Digital Mindset

Sie tra­fen sich in der Mit­tags­pau­se
zwi­schen Was­ser­spen­der und Klo
Sie moch­te den Klang sei­ner Stim­me
ihr Lächeln mach­te ihn froh

Sie sag­te: „Ich hab dich hier nie geseh’n
in wel­cher Abtei­lung bist du?“
Er sag­te: „Ich hab hier das Klo repa­riert
die Abfluss­roh­re war’n zu“

Oh, ein rich­ti­ger Hand­wer­ker
dass es so was heu­te noch gibt“
sag­te sie, strich sie die Haa­re schön
und schau­te ziem­lich ver­liebt

Er zapf­te nen Becher voll Was­ser
sei­ne Hän­de zit­ternd wie nie
Er frag­te sie, was ihr Bereich sei
und sie sag­te: „IT

Oh, wow, du bist mei­ne Traum­frau
du Herr­sche­rin über die Maus“
dach­te er, bei­na­he etwas zu laut
und hol­te sein Tablet her­aus

Er zeig­te ihr sei­nen Insta­gram-Feed
mit Toi­let­ten und Roh­ren en mas­se
sein Xing-Pro­fil und die Lin­kedin-Page
und sie dach­te ein­fach nur: „Krass!“

Ich hab mir neu­lich ne App pro­gram­miert
fuhr er mit Begeis­te­rung fort
die scannt mir den Zustand von Roh­ren
und lie­fert mir immer sofort

eine Detail­ana­ly­se der Kon­sis­tenz
von jeder Ver­schmut­zung im Rohr
samt einer Pro­blem­be­he­bungs­idee
über die­ses Knöpf­chen im Ohr

Die Rech­nungs­stel­lung und Ein­satz­pla­nung
läuft seit zehn Jahr’n digi­tal
genau wie die Mate­ri­al­be­stel­lung
für mich ist das alles nor­mal“

Dann hol­te er Luft und sie nutz­te die Pau­se
und griff schnell nach sei­ner Hand
Es war schon beein­dru­ckend, wie viel die­ser Klemp­ner
von Toi­let­ten und Tech­nik ver­stand

Sie tausch­ten die Num­mern und E-Mail-Adres­sen
und Sky­pe-Namen – und einen Kuss
Dann sagt’ sie: „Ich geh jetzt, weil ich noch ganz viel
IT-Kram erle­di­gen muss“

Und er blieb zurück und konn­te nicht glau­ben
was ihm da gera­de geschah
des­halb mach­te er schnell eine Han­dy­notiz
und nach dem Spei­chern war’s wahr

Ein paar Tage spä­ter sah’n sie sich wie­der
in einer halb­lee­ren Bar
er gab ihr nen Drink aus und zahl­te mit Kar­te
und von da an war’n sie ein Paar

Die ers­ten Tage ver­gin­gen im Rausch
ihre Her­zen war’n syn­chro­ni­siert
beim Sex nutz­te er eine Fire­wall
damit ihn’ kein Virus pas­siert

Sie schau­ten ganz vie­le Sci-Fi-Fil­me
von den’n sie jede Sze­ne kapier’n
Er konn­te Laut­stär­ke, Tem­pe­ra­tur und das Licht
mit nur einer App kontrollier’n

Er führ­te sie in die­ses Restau­rant,
in dem man per Tablet bestellt
Er nahm ihr ein gefühl­vol­les Mix­tape auf
bei Spo­ti­fy halt – der Held.

Und doch schlich nach zehn para­die­si­schen Wochen
ein lei­ser Zwei­fel umher
denn das hoch­di­gi­ta­le Leben des Klemp­ners
nerv­te sie nun mit jedem Tag mehr

Sie moch­te ihn für sei­nen schwe­ren Geruch
sei­ne Stim­me und sei­nen Humor
doch je mehr Zeit sie mit­ein­an­der ver­brach­ten
des­to öfter kam’s ihr so vor

als liebt’ er sie nur für ihr Tech­ni­ker­wis­sen
ja, sie fühl­te sich manch­mal als ob
nicht sie auf ihn fas­zi­nie­rend wirk­te,
son­dern ein­zig: ihr Job

Ich mag ja Com­pu­ter und auch mei­nen Job sehr
Inter­es­se und Neu­gier sind gut
Doch wenn das Leben zwang­haft aus Tech­nik besteht
ent­steht in mir eine Wut

Bei mir in der Fir­ma sind alle befal­len
„Wir brau­chen das noch digi­tal“
„Leu­te, das ist die Kaf­fee­kas­se“
„Das ist doch völ­lig egal!“

Die dreh’n alle durch, auf so sinn­lo­se Wei­se
Wes­halb du auch stän­dig nur hörst:
„Die Chi­ne­sen, die Inder, die Rus­sen, die Nati­ves,
es gilt fort­an: Digi­tal first.“

Nütz­li­ches first, Sinn­vol­les first, Mensch­li­ches first
ist eher mei­ne Devi­se
Bei die­ser unre­flek­tier­ten Tech­nik-Nut­zung
da krieg ich wirk­lich die Kri­se

Programmier’n ist mein Hob­by, ich find’s fas­zi­nie­rend
was mit Zah­len und Codes alles geht
Dass ich hier was tip­pe und ihr das Ergeb­nis
als Web­site irgend­wo seht

Bereit­schaft für Neu­es, so leb ich schon immer,
wenn’s den Men­schen beim Arbei­ten nützt
oder ihnen deut­lich den All­tag erleich­tert
das hab ich schon lang unter­stützt

Doch blin­des Ver­trau­en und Unre­flek­tiert­heit
bei Tech­nik regen mich auf
Dann gibt’s Bücher mit Tweets drin, und zwar als E-Book
und der Unsinn nimmt sei­nen Lauf

Und dann schaust du plötz­lich nem You­Tube-Teen zu,
wie er sich ne Piz­za bestellt
Drei Mil­li­on’ Abon­nen­ten, den’n insze­nier­te
Belang­lo­sig­keit schein­bar gefällt.

Und abends sind alle dann Net­flix­strea­mer
und Twit­ter-Time­li­ne-Ver­schmut­zer
Ich wär so gern mal wie­der Thea­ter­gän­ger
und begeis­ter­ter Brief­tau­ben­nut­zer!“

All die­se Gedan­ken spu­ken im Kopf rum,
wäh­rend sie abwe­send klickt
bis ihr schließ­lich ne gute Idee kommt
und sie eine What’sApp ver­schickt

Nimm paar Tage frei, wir seh’n uns am Bahn­hof“
liest er nun in sei­nem Van
und flucht ein wenig, denn von Spon­ta­nem
war er noch nie­mals ein Fan.

Doch zur nächs­ten Ver­stop­fung schickt er nen Kol­le­gen
ein ech­ter Lie­bes­be­weis
Er bestellt sich ein Uber und zahlt via Pay­Pal
und steht dann mit Kof­fer am Gleis

Wohin geht die Rei­se?“, fragt er sie spä­ter
als sie mit zwei Tickets erscheint
Ihre Augen sind noch etwas ver­quol­len
als hät­te sie kürz­lich geweint

Ich muss ein­fach wis­sen, ob du mich auch dann magst
wenn wir ana­log Zeit verbring’n
Oh Gott, dass muss für dich jetzt grad ziem­lich
komisch und schei­ße kling’n

Aber sperr dei­nen Kof­fer mit­samt dei­ner Tech­nik
in ein Schließ­fach am Bahn­hof ein
Ich hab für uns bei­de genug Zeug gepackt
um ein paar Tage glück­lich zu sein

Wir fahr’n dort­hin, wo es kein Mobil­funk­netz gibt
und nur ruck­li­ges Wlan“ und bald
fährt der Zug los und zuckelt die bei­den
in den Baye­ri­schen Wald

Dort erle­ben sie Din­ge, ohne ein Foto
und ohne wen zu informier’n
die Cloud ist aus Was­ser und schwebt hoch am Him­mel
die Coo­kies kann man probier’n

Doch als sie was lesen und er wühlt nach Büchern
in ihrer Tasche umher
liegt dort nur eins, und dane­ben ein Kind­le:
„Die Bücher waren so schwer“

Sie genie­ßen die Gegend und gehen spa­zie­ren
und tref­fen sehr vie­le Leu­te
Und weil es im Dorf noch kein Breit­band gibt
Und weil jeder Mensch Kom­pro­mis­se liebt
lie­ben sie sich noch heu­te