Engel

Die metallene Klinke liegt schwer in ihrer Hand. Einen Moment lang zögert sie, dann öffnet sie die Türe und huscht hindurch, um sie fast noch im selben Augenblick wieder hinter sich zu schließen, sanft und lautlos. Dann steht sie still da und atmet flach ein und aus. Es gab eine Zeit, als sie jeden Tag hier drin war, nun jedoch schon etwas länger nicht mehr.
Der Raum ist dunkel; nur fern an der gegenüberliegenden Wand glaubt sie eine schwache Lichtquelle ausmachen zu können. Ein leicht scharfer Geruch nach verlorenen Jahren penetriert stickig ihre Nase. Langsam geht sie einige Schritte vorwärts. Sie fühlt sich wie ein Eindringling, aber es muss sein, heute muss es endlich sein.
Von der Welt draußen sind einzig sehr blass die entfernten Straßenlaternen zu erahnen; ihr fahler Schein lässt die bunten Szenen auf den großen Fenstern fast farblos erscheinen. In der schummrigen Stimmung kann sie die tatsächliche Größe des Raumes nicht einschätzen, ihre einzige Orientierung ist dieses undefinierte Licht, das sich einige Schritte von ihr entfernt befindet. Es wirft ihr mächtige Schatten entgegen von Dingen, die sie nicht einordnen kann.
Als sie langsam weitergeht, erkennt sie vage die Bilder mit den Engeln; auch auf ihnen scheinen die Farben all ihre Kraft verloren zu haben. Unter den Malereien steht der Tisch, der im Halbdunkel aussieht wie ein Altar. Sie weiß nicht, ob sie in den letzten Minuten geatmet hat, erinnern kann sie sich nicht. Am Rand des Tisches liegt eine aufgeschlagene Bibel, die sie nun in die Hand nimmt. Psalm 91. Wer hat diese Seite ausgewählt?
»Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.«
Erst nachdem die Worte einige Momente aussagelos in ihrem leeren Kopf umhergewandert sind, wundert sie sich darüber, dass sie sie in diesem dunklen Raum überhaupt lesen konnte. Sie lässt ihren Blick vom Tisch und weiter nach rechts wandern, wo das kleine Bett anschließt. An der Kopfseite, nahe des Schreibtischs, leuchtet eine kleines Nachtlicht in seiner Steckdose und erhellt pflichtbewusst das Kopfkissen samt des Stoffhundes. Wo das mattweiße Licht oberhalb der Lampe auf die kahle Wand trifft, bildet es einen Halbkreis, der dem darunter liegenden Kissen einen sanften Heiligenschein verpasst.
Sie versucht, sich zu wehren, doch die Tränen lassen sich nicht länger zurückhalten.
»David, wie oft habe ich dir gesagt, dass du die Lampe morgens ausstecken sollst?«, schreit sie in Richtung des Bettes. »Ich dachte, du wärst mittlerweile alt genug, dass man nicht mehr jeden deiner Schritte kontrollieren muss.«
Sie macht einen impulsiven Schritt nach vorne und zerrt die Leuchte kraftvoll aus der Steckdose. Wo die Lichtquelle landet, kann sie schon nicht mehr erkennen, denn sofort schießt die Dunkelheit rücksichtslos durch das stille Zimmer.
»Scheiße«, schreit sie weinend. »Scheiße, scheiße!«
Ein Schluchzen lässt ihren Körper erzittern, sie spürt die Tränen ihre Wange herunterlaufen. Mit einem Satz ist sie am Tisch und reißt die selbstgemalten Bilder ihres Sohnes mit groben Bewegungen von der Wand.
»Wo waren deine scheiß Engel, he?! Wo waren deine verfluchten Engel! Sollten die dich nicht beschützen?«
Als kein Papier mehr übrig ist, stolpert sie durch das verlassene Kinderzimmer und tritt dabei auf alles ein, was ihren Füßen im Weg ist. Jeder Versuch, sich zu beherrschen, scheitert sofort.
»Niemand war bei dir, mein Kleiner. Niemand! Kein Engel, kein Gott – kein Mensch. Wie kann es sein, dass niemand bei dir war?«
Die bunten Fensterfarbenkunstwerke sind das einzige, das sie noch schemenhaft erkennen und zerstören kann. Sie macht sich mit zitternden Händen ans Werk.
»Niemand war bei dir – und wo war ich? Warum war ich nicht da?«
Sie popelt die letzten Reste des nachgiebigen Materials vom Fenster, dann sinkt sie gegen die kalte Scheibe.
»Warum war ich nicht da?«, wispert sie, und ihr Atem setzt sich an dem Glas fest.
»Er war nicht alleine«, sagt eine Stimme von der Zimmertüre her. »Niemand konnte ihm helfen, das weißt du; es ging viel zu schnell. Aber er war nicht alleine.«
Die Stimme ihres Mannes hat schon immer eine beruhigende Wirkung auf sie gehabt. Es ist eines der Merkmale, die sie an ihm liebt.
»Es fällt mir so schwer, es zu akzeptieren«, flüstert sie kraftlos. »Ich … – Es ist, als wäre sein Tod … wie die Grenze meines Glaubens. Aber das klingt falsch. Das darf doch nicht sein.«
Sie hört ihn schlucken.
»Das darf sein. Und wir werden das alles verarbeiten, glaub mir«, sagt er, sehr langsam. Sie weiß, dass er versucht, stark zu sein für sie. Doch sie kann nichts erwidern, und nach einigen Sekunden schließt er die Türe von außen.
»Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.« Jetzt erinnert sie sich, dass sie die Passage vor einer Woche gemeinsam gelesen haben.
Die Fensterscheibe an ihrer Stirn fühlt sich richtig an. Draußen brennen die Laternen nicht mehr; vielleicht geht bald die Sonne auf.