht in zehn Jahren sage: „Alex, du herzloses Arschloch, was hast du da angerichtet?“, aber gerade fühlt es sich an, als hätte ich für uns beide die richtige Entscheidung getroffen.

So, und nach all der Emotionalität jetzt noch einige plaine News:

– Die Lesung in der Autorenbuchhandlung, die erste in München mit dem neuen Buch, wurde vom 27. auf den 20. November verlegt. Die bereits gekauften Karten (ich kann es nicht fassen, dass ihr bereits Karten dafür gekauft habt!) behalten ihre Gültigkeit. Falls ihr den neuen Termin nicht wahrnehmen könnt, ruft kurz bei Karin an. Und schreibt mir, dann bekommt ihr ein kleines Entschuldigungs-Präsent.

– Gestern habe ich das erste Lyric-Video meiner Band auf YouTube gestellt. Ihr könnt es hier anschauen. Es handelt davon, wie es völlig okay ist, nicht so zu sein wie Robert Lewandowski. Falls er am Samstag im Supercup ein Tor macht, teilt das Video bitte wie blöd. Danke. In den nächsten Wochen folgen die anderen Songs unserer EP, abonniert gerne den Kanal, dann kriegt ihr sie immer frisch angezeigt.

– Ich wurde in den letzten Tagen wiederholt dazu gedrängt, einen Podcast zu machen. Kommt mir vom Format ja auch entgegen. Ein Freund hat das entsprechende Equipment, und will das forcieren. Jetzt die Frage an euch: Würdet ihr den anhören? Und weitere Fragen: Habt ihr Vorschläge zu Inhalt und Namen? Was wird das für ein Podcast? Mit wem und über würdet ihr mich gerne sprechen hören? Ich habe bereits kleine Ideen, aber ich freue mich über Input 🙂

– Meine Website ist überarbeitet und in einem neuen Design, und hat jetzt die wunderbare Seite „Schönes„, auf der unter anderem alle Fotos zu finden sind, die Anja von meinem Wanderstock und mir gemacht hat. (Den Meisterwanderstock habe ich 2017 bekommen, als ich Poetry Slam Meister wurde. Er hat mich ein Jahr begleitet und war mir Billarqueue, Regenschirm, Angel und vieles mehr. Es ist eine wirklich schöne Bildersammlung.)

Kunst, an der ich in den letzten Wochen Freude hatte:

– „Wir sind Gefangene“ und „Gelächter von außen“, die Autobiografien von Oskar Maria Graf. Der Gute ist in meiner Zeit in München ein bisschen unter meinem Radar geflogen, aber meine Güte, ist das gut. Wer etwas über München, Deutschland, ja: die Welt!, Anfang des 20. Jahrhunderts wissen will, sollte das lesen. Wie lebendig diese Stadt in seinen Zeilen wird, ist beängstigend gut.
– „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, ein Film, den mir mein Freund Pierre Jarawan schon vor Jahren empfohlen hat. Aber wie bei allem bin ich spät dran. Auf dem Rückflug von Island habe ich instinktiv auf den Titel geklickt, und war zwei Stunden lang gefesselt und gefangen und ergriffen. Das muss Kunst machen! Ich hoffe, sie haben haben damals zwei Millionen Oscars gewonnen.
– „Queer Eye“, eine Netflix-Show, die ihr eh alle kennt. Anja und ich haben sie vor einer Woche erstmals angeschaut und waren so elektrisiert von der positiven Energie, die die fünf Jungs versprühen, so viel Liebe, so viel Selbstwert, so viel Unbefangenheit. Ja, es ist amerikanisch und bestimmt auch sehr geskriptet, aber halt auch so rührend und wunderschön.
– „I only listen to the Mountain Goats“, ein Podcast von Joseph Fink, einem Autor, und John Darnielle, dem fucking Sänger der Mountain Goats. Die sitzen in Johns Keller und reden darüber, wie es ist, Künstler zu sein, Fan zu sein, und beides zu sein. Beide sagen so viele kluge und bereichernde Dinge, und obwohl ich die Band verehre, glaube ich, dass der Podcast auch für andere Menschen wirklich spannend sein kann.

Bühnen, die ich in den nächsten Wochen bespielen darf:

– Fast gar keine, juhu! Sommerpause!
– Also, übernächstes Wochenende lese ich in Freiburg unter Sternen, am Samstag, den 10.08.
– Am 23.08. bin ich in Leipzig beim Open Air im Clara Park dabei
– Am 07.09. gibt es das nächste Mal mein Soloprogramm „Man kennt das ja“ im Allgäu, und zwar in der Hängeschmiede in Wangen. Ein paar Karten gibt es noch: hier.
– In München bin ich das nächste Mal erst im Oktober wieder auf der Bühne, bei den Stützen der Gesellschaft am 15.10. Dann auch mit neuem Buch. Mark the date.

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Gehabt euch wohl, schreibt mir gerne, wenn ihr das Bedürfnis verspürt, sagt gerne weiter, dass es den Newletter gibt, und mich und die Band und den Erbse-Masala-Aufstrich im dm. Ich sende Liebe und Dankbarkeit in eure Postfächer und hoffe, ihr habt einen schönen Sommer!

Alex

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