Nördlich von Ratingen

der hund ist wegen mir geschimpft worden
ich stand auf einem astfriedhof in der sonne
führte selbstgespräche, eine vergessene lüftung

stieß auf eine koppel, rauhreif, kehrte um
ich grüßte den hund wie einen tramfahrer
meine aufmerksamkeit über mir an einer luftballonschnur

waldarbeiten als ungenaue erinnerungen an lärm
die folie meines hanfsamenriegels wie ein spickzettel in meiner tasche
der hund grüßte höflich zurück

Chef’s Table

Ich starte und zähle
Ich wasche und schäle
Ich rasple und rühre
Ich fasse und spüre
Ich mahle und rupfe
Ich forme und zupfe
Ich rolle und mixe
Ich reibe und mische
Ich schneide die Fische

Ich salze und würze
Ich walze und kürze
Ich siede mit Liebe
Flambiere die Tiere
Erhitze und schwitze
Ich stopfe und tropfe
Ich hoffe und rate
Ich stelle zur Seite und warte

Ich köchle, gieß ab und blanchiere
Ich brate, stech rein und probiere
Ich nippe und schlürfe
Ich schnipple und schürfe
Ich quetsche und presse
Ich mörser und zeste
No waste die Reste
Ich dünste und backe
Arrangiere und hacke
Ich schmeck ab und deck ab
Und check das Besteck ab
Ich hau hier extrem auf die Kacke

Ich koch ohne Pause
Jongliere die Kellen
Und du kommst nach Hause
Und willst was bestellen

Sonett für Ellida

Das neue Haus hat sechs große Zimmer
Und die ganze Ausstattung ist noch mal krasser
Auf die Verkehrsanbindung achtet er immer
Doch wieder ist in der Nähe kein Wasser

Der Sand ihrer Kindheit, der Wind um die Ohren
Von dem sie sich sicher war: das bleibt erhalten
Sie gingen im Landesinnern verloren
Erst Hunger auf Leben, dann Leben Verwalten

Die Kinder lieben die bebende Stadt
Hier kann man so schön der Leere entfliehen
Er ist trotz Beförderung niemals ganz satt

Sie fühlt sich wie eine Patientin am Tropf
Irgendwann wird sie den Zugang sich ziehen
Bis dahin behält sie die Dünen im Kopf

Alleine verdauen

Irgendwann ist es Standard geworden
dass ich beim Essen Netflix schaue
Der Computer sitzt auf dem Holztisch
wie eine schlecht erzogene Katze
Seit meine Mitbewohnerin einen neuen Job hat
fällt es mir schwerer, zu Hause zu sein
Alleine kochen
Alleine essen
Alleine verdauen
Heute habe ich mich dazu gezwungen
den Laptop in meinem Zimmer zu lassen
Es gibt Gelbes Dal und Basmatireis
Ich fürchte mich vor den Erinnerungen
an die Abendessen meiner Kindheit
Vielleicht muss ich lauter schmatzen
Chrm
Chrm
Chrm
Mh
Mnjam
Chrmchrm
Chrm
Ich liebe dich, Alex

Newsletter #9 – Dichter:innen und Denker:innen

Ladies and Genderfans,

meine Freundin Fee und ich schreiben uns seit Jahren Nachrichten aus dem Zug mit Dingen, die wir verstehen, wenn die Begleiter:innen „Ladies and Gentlemen“ sagen. Ladies and Champions, Ladies and Schelme. Ladies and Jennifer. Es ist ein großer Spaß. Ist mir nur gerade eingefallen, als ich den Betreff genderte.

Fee und ich haben uns zuletzt Mitte Oktober gesehen, als entgegen aller Wahrscheinlichkeiten unsere Lesebühne „Die Stützen der Gesellschaft“ stattfinden konnte. In meiner Heimatstadt Lindenberg. Alle im Publikum trugen Maske, saßen auseinander, niemand sang bei Franks „Gefühlter Übersetzung“ mit, und wir mussten das Mikro desinfizieren, wenn wir dran waren. Und trotzdem hatten wir Tränen in den Augen während der Show und danach, weil wir uns so gefreut haben, endlich mal wieder (zuletzt im Februar) zusammen auftreten zu dürfen. Am Ende wurde Sven sehr emotional und nahm das Publikum in die Pflicht, der Kultur beizustehen in diesen Zeiten. Wir hätten uns alle hart erarbeitet, von unserer Kunst leben zu können, und die momentanen Vorschriften gingen vielen an die Existenz. Es sei mehr als ein bisschen vorlesen. Unsere Leben hingen daran, dass wir diese Phase überstünden. Ein Lockdown in dieser Form käme einem Berufsverbot gleich, für alle vor und hinter und auf den Bühnen des Landes. Er sagte noch mehr, und er sagte es schöner, vor allem, weil seine Stimme so schön tief ist.

Ich war kurz irritiert, denn es war meine Heimat, und hier stand dieser erfahrene, whiskytiefe Philosoph, der mir so oft ein Vorbild war, und bat Menschen, die mich kennen, darum, doch bitteschön ordentlich Bücher zu kaufen und andere Dinge zu unternehmen, damit wir und damit die Kunst all das überleben. Was sollen die Leute denken, erinnerte ich mich an einen Buchtitel von Jess Jochimsen. Doch dann war ich stolz, weil Sven formulierte, was ich oft gedacht, aber nicht ausgesprochen hatte. Während des Lockdowns kommst du mal wieder zum Lesen? Kunst. Eine Serie schauen? Kunst. Netflix, die Lieblingsmusik, Brettspiele? Die Kunst hilft jeder und jedem von uns, den Verstand nicht zu verlieren in dieser Zeit, da dies so wahnsinnig leicht ist.

Neulich stand ich in Balingen, wo die DB-Busse („Ladies und Schämen“) alle zwei Stunden fahren, und während des Wartens sah ich ungefähr 50 Schüler:innen sich über Minuten am Bahnsteig auf den Bus warten, während sie sich anschrien, schubsten, umarmten. Keine Masken, nichts. Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Wenn ich den ganzen Tag in der Schule Maske tragen müsste, würde ich auch jede Gelegenheit nutzen, sie mir vom Gesicht zu ziehen. Ich mache noch nicht mal denjenigen einen Vorwurf, die all das entscheiden müssen, denn in ihrer Haut möchte ich nicht stecken. Doch egal, wie das Virus jetzt mit Jugendlichen verfährt, finde ich es absurd, Schulen mit mehreren Hundert Schüler:innen offen zu lassen (ja, ich weiß, sonst könnten deren Eltern dem Staat keine Arbeitskraft liefern und, wichtiger, viele Eltern sind darauf angewiesen, dass ihre Kids in der Schule Mittagessen, etc.), während Kulturveranstaltungen mit extremen hygienischen Auflagen dicht machen müssen.

Eine Lösung für die momentane Situation habe ich nicht, und halte mich an die Regeln. Doch Sven hatte Recht: Sie treffen die Kulturbranche unverhältnismäßig hart. Wie meine Freunde Max und Jonas aka Das Lumpenpack (schau dir ihr neues Video an!) singen: „Hilfe für die Lufthansa, Mitleid für die Kunst.“ Deshalb auch hier noch mal der Aufruf: Ein ganzen Jahr seinen Beruf nur eingeschränkt oder nicht ausüben zu können, geht an niemandem spurlos vorbei. Ob finanziell oder psychisch. Wir sind nicht die Einzigen, das ist klar, und ich selbst kam recht glimpflich durch das Jahr. Aber viele meiner Kolleg:innen genauso wie Bekannte aus der Veranstaltungsszene kommen an ihr Limit. Die Bitte ist einfach: Vergiss uns nicht. Und damit meine ich nicht Netflix und Amazon Prime. Ich meine diejenigen, die deine Stadt, dein Umfeld, deinen Alltag und dein seltsames Jahr begleiten mit ihrem Schaffen. Support your local artists as much as you can.

News:

– Morgen beginnt die Bayerische Akademie des Schreibens. Ich hatte die letzten beiden Male vollkommen vergessen, dir zu sagen, dass ich für das diesjährige Seminar angenommen wurde. Bedeutet 3×5 Tage Blockseminar, und am Ende hoffentlich eine schöne Version eines Romans. Veranstaltet vom Literaturhaus München und dieses Jahr hauptsächlich über Zoom begleiten eine Autorin und ein Lektor neun Schriftsteller:innen bei der Arbeit. Und ich mittendrin. Juhu!

– Ich habe einen Text geschrieben, weil der Sponsor des Kemptener Slams, die AÜW, 100 Jahre alt wird. Sie wollten deshalb von mir etwas zum Thema Energie, und ich habe mir viel Mühe gegeben und schließlich diesen Text hier über mich als Energy-Man geschrieben. Enjoy!

– Mein lieber Verlag, der Satyr Verlag Berlin, ist von der Pandemie besonders betroffen, da er etwa ein Drittel seines Umsatzes mit dem Verkauf bei Live-Veranstaltungen macht. Solltest du ein Weihnachtsgeschenk für jemand Liebes brauchen oder dich selbst etwas im Sortiment umschauen wollen, freut Volker sich. Du bekommst dort alle meine bisher erschienenen Bücher. Davon werde ich persönlich zwar nicht reich, aber wie gesagt: Ich komme gut durch. Jetzt geht es erst einmal um die Anderen. Ich möchte auch in ein oder zwei Jahren noch in einer Welt mit Verlagen, Buchhandlungen, Gastronomie und Konzerten leben.

– Und jetzt die Belohnung für so viel Engagement deinerseits: Ich habe im Oktober und November sehr viele Gedichte geschrieben, und grob überschlagen reichen sie aus, um einen Adventskalender damit zu machen. Auf meiner Website unter alexburkhard.de/archiv/blog gibt es ab 01.12. jeden Tag ein Gedicht für dich. Und manche sind wirklich gut!

Kunst, die ich in den letzten Wochen mochte:

– Meine Gedichte. Hihi.

– Den Instagram-Kanal von @feliciachiao

La casa de papel auf Netflix. Die ersten beiden Staffeln haben mich richtig gepackt. Ist immer schön, wenn Figuren nicht als gut oder schlecht dargestellt werden, sondern sämtlich eine Story haben. Für jede Staffel habe ich zwei Bücher in der Buchhandlung gekauft. Das nur so als Orientierung :-*

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Den Betreff des Newsletters habe ich vor dem Rest geschrieben. Er suggeriert eine intensive Beschäftigung mit gegenderter Sprache in Deutschland und ob sie in der Literatur funktioniert. Das war dann heute gar nicht das Thema, aber wichtig wäre es trotzdem. Gendern ist wichtig, weil Sprache unsere Wahrnehmung prägt. Und so lange in diesem Land keine faktische Gleichberechtigung herrscht, sollten wir diesen Weg gehen. Wenn ich auch im Roman nicht immer mit :innen gendern werden kann, so versuche ich es doch, und wo es nicht geht, nehme ich einfach abwechselnd die weibliche und die männliche Form. Auch wenn weibliche und männliche Form auch nur gesellschaftliche Konstrukte usw. Das als kleiner Exkurs am Ende. Weil viel unterging in diesem verrückten Jahr.

Ich wünsche dir eine schöne Vorweihnachtszeit und viel Spaß mit meinem Adventskalender. Gute Rauhnächte auch, die haben letztes Jahr ihre Magie bei mir voll entfaltet. Ich wünsche dir Liebe und dass du siehst und gesehen wirst. Vor allem wünsche ich dir Gesundheit. Du darfst stolz darauf sein, was du bis hierher geleistet hast.

Alles Liebe
Alex

Newsletter #8 – Mein größtes Vorbild

Liebe – wie hätte Bastian Pastewka als Brisko Schneider in der Wochenshow gesagt – Liebende!

Ich möchte in dieser Ausgabe des Newsletters über Vorbilder sprechen. Ich hatte in meinem Leben einige: meinen Grundschullehrer Herr Pickenhan, der auch im Alter noch fit war; José Mourinho, der als Nicht-Profi Fußballtrainer geworden ist; unzählige Schriftsteller:innen, die mich selbst einer werden wollen ließen; Frank Klötgen wegen seiner Reime und Neologismen; meine Freundin Franzi, die ich für Ihre Art bewundere, mit Menschen umzugehen. Mein größtes Vorbild seit gut einem Jahr: meine jüngere Schwester Kathi.

Vergangenes Wochenende war unser 7-jähriger Neffe bei ihr in München zu Gast, und obwohl das ganze Wochenende veranschlagt war, wollte er am Samstagabend wieder nach Hause. Sie riefen meine noch jüngere Schwester Tami an, die gerade staubsaugte. Was man halt so macht, wenn das Kind mal nicht daheim ist. „Wenn du in 10 Minuten immer noch willst, fahre ich los“, sagte sie. Er wollte. Am nächsten Tag spielten Kathi und ich am Johannisplatz Tischtennis, wie wir das seit ein paar Monaten häufig tun. Während sie mir die Bälle um die Ohren haute, erzählte sie, dass sie erst um drei Uhr morgens einschlafen konnte. Was sie bis dahin gemacht hatte: geordnet. Unser Neffe war in München überfordert von dem Input, den er von ihr und der Stadt bekam. Während ich (beim Versuch, einen ihrer Schmetterbälle zu bekommen) gegen einen Baum krachte, sagte sie: „Er brauchte ein Gefühl von Zu Hause, sein Zimmer, seine Dinge, die er kennt.“ Und wenn zur Ruhe kommen für ihn bedeutet, dass er auch mal vor der PlayStation sitzt, then who the hell cares. Kathi hat unseren Neffen die ersten Jahre mit erzogen, weil sie damals im Allgäu gewohnt hat. Er ist sehr sensibel, und die beiden haben ein besonderes Verhältnis. Als Tami ihn holte, so erfuhr ich, während mein Return im Netz landete, fragte er, wann sie wieder ins Allgäu ziehe. Was sie aus all dem mitgenommen hat: Es lag nicht an ihr.

Wir alle sind schnell dabei, Dinge persönlich zu nehmen, die Reaktionen anderer Menschen auf uns zu beziehen. Kathi, die sich wie ich sehr mit dem Thema Selbstliebe beschäftigt, hat am Samstag in ein paar Stunden geschafft, wofür ich oft länger brauche. Manchmal schaffe ich es gar nicht. Sie hat durch Meditation, durch liebevolles Umgehen mit sich einen Trigger aufgelöst. Sie hätte den Wunsch unseres Neffen leicht persönlich nehmen können; sie hatte viel geplant für das Wochenende, sie hatte sich wochenlang auf die Zeit mit ihm gefreut. Aber sie ist wahnsinnig toll mit ihm und seinen Bedürfnissen umgegangen, und mindestens genauso gut mit sich und ihren Gefühlen, die das Ganze hervorgerufen hat. Für dich ist das möglicherweise gar keine großes Thema, aber ich war sehr beeindruckt von ihr.

Später holten wir uns einen Kaffee (sie) und ein Eis (ich) und saßen noch etwas in der Herbstsonne. Sie ärgerte sich, dass sie keinen Recup mitgenommen hatte, um sich den Kaffee einfüllen zu lassen. Es war ihr zweiter Einwegbecher in diesem Jahr. „Zwei zu viel“, sagte sie. Mit einer Freundin habe ich die 80%-Regel. Wenn jeder 80% der Zeit Gutes tut (aus unserer Sicht Gutes, zum Beispiel 80% der Zeit vegan leben, in 80% der Fälle nachsichtig mit Mitmenschen umgeht, 80% der Zeit dem Drang widersteht, bei Amazon zu bestellen), dann wäre die Welt sehr viel besser. Vorbildfunktion haben Menschen für mich immer dann, wenn ich mich mit ihnen verbunden fühle, wenn sie nahbar sind, wenn sie sich Mühe geben, aber auch Fehler haben. Franzi schafft es auch nicht immer, liebevoll mit sich und anderen umzugehen, aber wenn ich schätzen müsste, wie oft, würde ich sagen: 80% der Zeit. Frank Klötgens Megareime feiere ich in ca. 80% der Fälle, ich mag, grob geschätzt, 4 von 5 Sätzen in meinen Lieblingsbüchern, und José Mourinho gewinnt nicht mal ansatzweise 80% seiner Spiele, und wird von weit weniger seiner Spieler gemocht. Nur Herr Pickenhan, über den weiß ich nichts Negatives zu sagen.

Der Punkt, den ich seit ein paar Zeilen, und auch vergangenen Sonntag, machen möchte, ist der Folgende: Ich schaue eher zu jemandem auf, der oder die mir in 80% der Fälle ihre Ideale, Einstellungen, Ideen vorlebt, und in den restlichen Fällen nachsichtig mit sich umgeht im Wissen, dass niemand perfekt ist, als zu jemandem, der oder die Ersteres zwar in 95% der Fälle schafft, sich aber für die verbleibenden 5% komplett fertig macht und verkrampft an einem Ideal festhält. Es bringt ja nichts, sich vorzunehmen, nicht so perfektionistisch zu sein, und sich dann zu ärgern, dass man das nicht perfekt hinkriegt. Das sage ich aus leidvoller Erfahrung.

Kathi sieht mich übrigens auch als Vorbild. Das hat mit meiner Rolle als großer Bruder zu tun, aber auch damit, dass ich dieses Jahr sehr viel Zeit investiert habe, loszulassen. Wie oft ich das nicht schaffe? Ungefähr jedes fünfte Mal. Aber das ist okay.

Handfeste News:

– Am kommenden Samstag, den 10.10., gibt es tatsächlich mal wieder einen Auftritt. Die Stützen der Gesellschaft geben sich die Ehre in Lindenberg im Allgäu. Ich habe Fee seit Februar nicht gesehen, und ich fürchte, ich werde sie umarmen müssen. Frank und Sven begrüße ich aus der Ferne. Ach, das wird toll. Und weil auch viele Freiburger:innen im Newsletter mit dabei sind: 03.12., die Stützen im Vorderhaus.
Alle Termine (auch einer in München, mit Teilen des BR-Kammerorchesters) gibt es hier.

– Der Herbst ist da.

– Ich bin jetzt auch offiziell nicht mehr Rottweiler Stadtschreiber. Vor zwei Wochen habe ich mein Amt übergeben. Ich habe mich dermaßen gefreut, für die Zeremonie noch mal nach Rottweil zu fahren! Das ist in den drei Monaten dort ein besonderer Ort für mich geworden. Was ich meinem Nachfolger mit auf den Weg gegeben habe, kannst du hier nachlesen.

Kunst, die ich zuletzt gut fand:

– Eine Freundin hat mich ein bisschen in die Fantasy hineingelockt, und besonders gefallen hat mir The Amulet of Samarkand, der erste Teil der Bartimaeus-Trilogie. Als Kind konnte ich nichts anfangen mit diesen fremden Welten, jetzt lerne ich sie spät, aber sehr gerne schätzen. Vor allem der Tonfall in diesen Romanen taugt mir extrem: umgangssprachlich und doch literarisch, persönlich und doch ironisch. Es ist ein bisschen her, dass ich ein Buch nur aus Spaß an der Freude gelesen habe, „nur“ aus Unterhaltungsgründen. Tat mal wieder gut.
Weitere großartige Bücher meiner Sommerlektüreliste: Unrast von Olga Tokarczuk, GRM von Sibylle Berg und Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie.

– Besagte Freundin hat mir auch Stardew Valley gezeigt, ein Computerspiel, bei dem man zu Beginn seinen Bürojob hinschmeißt, um auf der Farm seines Opas neu anzufangen. Man baut Gemüse an, lernt die Dorbewohner:innen kennen, man gießt sehr viel, angelt, geht in die Mine und entdeckt die liebevoll gestaltete Welt. Jede:r Mitmensch dort hat eine Story, die man nach und nach mitbekommt, und alles ist wahnsinnig integrativ. Es gibt eine riesige Community, Fan-Comics aus aller Welt, ein Wiki, das volle Programm. Ich habe mich immer geschämt, Zeit mit Computerspielen zu verbringen, weil ich dachte: da kann ich auch was Sinnvolles machen. Das stimmt. Aber ich darf auch mal ein paar Stunden am Computer sitzen. Wenn ich Kinder hätte, die natürlich ohne Handy, Fernseher und Zucker aufwüchsen, – wenn ich also Kinder hätte: Stardew Valley dürften sie spielen. Und ich stünde hinter ihnen und würde die Welt feiern, die sie da entdecken.

– Mein momentanes Lieblingslied ist „No Hell“ von Cloud Cult. Selten Lyrics so sehr geliebt, selten die Musik dazu so selbstvergessen gehört. Ist auch auf meiner Herbstplaylist auf Spotify, die ich in den letzten Wochen ungefähr 80% der Zeit laufen habe.

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Danke fürs Lesen. Wie immer freue ich mich, dass du meine Gedanken spannend genug findest, um ihnen ein wenig deiner Zeit zu schenken. Ich habe in den letzten Monaten viel Feedback von dieser Newsletter-Community bekommen und freue mich weiterhin über jede Mail, die mich erreicht, auch wenn ich nicht immer sofort antworte.

Und wenn dir heute beim Arbeiten jemand blöd kommt, denk daran: Es hat nichts mit dir zu tun. Da sind Bedürfnisse und Trigger bei der anderen Person, die sie nicht sieht oder sehen will. Das heißt nicht, dass es okay ist, wenn dir jemand blöd kommt, aber es sagt rein gar nichts über dich als Menschen aus. Du bist perfekt, wie du bist. In 100% der Fälle. Und du bist für viele Menschen ein Vorbild, selbst wenn du dich selbst nicht immer als solches wahrnimmst.

Namasté. (Haha, du dachtest nicht, dass ich am Ende so dick auftrage, oder? Gerade deshalb!)
Dein Alex

Rede zur Amtsübergabe an den neuen Rottweiler Stadtschreiber Valentin Moritz

Ich habe in meiner Abschiedsrede im Dezember 2019 gesagt:

Ich kann euch also nicht mit einem Gedicht über die Hochbrücke nach Hause schicken oder einem Krimi, der in den nebligen Winkeln um die Kapellenkirche herum spielt. Doch über alles, was ihr in Zukunft von mir hört – „Er hat endlich nen Roman geschrieben“, „Hier der neue Film, den du so gut findest: Das Drehbuch ist von ihm“, „Hast du gehört, der Alex wurde mit nem Kilo Kokain an der kolumbianischen Grenze erwischt“ – über alles, was meine Zukunft bringt, könntet ihr sagen: „Ohne Rottweil wäre das nicht passiert.“ Und ihr hättet recht.

Diejenigen von euch, die meinen Newsletter bekommen, wissen, wie viel seitdem passiert ist. Und Rottweil war der Anfang. Diese stolze Stadt hat mich mit meinem eigenen Stolz konfrontiert. Die Jugendlichen im Konvikt mit meiner eigenen Jugend. Die Größe des Testturms mit der Größe meines eigenen lassen wir das.

Hier konnte ich, zum ersten Mal seit ich von zu Hause ausgezogen bin, sein ohne mir Gedanken zu machen, woher die nächste Monatsmiete kommt. Und was über einen hereinbricht, wenn man sich erlaubt, loszulassen, zu entspannen, Kontrolle abzugeben, das ist enorm, aber ich kann es Jeder und Jedem nur empfehlen. Der Mensch, der ich in diesem Jahr geworden bin, der Mensch, der in den Spiegel schauen und sich voller ehrlich empfundener Selbstliebe anlächeln kann, der Mensch, der nicht mehr hauptberuflich Autor sein muss, der bin ich auch geworden, weil ich hier war.

Als ich vor knapp einem Jahr mit einem vielleicht elfjährigen Konviktor die Stufen des Konvikts hochgelaufen bin, fragte er: „Bist du ein Stadtschreiber?“ Ich antwortete: „Ja, ich bin der Stadtschreiber.“
„Was macht man da?“
„Ein bisschen schreiben. Aber ich muss nicht. Und ich bin bei den kulturellen Abenden der Stadt vor Ort.“ Ab und zu.
„Also wie ein Bürgermeister?“
„Nicht ganz so mächtig“, sagte ich und habe mich gefreut, dass gewisse Titel für manche Menschen keinerlei Bedeutung haben. Die Menschen in der Stadt grüßten mich hingegen meistens ausschließlich mit dem Titel und fragten dann, was man als Stadtschreiber macht. Als ob ich das wüsste.

Vielleicht kannst du, lieber Valentin, herausfinden, was genau ein Stadtschreiber macht. Du hast ja schon ein Aufenthaltsstipendium hinter dir, bist da erfahrener. Ich kann dir wenig Konkretes mitgeben, da ich nicht weiß, in welcher Situation du hier herkommst. Vielleicht sind wir sehr unterschiedlich, und du hörst gerne Andreas Gabalier und bist voll der Aufzugfan. Ich kann nur sagen, was Rottweil für mich so besonders gemacht hat: Die Spaziergänge aus Rottweil raus, nicht weil Rottweil nicht schön ist, sondern weil der Herbst in der Natur hier kopföffnend ist; der Kontakt zu den Menschen im Konvikt, der zu Jedem und Jeder im Haus anders sein wird; der wenige Kontakt zum Kulturreferat, nicht weil das Kulturreferat nicht schön ist, sondern weil die Zeit, die du für dich hast, herzöffnend ist.

Beim Bürgermeisterempfang sprach zu mir einst der Bürgermeister: „Sie können den Rottweilern ruhig den Spiegel vorhalten.“ In dem Moment habe ich beschlossen, alles zu tun, außer den Rottweilerinnen und Rottweilern den Spiegel vorzuhalten. Die Aussage des Bürgermeisters war der Spiegel, sie brauchten mich gar nicht. Es ist nicht leicht, sich von Erwartungen frei zu machen, und ich habe in meinem Prozess herausgefunden: Es waren nicht die Erwartungen des Bürgermeisters oder der lieben Menschen hier, sondern meine eigenen. Ich dachte: Ich muss hier was liefern, sonst bereuen sie, dass sie mich eingeladen haben. Lass dir gesagt sein: Auch wenn du keine Zeile über Rottweil schreibst, ja selbst wenn du keine Zeile schreibst, werden die Menschen dich mögen, und wirst du hier eine gute Zeit haben. Ich habe bis heute nichts geschrieben, was den monatlichen Geldeingang auf meinem Konto rechtfertigen würde.

Der einzige Tipp, den ich dir für dieses Stipendium geben kann, ist also: Lass alles los, nimm viele tiefe Atemzüge in der Herbstluft, und begegne den Menschen hier in erster Linie als Mensch, dann erst als Autor.

Was ein Stadtschreiber genau macht, weiß hier eh niemand. Ich wünsche dir eine wundervolle Zeit.

Newsletter #7 – Was wir können

Werteste:r Sommergenießende:r,

regnet es bei dir auch? In München schüttet es einen erfrischenden Morgenregen vom Himmel, während ich am offenen Fenster sitze. Ich hoffe, es ist dir gut ergangen seit meinem letzten Newsletter; vielen Dank für die vielen schönen und liebevollen Reaktionen!

In medias res. Fortan werde ich mindestens 10% meines Einkommens spenden, und mit fortan meine ich: für immer. Nicht, weil deine Reaktion so liebevoll war (und leider auch nicht an dich), sondern weil ich selbst mit meinem dieses Jahr sehr reduzierten Einkommen noch unter den 5% der reichsten Menschen der Welt bin. (Du kannst hier kalkulieren, wo du mit deinem Einkommen stehst.) Also habe ich den Pledge der „Giving What We Can Foundation“ unterschrieben, der in keiner anderen Weise als moralisch bindend ist.

Das Prinzip hinter diesen Gedanken lautet „Effektiver Altruismus“ und beschäftigt sich damit, wie du – unter der Annahme, dass jedes Menschenleben gleich viel Wert ist (und, ähm, ja: das ist es!) – am effektivsten helfen kannst. Er nutzt datenbasierte Überlegungen und Studien, um darauf eine Antwort zu finden. Als Beispiel nennt William MacAskill in seinem Buch „Doing Good Better“ Bildungsprogramme in der Dritten Welt: Um die Anwesenheit in der Schule zu steigern, wurde versucht, Mädchen Geld als Ansporn für den Schulbesuch zu überweisen, Stipendien zu vergeben, Schuluniformen zu sponsern. Am Effektivsten (und zwar 695-mal effektiver als Geld) war: Entwurmung. Denn Viele bleiben den Schulen aus Angst vor Krankheiten fern. Für 1,000 Dollar konnten 139 zusätzliche Schuljahre erreicht werden (Geld: 0,2, Stipendien: 2,7, Uniformen: 7,1, S. 60).

Die Fragen des Effektiven Altruismus sind:
1. Wie viele Menschen profitieren davon, und wie sehr?
2. Ist das die effektivste Sache, die du tun kannst?
3. Ist dieser Bereich vernachlässigt?
4. Was wäre sonst passiert? (Zum Beispiel, auch wenn es weh tut: Wenn du nicht Arzt geworden wärst, wäre es ein anderer geworden, denn viel mehr Menschen wollen Arzt werden als es dürfen. Welchen wirklichen Mehrwert hat es also, dass genau du Arzt geworden bist?)
5. Wie hoch sind die Chancen auf Erfolg, und wie groß wäre der Erfolg?

GiveWell ist eine Organisation, die extrem detaillierte Berichte über Wohltätigkeitsorganisationen anfertigt und Empfehlungen ausspricht. (Hier ist eine Liste der Top Charities.) Es ist eine Nonprofit, genau wie effectivealtruism.org. Ich habe mir immer schwergetan, zu spenden, weil ich nie wusste, wohin. Was passiert mit meinem Geld? Wie viel Gutes tue ich wirklich damit? Das hat dazu geführt, dass ich in den letzten Jahren kaum noch etwas gegeben habe. Ich unterschreibe nicht jede einzelne These, aber der Effektive Altruismus gefällt mir in seiner Denkweise. Auch wenn es vielleicht zufriedenstellener ist, nach einem Erdbeben Geld nach Japan zu schicken, weil die Medien über nichts anderes berichten, ist es weitaus effektiver, für das selbe Geld Tausende von Bettnetzen zu spenden, um die Verbreitung von Malaria zu stoppen.

Ich habe mich sehr in das Thema eingelesen in den letzten Wochen, und bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Liebe und die Wärme, die ich im Persönlichen geben kann, etwas Schönes und Wichtiges sind. Dass ich im Kleinen gut helfen und da sein kann. Aber dass meine andere Ressource, nämlich Geld, dort am Besten aufgehoben ist, wo es gebraucht wird. Statistiken zeigen zum Beispiel, dass es wahnsinnig effektiv ist, extrem armen Menschen einfach ganz direkt Geld zu überweisen (GiveDirectly), statt irgendwas dazwischenzuschalten. Wer hätte das gedacht.

Der Effektive Altruismus lässt sich auch auf Tierschutz und Klimaschutz anwenden. Auch da gibt es überraschende und manchmal unintuitive Ergebnisse. Spannend fand ich vor allem, was für einen Einfluss dein Kaufverhalten auf die Produktion von Lebensmitteln hat: Für jedes Ei, das du nicht kaufst, werden 0,91 Eier weniger produziert (Fleisch liegt bei 0,5 – 0,7). Verbreitet ist ja oft die Ansicht, dass ich als Einzelner eh nichts ändern kann. Der Effektive Altruismus belehrt mich eines Besseren. Ich empfehle sehr, „Doing Good Better“ zu lesen, es gibt auch eine deutsche Übersetzung. Wohltuend: Ein Sechstel des Buchs sind Quellenangaben zu den Statistiken und Studien. Erfrischend, wenn nicht einfach Dinge behauptet, sondern auch belegt werden.

Dass ich gepledgt habe, sage ich übrigens nicht, weil ich weitere liebevolle Reaktionen bekommen möchte, sondern damit du es mir nachtust. Wenn ein Künstler in der Corona-Krise spenden kann (und dann halt nicht mehr zu den reichsten 5% gehört, sondern nur noch zu den reichsten 7%), dann kannst es auch du. (Es gibt auch für Student:innen, Rentner:innen und Erwerbslose Varianten des Pledges.) Aber vielleicht bin ich auch nur beseelt von den ganzen Meditationen des Jahres und der Erkenntnis, wie wenig Materielles ich brauche, um glücklich zu sein. Ich habe mehr als genug, ich lebe in Fülle, also fick dich, neues iPhone. Lieber mehr geben.

Was gibt es sonst Neues?

– Letzte Woche, am 24.07., war der 100. Todestag von Ludwig Ganghofer. Die Monacensia in München hat mich zu diesem Anlass gebeten, einen Text über ihn zu schreiben. Wir sind mit den Stützen der Gesellschaft ab und zu an diesem schönen Ort zu Gast, und als Ersatz für die ausgefallene Show Anfang Juli gab es nun einen Text von mir. Ich habe lange gebraucht, um einen Zugang zu Ganghofer zu finden, am Ende ist einer der für mich schönsten Texte der letzten Jahre herausgekommen. Ihr könnt ihn hier anschauen.

– Ein bisschen früher, nämlich Anfang Juli, ist ein Buch mit Schwimmgeschichten erschienen, zu dem ich meinen Text „Jetzt musst du springen“ beisteuern durfte. Jens Spahn und Winfried Kretschmann und mein lieber Bühnenfreund Jean-Philippe Kindler haben auch etwas geschrieben, zudem unzählige Kinder. Das Buch wurde initiiert vom ehrenamtlichen Tübinger Projekt „Schwimmen für alle Kinder“, das Mut machen soll und den Fokus auf sicheres Schwimmen lernen legt. Unterstützenswertes Engagement, persönliche Geschichten. Das Buch „Meine Schwimmgeschichte“ gibt es direkt bei der Verlagsgruppe Patmos und natürlich im Buchhandel.

– Apropos Bücher: Mein Verlag schrieb vor Kurzem, dass die Lage durch die momentane Situation keine schöne sei, da er vor allem Bücher verlegt, die bei Live-Shows
verkauft werden, bei Poetry Slams oder Lesebühnen. Nun habe ich zwar heute Abend mal wieder einen Auftritt (Open Air Slam im Olympiapark in München), aber Büchertische sind zur Zeit ein schwieriges Unterfangen und die Ausnahme. Solltest du also eines meiner Bücher noch nicht besitzen – ja, ich meine dich, Onkel Christian! – dann überleg gerne, ob du das ändern möchtest. Die Reiseerzählung aus Rom eignet sich besonders für den Sommer, aber auch das neue Buch „Was ich ihr nicht schreibe“ ist weiterhin gut. Bestellbar sind die Bücher direkt beim Satyr-Verlag, oder noch direkter per Mail bei mir. Ich bin allerdings, um ganz fair zu sein, nicht überzeugt davon, dass das die effektivste Art ist, 11-14 Euro zu spenden 😉

Kunst, die ich in den letzten Wochen gut fand:

– „Kommt her ihr Heinis ich will euch trösten“ von Riccarda Kiel, einer Leipziker Lyrikerin und Designerin. Ich habe es zum Geburtstag geschenkt bekommen von meinem guten Freund Tristan Marquardt, seines Zeichens auch Lyriker („Scrollen in Tiefsee“). Er hat das Buch selbst gedruckt und geschnitten, denn er ist für den Münchner Ableger des hochroth-Verlags mitverantwortlich. Einmal habe ich ihm beim Bücher machen geholfen, das ist schon ein tolles Gefühl. Riccardas Lyrik jedenfalls: ganz, ganz toll. Mit Witz und Tiefgang und einem unaufdringlichen Rhythmus. Es ist für mich genau der richtige Grad an Abstraktion, dass ich es nicht verstehe, aber auch nicht nicht verstehe, weil die Stimmung mich mitnimmt. „Ich schnitze dir eine Fabrik. / Wir nennen sie Rostblau & Partner. / Du kannst jeden Morgen hin. / Du bekommst einen Pförtner / mit Altersflecken / und einen eigenen Bahnhof, / an dem sonntags die Kinder / an ihren Zigaretten ziehen.“
Für 8 Euro bei hochroth München.

– „How Democracies Die“ von Steven Levitsky und Daniel Zieblatt behandelt die Frage, was historisch gesehen passiert, wenn eine Demokratie untergeht. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, wie geht das Ganze vor sich? An welchen Zeichen kann man das erkennen? Spannende Abhandlung mit Blick auf die USA. Kleiner Spoiler: Militär im Inneren einsetzen und Wahlen nicht anerkennen gehört dazu. Auch hier: ein großer Anhang.

– „Homework for Life“, eine Storytelling-Übung, die ich seit einem guten Jahr jeden Abend mache. Ich nehme mir abends fünf Minuten Zeit und frage mich: Was war der „most storyworthy“ Moment des Tages? Was hat diesen Tag von allen anderen unterschieden? Das Ganze notiere ich in wenigen Stichpunkten, Dialogen, Halbsätzen in einer Excel-Tabelle. Links das Datum, rechts der Moment, mehr nicht. Mit der Zeit entwickelt sich ein Auge für Geschichten, wo du sie früher nicht gesehen hast. Und ich habe jetzt ein Dokument mit 500 Einträgen von jedem Tag seit Mitte Juli 2019. Ich werde nie wieder nach Stoffen für Geschichten suchen müssen, und selbst wenn ich keinen Moment jemals erzähle, habe ich ihn doch vor dem Vergessen bewahrt. Die Übung hat meine Zeit verlangsamt, weil die Tage nicht mehr vorbeirauschen, weil ich mich mit den Tagen beschäftige, und sie hat mich sehr bereichert.
Das Prinzip geht auf Matthew Dicks zurück, einen Storyteller und Podcaster aus Connecticut, und dieser TED-Talk von ihm wird dich eher dafür begeistern als mein vorheriger Absatz.

– Meine drei Lieblingslieder der letzten Wochen: „Transvestites Can Be Cannibals Too“, „Immer noch Liebe in mir“ und „All My Happiness Is Gone“, zu dem ich immer durch die Küche tanze. Seit letzter Woche ist auch „Truth Doesn’t Live in a Book“ vorne dabei, aber das darf ich jetzt nicht zu laut sagen, weil ich dir lauter Bücher empfohlen habe. Meine Playlist für den Sommer 2020 gibt es hier.

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ich hätte nicht gedacht, dass ich in dem Jahr, in dem ich den Plänen und Listen in meinem Kopf endlich Einhalt gebiete, ein Buch mit Plänen und Listen empfehlen würde. Vielleicht ist das aber auch der Fortschritt: Ich darf das mit den Statistiken und Datenanalysen jetzt Menschen überlassen, die es beruflich machen. Für all die vielen Lebenspläne und Finanzlisten habe ich nämlich nie etwas bekommen, außer psychischen Schwierigkeiten.

Bis du dieses Monstrum von einer Nachricht durchgearbeitet hast, hat sich der Sommerregen wahrscheinlich in Herbstregen verwandelt. Das ist okay. Nimm dir Zeit, nicht nur für mein Geschreibe, sondern vor allem für dich. Zeit ist eine Entscheidung, eine Sache der Priorisierung. Und immer dann, wenn wir sagen, dass wir keine haben, brauchen wir sie am Dringensten für uns. Zum Beispiel in Stille in der Natur, oder in einer Meditation. Self-love – I cannot recommend it enough.

Hab einen wunderschönen Sommer, wo und wie auch immer du ihn verbringst. Ich denke an dich und freue mich über eine Antwort und deine Erfahrung mit all dem, was ich dir entgegengeworfen habe – und deine Erfahrung mit dir.

Alles Liebe
Alex

Newsletter #6 – Der Gott der Nachsicht

Liebe:r Abstandhaltende:r,

gerade saß ich in einer geführten Meditation und sollte mir einen Ort vorstellen, an dem ich mich sicher und geborgen fühle, an dem nichts von mir erwartet wird. Dort durfte ich mir die Frage stellen: Wer bin ich? Was wünsche ich mir? Was soll ich in die Welt bringen? Heavy stuff, ich sag es dir. Es ging mehr um die Fragen als um die Antworten, und weil diese Fragen mich die letzte Zeit durchaus beschäftigen, möchte ich sie heute mit dir teilen.

Wer bin ich? Alles, was dazu in Meditationen aus meinem Herz kommt, sind zwischenmenschliche Dinge. Ein Partner. Ein Wärmender. Ein großer Bruder, das fand ich besonders schön. Es war selten etwas Berufliches dabei, was in diesem Jahr sehr passend scheint. Was ich nicht bin, weiß ich nämlich: ein Kabarettist, ein Romanautor, jemand, der zu hundert Prozent von seiner Kunst lebt. All das habe ich in den letzten Jahren versucht, all das hat sich nie ganz richtig angefühlt. Es fällt mir schwer, mich nicht über meinen Beruf zu definieren als jemand, der seit dreizehn Jahren auf der Bühne steht. Es ist ein cooler Beruf, ein Rampenlichtberuf. In den letzten Wochen und Monaten haben mir viele Menschen – auch ihr! – gezeigt, dass an mir ziemlich viel spannender und schöner ist, als mein Job. Danke dafür.

Was wünsche ich mir? Haus mit Garten und Stadtwohnung. Kinder und Ungebundenheit. Garten und Bibliothek. Menschliche Nähe und Abgeschiedenheit. Trubel und Ruhe. Dass alle meine Geschichten toll finden und dass ich meine Geschichten nicht mehr verkaufen muss.

Was soll ich in die Welt bringen? Liebe, Geschichten, Nachsicht. Tja, wird es nichts mit nur für mich schreiben. Du wirst meine Geschichten weiterhin hören und lesen müssen. Liebe und Nachsicht habe ich auch durch mein Schreiben oft versucht zu vermitteln. Ich bin gespannt, wie ich das in Zukunft machen werde. Momentan liegen Masseur / Körpertherapeut / Yogalehrer und Coach / Therapeut recht weit vorne. Alex Burkhard: Autor, Coach, Masseur. Was für ein Oeuvre. Mal schauen, wo mich die Reise hinführt. Ich bin jedenfalls recht sicher, dass ich nicht mehr so viel alleine schreibend und mehr im Austausch mit / im Service für Menschen arbeiten möchte. Wäre ja langweilig, nur einen Job zu haben …

Eine Freundin fragte vor einigen Tagen, was ich für ein Gott wäre, wenn ich ein Gott wäre, und ich sagte: Der Gott der Nachsicht. Keine Ahnung, wo das herkam. Aber bis vor einiger Zeit habe ich allen gegenüber Nachsicht praktiziert und meine Bedürfnisse dabei komplett vernachlässigt. Seit einiger Zeit lerne ich Nachsicht gegenüber mir selbst, und mit etwas Glück ist die irgendwann so gefestigt, dass ich ganz natürlich anderen helfen kann, nachsichtig mit sich zu sein, auf welchem Weg auch immer. Das finde ich ein sehr schönes Ziel.

So, und nach all der Spiritualität kommen jetzt ein paar handfeste News im Newsletter:

– Die Bühnen bleiben noch für einige Zeit geschlossen. Auch mit Hauslesungen ist es weiterhin schwierig. Ich biete deshalb an, eine private Online-Lesung über ein Format deiner Wahl zu machen, für dich und deine Freund:innen oder Kolleg:innen oder Familie. Ich finde, wenn meine Gruppentherapie über Zoom stattfinden kann, dann können sich auch einige Menschen im Namen der Literatur versammeln. Ich lese so viele Texte, wie ihr möchtet und – öffne nicht die Büchse, Alex – welche ihr möchtet, und anschließend und zwischendrin unterhalten wir uns alle. Ich freue mich, neue Menschen kennenzulernen und mit bekannten Menschen zu sprechen. Sag mir einfach Bescheid, wenn du Interesse hast. Es kostet nichts (vielleicht biete ich einen PayPal-Link an, der freiwillig angeklickt werden kann) außer der Zeit, die du brauchst, um Menschen einzuladen und das Meeting zu hosten.

– Auf Spotify gibt es zwei aufregende Neuerungen: Das Hörbuch zu „Was ich ihr nicht schreibe“ ist jetzt nicht mehr mit gefühlt 832 Tracks zu je 4 Sekunden online, sondern sinnvoll. Ein Text = ein Track, entsprechend benannt. Du kannst jetzt also gezielt nach Texten schauen und sie anhören. Außerdem gibt es „The Bookstore Is Closed“, die EP meiner Band The Baby and the Dog, jetzt auch auf Spotify (und auf Apple Music und Amazon Musik und TikTok und wo du willst). Wenn dir die Lieder gefallen, baue sie gerne in möglichst viele Playlists ein, damit der Algorithmus sagt: Oh my, I should rather spread this shit.

– Ich habe die viele Zeit unter anderem dafür genutzt, alle Gedichte, die ich jemals für die Gäste meiner und Pierre Jarawans Show „Stadt, Land, Fluss“ geschrieben habe, auf meine Homepage zu stellen. Du findest dort 48 Gedichte für Kolleg:innen sowie den Eröffnungs- und den Schlusstext der Show. Und viele Mehrfachreime. Enjoy!

Kunst, die mir zuletzt gefallen hat:

– Die Songwriterin Dota hat ein Album aufgenommen, in dem sie Gedichte von Mascha Kaléko vertont, teilweise mit tollen Partner:innen (z.B. Hannes Wader, Alin Coen, Konstantin Wecker). Meine Mitbewohnerin hat es mir eines morgens gezeigt, und seitdem kann ich nicht mehr aufhören, zu lauschen. „Für einen“ ist eines meiner Lieblingslieder des Frühlings geworden. Dota – Kaléko. Lausche auch du!

– Bereits erwähnter Freund und Kollege Pierre Jarawan hat einen neuen Roman geschrieben und sich Anfang März als Veröffentlichungstermin ausgesucht. Rückblickend mittelsinnvoll. Der Roman jedoch: hat mir sehr gut gefallen, um ehrlich zu sein sogar besser als sein mittlerweile vielfach ausgezeichnetes und übersetzter Vorgänger „Am Ende bleiben die Zedern“. Ich habe für meine Buchhandlung eine Rezension geschrieben, die ein bisschen unsinnig geraten ist, aber sehr bewundernd gemeint. Pierre Jarawan – Ein Lied für die Vermissten. Lies auch du! 🙂

– Bereits erwähnte Mitbewohnerin ist Caroline Antonetty, die seit knapp dreißig Jahren eine Lederwerkstatt in der Klenzestraße hat. Nun lebe ich größtenteils vegan, aber täte ich das nicht, und das trifft auf dich vielleicht zu, dann würde ich mich exklusiv bei ihr einkleiden und accessoiren. Sie hat einen sehr tollen und eigenen Stil, und alles ist handgearbeitet. Wegen Corona musste auch sie einige Zeit zusperren und hat deshalb ihr Angebot komplett online gestellt. Ich nenne sie stellvertretend für alle Einzelhändler:innen, alle kleinen Geschäfte, Cafés und Restaurants, die unsere Städte lebenswert machen. Lokal kaufen hält die Stadt lebendig. Antonetty Lederwerkstatt. Schaue auch du!

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ich wünsche dir alles Liebe für die aktuelle Zeit. Sei nachsichtig mit dir, wenn dir das möglich ist. Und vielleicht sehen wir uns ja bald schon online – ich habe Zeit und würde mich freuen! Ansonsten lesen wir uns im nächsten Newsletter, wenn ich vielleicht schon Masseur bin oder Astronaut oder Feuerwehrmann. Und du?

Einen wunderschönen Tag dir!
Dein Alex

Rezension „Ein Lied für die Vermissten“ (berlin verlag)

Pierre Jarawans „Ein Lied für die Vermissten“ liest sich, wie sich ein Lied von Element of Crime hört: Eine Zeitlang frage ich mich, wovon Sven Regener eigentlich singt, und nach einer Weile wird mir klar, dass er ein Thema auf eine Art versteht und behandelt, die es geradezu verlangt, es mir verspielt und wie en passant näherzubringen, weil es mich sonst erschlagen würde.

Pierres Roman ist die Nachrichtenlage in der Corona-Phase insofern als ich nie weiß, auf welchen Erzähler ich mich jetzt verlassen kann, und wer sich eine Geschichte gerade ausdenkt. Amin und Jafar erzählen auf dem Flohmarkt Storys über einen Onkel in Kanada, der ihnen angebliche Schätze zum Verkauf überlassen hätte; Jafar erzählt von dem Tag, an dem er sein Auge verlor; Amins Großmutter erzählt ihm von seinen Eltern – und nie weiß ich, was ich glauben kann. Also: Ich weiß es jetzt, aber ich verrate es nicht.

„Ein Lied für die Vermissten“ ist „Der Schimmelreiter“ des 21. Jahrhunderts: Die formale Art, die Geschichte zu erzählen, spiegelt den inhaltlichen Kern der Geschichte wider. Der inhaltliche Kern sind hier die über siebzehntausend Vermissten, die während des Bürgerkriegs im Libanon verschleppt wurden, und deren Schicksal größtenteils unklar ist. Der inhaltliche Kern ist ein Unwillen, die Geschehnisse der eigenen Landesgeschichte aufzuarbeiten. Warum sollte ich als Leserin mehr Wahres erfahren als die Familien der Siebzehntausend?

Und doch erfahre ich. Von falschen Entscheidungen, starken Beschützern im Hintergrund und von den Umständen, unter denen das Leben in Beirut während der letzten vierzig Jahre stattgefunden hat. Ich erfahre, dass die Mörder immer ganz oben wohnen. Ich erfahre, dass ich manche Sachen nicht erfahren soll.

Wie ein guter Kinderarzt nimmt sich Pierre gewissenhaft der ernsten und wichtigen Themen an, vergisst aber auch nie den leichten, humorvollen Menschen in sich. Ich habe laut aufgelacht, als Amin davon erzählt, wie er Jafar eine Räuberleiter gemacht hat, damit der durchs Fenster den „König der Löwen“ sehen konnte, der im Kino lief. Die beiden hatten draußen keinen Ton, also reimten sie sich die Geschichte zusammen.

„Das glaubst du mir nie“, sagte Jafar.
„Was denn?“
„Der Affe. Er schmeißt gleich das Löwenbaby vom Felsen. Die Tiere drehen komplett durch.“
„Wirklich?“
„Ah, nee, falscher Alarm. Er zeigt es nur allen. Sie freuen sich.“

„Ein Lied für die Vermissten“ ist ein Film von Jim Jarmusch: Ich frage mich die ganze Zeit, wann die Geschichte richtig durchstartet und merke kurz vor Schluss, dass die Geschichte die ganze Zeit schon in hohem Tempo an mir vorbeirauscht. Und dass er so gut ist, dass ich mich trotzdem nicht abgehängt fühle, sondern er mich durch wiederkehrende Bilder und starkes Erzählen die ganze Zeit an der Hand hatte.

Pierres Geschichte ist wie die Renaissance-Malerin Clémentine Ragout: Ich habe sie mir ausgedacht. Aber sie hätte existieren können. Denn es gab die Renaissance. Und es gab Malerinnen. Und es gab den Bürgerkrieg. Und es gab die Vermissten. Es gibt sie. Und es gibt Menschen, die sie nicht vergessen.

Insgesamt ist „Ein Lied für die Vermissten“ das Gegenteil dieser Rezension: sprachlich wertvoll und inhaltlich relevant. Ich bin dankbar, dass ich das Buch gelesen habe.