Newsletter #10 – Ein Koffer in München

Hello!

Wie ging es dir seit dem letzten Newsletter? Mich haben der Dezember und der Januar schon etwas gefordert, besonders in der aktuellen Lage. Doch nun scheint die Sonne. Und es ist warm. Gestern war ich erstmals wieder ohne Jacke draußen. Das ist immer ein besonderer Tag! Gleich gehe ich mit meiner Schwester Kathi Tischtennis spielen. Sie wird erzählen, wie ich es ihr als Kind beigebracht habe, wie sie es immer tut. Und dann wird sie mich abziehen, wie sie es neuerdings gerne tut.

Ich hätte zwischen November und heute viele Dinge gehabt, über die ich hätte schreiben können. Aber die meisten wollte ich erst einmal für mich behandeln, und nicht, wie ich es oft getan habe, alles sofort nach Außen verlagern. There were feelings to be felt. Good ones, too.

Über meinen neuen Neffen Matteo hätte ich schreiben können, der 10 Wochen zu früh auf die Welt kam. Zwei Monate pendelte meine Schwester Ramona zwischen zu Hause und der Klinik, um beiden Kindern gerecht zu werden, obwohl sie das ohnehin mehr als wird. Wie ich ihn vergangenes Wochenende nach zwei negativen Tests meinerseits endlich im Arm halten durfte, und wie schön sich das angefühlt hat.

Ich hätte darüber schreiben können, wie ich Weihnachten eben nicht mit meiner Familie verbracht habe, weil ich keine Gefährdung sein wollte. Wie ich aber doch eine Familie um mich hatte, nämlich die Familie meiner Freundin, die schon meine geworden ist mittlerweile.

Wie ich Silvester mit meiner Mitbewohnerin verbracht habe und wir zu den Alabama Shakes und Paul McCartneys neuem Album durch ihr riesiges Zimmer getanzt sind. Dass das Album echt ganz gut ist, hätte ich dir schreiben können.

Und schließlich hätte ich darüber schreiben können, wie ich mich gerade ein zweites Mal von München verabschiede, aber dieses Mal nicht im Groll („niemand will mir eine Wohnung vermieten, grrr“), sondern in Liebe. Ich den 14 Monaten, in denen ich nun wieder hier war, durfte ich erkennen, dass diese Stadt meine Heimat ist. Ich habe die Au und das Glockenbachviertel neu kennengelernt, die Isar, und ich habe erlebt, wie vielen Menschen ich in dieser Stadt verbunden bin. Wenn ich in Zukunft zurück komme, und ich hoffe, dass das oft sein wird und bald wieder etwas Auftrittsähnliches stattfinden kann, dann wird es in großer Freude sein.

Gerade merke ich, wie entspannt ein Umzug sein kann. Dass sich eine Wohnung findet. Die Einrichtung für die Wohnung. Der Abschied von der Therapiegruppe. Das Organisieren von Transport und Helfer:innen. Dazu ist eine gewaltige Menge an Vertrauen nötig, aber das habe ich seit letztem Jahr im Überfluss.

Wenn ich über all das geschrieben hätte, bevor ich es für mich erlebt hätte, wäre es in einer gewissen Weise eingeordnet worden. Von mir, von dir. Von den Buchstaben, die es schwarz auf weiß beschreiben. So konnte ich es einfach da sein lassen, oft erst einmal ohne Bewertung, und das ist vielleicht die wertvollste Lektion, die ich seit letztem Jahr gelernt habe.


News im Newsletter:

– Meine neue Adresse ab 01.03. ist Sternstraße 54, 40479 Düsseldorf. Das muss sowieso im Impressum der Website stehen, also kann ich sie genauso gut hier herausposaunen. Glückwunschkarten und Schecks werden gerne entgegengenommen.

– Vergangene Woche war ich mit einer Redakteurin und einem Fotografen der SZ im Englischen Garten. Sie haben Ibsen und mich auf einem Spaziergang begleitet, für ihre Reihe „Herr und Hund“. (Der Artikel kommt wohl nächste Woche.) Als ich schrieb, dass Ibsen seit zwei Jahren ein fantastisches neues Zuhause hat und ich bald nicht mehr bayerischer Künstler sei, zumindest vom offiziellen Wohnsitz her, sagten sie: „Gut, dann eben Ex-Herr und Ex-Hund.“ Das hat mich wahnsinnig gefreut, weil es auch eine Wertschätzung für mich als Teil der Münchner Kulturszene darstellt.

– Ebenso wie die Tatsache, dass mein alter Koffer mit Hunderten bearbeiteten Erstdrucken von Texten, Notizbüchern, Terminkalendern, Skripten und Gimmicks nun in der Monacensia steht. „Alex Burkhard, Bühnenkoffer mit Inhalt 2008-2020“. Ich habe sogar eine Schenkungsurkunde erhalten. Mein Therapeut sagte: „Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes noch einen Koffer in München.“ Cheesy, but yeah. In der Bibliothek und im Archiv bin ich fortan also Teil des literarischen Gedächtnisses der Stadt München. Was für eine Ehre!

– Im Januar war ich zu Gast in einer Folge des Allgäu-Podcasts, die, wie ich finde, sehr, sehr schön geworden ist. Du kannst sie hier anhören. Außerdem habe ich letztes Jahr vier Folgen dieses Podcasts moderiert, die nun hintereinander kurz nach der Ausgabe mit mir veröffentlicht worden sind. Ich habe mich mit insgesamt sechs Menschen getroffen, mit denen ich mich über ihre Berufe, ihre Beziehung zum Allgäu und ihr Warum unterhalten habe. Spannender als es klingt, das hat viel Spaß gemacht!


Kunst, die ich in den letzten Monten mochte:

– Olga Tokarczuk: Die grünen Kinder. Ein Buch voller bizarrer Geschichten, das ich wahnsinnig gerne gelesen habe. Ich kann es nicht beschreiben, aber ein dermaßenes sprachliches Niveau gepaart mit Plot, Abgründen, Humor und Zugänglichkeit fällt mir selten in die Hände.

– Tom Rosenthal ist ein weirder, tiefgründiger, schönstimmiger Musiker. Letztes Jahr um diese Zeit durfte ich „Big Pot of Hummus“ und „It’s Been a Year“ entdecken, seitdem „Hugging You“, „Albert Camus“ und „Hope“. Jedes Lied anders, jedes Lied cool. Ein Higlight ist „157“, in dem er einfach bis 157 zählt und es zehn Minuten lang musikalisch begleitet, in verschiedenen Stilen. Man sollte es nicht meinen, aber ich habe es schon zwei Mal komplett gehört.


Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)


Apropos: die Besten. Zwei der Besten sind in den vergangenen Wochen von uns gegangen. Die Besten nicht im Sinne ihrer Fähigkeiten, sondern ihrer Gesellschaft. Hans, der immer grantige Techniker im Fraunhofer Theater, der uns zig Shows ermöglicht hat, und Pommi, die immer laute Kulturgängerin, die die Kleinkunstszene in München vielleicht mehr geprägt hat als irgendwelche einzelnen Künstler:innen. Ich habe es jeweils von meinem Freund Frank erfahren und war wahnsinnig getroffen. In den ersten Shows habe ich unseren Gästen bei „Die Stützen der Gesellschaft“ immer gesagt: „Ja, der Techniker, der ist bisschen schwierig.“ Am Ende habe ich Hans gesagt: „Ja, die Gäste, die können nicht so mit Mikro. Sei nett zu ihnen“, und er hat mir zugezwinkert. Und nach der Show saßen wir alle zusammen und haben Kaiserschmarrn gegessen – oder in Hans‘ Fall: Einen Braten! Pommi wiederum lenkte ihre Gabel geschickt in die Süßspeise und das Apfelmus und lobte die Show, vor allem unsere Gäste. Ihr „Klasse!“ nach dem Ende jedes Texts schummelte sich zwischen Pointe und Applaus, so zielsicher als hätte Pommi nie etwas anderes getan, als in der ersten Reihe zu sitzen und eine Show mit ihrer Anwesenheit aufzuwerten. Beide haben mir eine Lektion darin gegeben, dass erste Eindrücke nicht immer die entscheidenden sind, und dass Menschen einem sehr ans Herz wachsen können. Die beiden werden mir sehr fehlen.

Jetzt ist viel geschrieben und viel nicht geschrieben. Wie so oft in meinen Texten. Mehr dann bald wieder persönlich oder im nächsten Brief.

Fühl dich umarmt (und ich bin ein guter Umarmer!), ich wünsche dir alles Liebe für die nächste Zeit!
Dein Alex

Winterspaziergang am Rhein

Wir sind fast so schnell wie die Schiffe
Die langsam flussaufwärts sich quälen
Ich höre vereinzelte Pfiffe
Nach Hunden, die Duftmarken zählen

Die Schafe kau’n Steckrüben wieder
Von Schneeanzugkindern bestaunt
Wir beugen uns zu ihnen nieder
Das „Nicht so nah hin“ nur geraunt

Wie können die Krähen noch fliegen?
Der Wind schon hier unten so kalt
Wie viel diese Brücken wohl wiegen?
Ein Fahrrad sucht irgendwo Halt

Wir könnten noch ewig so gehen
Da hinten ist irgendwo Heerdt
Ich kann’s in der Dämmerung sehen
Dezemberfrost kriecht um die Zehen
Mein Zweifel am Leben verjährt

Adlerstraße

Insider mit deinen Eltern
Im Mischverhältnis 54:1

Die Rotphasen der Kreuzung sind Fragen
Die den Autos niemand beantworten kann

Die Fußmatten des Treppenhauses
Zu oft wiederholte Hilferufe aus der Isolation

Die Farbnasen an der Schlafzimmerwand
Ein Ausbruchversuch in Blindenschrift

Dein warmer Griff auf meine Bettseite
Wie das Handtuch auf den Schultern
Eines müden Boxers

Unsere Körper
Zwei Unbekannte in einer Gleichung
An der ich in der Oberstufe gescheitert bin

Das immer volle Kapernglas
Im Wimmelbild deines Kühlschranks

Deine benutzten Wassergläser
In der Wohnung verteilt wie Oasen
In der Wüste meines Alltags

Haus-Maus-Reime

Als er das Fiepen zum ersten Mal hörte
War es nicht so, dass ihn das groß störte
„Nicht mehr allein!“
fing er an zu wein‘
weil das Knabbern ihn so sehr betörte

Er brachte der Maus einen Käse
auf dass sie ihn recht dankbar äße
„Endlich ein Freund
davon hab ich geträumt“
Er freute sich auf viele Späße

Nachdem er drei Nächt‘ nicht geschlafen
da wurd‘ es ihm mulmig, dem Braven
Auch in das Holz
bissen sie stolz
mit ihren Zähnen, den scharfen

Als der neunte Nager ihn neckte
da glaube er an eine Sekte
Und hast es geseh’n
da waren’s schon zehn
worauf er den Käse versteckte

Doch fraßen die Viecher noch weiter
die Löcher im Putz wurden breiter
Er saß vor dem Haus
die Maus schaute raus
Hernach ist der Mensch stets gescheiter

Coming Home for Christmas

Reisende, kommst du nach Röthenbach,
Lass alle Hoffnung fahren.
Es gibt ne Station und sogar ein Dach,
Das Weitere wollt‘ man sich sparen.

Ein Bus fährt hier nicht. Wohin du auch musst,
Die Hoffnung, die hast du vergebens,
Sei dir dessen vom Start weg bewusst,
Und du sparst dir viel Zeit deines Lebens.

Der Bahndamm ist neu (vor zehn Jahren erbaut),
Sehr viel Beton für wenige Züge.
Die Unterführung war bei der Eröffnung schon grau,
Und „Schön, dass Sie da sind“ ne Lüge.

Im Bahnhof sind hinter verlassenen Fenstern
Nur kalte Kaffeeautomaten,
Nicht einmal der obligatorische Gangster
Quittiert mit nem Auswurf dein Warten.

Du fühlst dich hier frisch, doch das liegt am Regen,
Er fällt hier sehr sauber und leise.
Doch Langeweile ist manchmal ein Segen,
Damit was Passiert, musst du dich bewegen,
D’rum lauf in die Stadt – Gute Reise!


(geschrieben mit Fee Brembeck)

Klangkörper

Ich wünsche mir einen Drummer im Ohr
Dann käme ich nie aus dem Takt
Damit dass ich meinen Rhythmus verlor
Habe ich manchen Moment schon verkackt

Ich wünsche mir einen Streicher im Arm
Dann nutzte ich ihn mit Gefühl
Ich habe mir häufig gewünscht, er sei warm
Und handelte anschließend kühl

Ich wünsche mir eine Flötistin im Bein
Dann folgte ich stets meinem Klang
Ich ließ mich oft locken von Anderer Schein
Des eigenen Weges noch bang

Ich wünsche mir ne Dirigentin im Herz
Die in mir die Teile vereint
Bisher machen sie ziemlich viel Terz
Und streiten sich, bis einer weint

Waffenruhe

Vor dem Eingang stehen zwei Wachen
Die alles an dir inspizieren
Die Blicke, die Worte, dein Lachen
Die kleinste Bewegung erspüren

Dann Katapulte, die Warnungen werfen:
Kehr um, Mensch, du kannst nicht gewinnen
Münder, die Sätze der Abweisung schärfen
Und Netze verletzlicher Spinnen

Überall Dinge, die ablenken sollen
Mitbringsel aus fremden Ländern
Bücher und Lieder, die dich überrollen
Vereinbarungen, die sich noch ändern

Die schweren Geschütze des Reigens:
Die Panzer des „Bin ich genug?“
Die zehrende Waffe des Schweigens
Die Angst vor dem nächsten Betrug

Ein Wall ragt nun auf, und Zielrohre schauen
aus offenen Wunden hervor
Mauern, die schlechte Erfahrungen bauen
Eine Bombe, die jemand verlor

Eine Salve längst vergangener Taten
Eine Panzerfaust, die Keinem dient
Vorwürfe schlagen ein wie Granaten
Die Ruhe danach ist vermint

Stehst du noch immer, wo du einst begannst
Erkanntest mich in meinem Schmerz
Enttarntest du alles als Kino der Angst
Stehst du entschlossen, obschon du auch bangst,
Dann öffne ich dir nun mein Herz

Du musst bis 10 zählen!

Man kann sich auf viele Arten verstecken
Ne einfache Weise beinhaltet Ecken
Auch Hecken und Heu sowie sehr hohes Gras
Sorgen beim Spielen und Suchen für Spaß

Manche verstecken sich unter dem Bett
Hinter der Tür ist es auch meist sehr nett
Hinter nem Vorhang und in einem Bob
Hinter der Couch oder in einem Job

Hinter nem Leintuch wie einst Monty Python
Hinter Geschwistern in früheren Zeiten
Hinter ner Zeitung und hinter ner Lüge
In einem Anzug, den ich niemals trüge

Hinter nem Make-Up, das sich um nichts schert
In der Karibik und in einem Pferd
In ner Beziehung und in einer Menge
In einem Keller, in engem Gedränge

Im Fußraum des Autos
Im Uhr’nkasten lautlos
In Schränken und Ritzen
Geschenken und Witzen

Doch das beste aller Verstecke
Ist immer noch die eigene Decke

Johnny Depp

Lyrics eines unveröffentlichten Songs von The Baby and the Dog


Unvarnished, cracked streets, stained
Pipelines exposed to the
Heat of the late July
Sun showing off in my
Back, in my mind there’s a
Cartload of ways I can
Deal with my fears an my
Not knowing how this will
End

Insecure kids try’n to
Just make some sense out of
Hours of neglect. I stack
Boxes of white wine and
Boxes of red wine and
Then I go home to make
Music and try not to
Wonder how all this will
End

Smells of cut grass in my
Nose and the clouds look like
Maps from a time when there
Still were some treasures to
Find. You lie next to me
Two pirates happy with
What they have found and I
Feel that things don’t have to
End

Nur geduldet

Zum Glück sehn die Dinos nicht, was wir hier treiben
Denn wo sie Konflikt mit Planeten stets mieden
Zerstören wir alles und dürfen doch bleiben
Und sie bekamen nen Asteroiden

Darauf schloss der Mensch, dass sich Einklang nicht lohnt
Und erfand das Prinzip der Kontrolle
Die Demut, die der Natur innewohnt
Er fragt sich, was er damit solle

Wir haben’s im Griff, uns geht es hier prima!
Unser einstiges Aussterben: selber verschuldet
Bis dahin geht’s uns wie Studien zum Klima
Wir sind nicht erwünscht – nur geduldet