Fußball-Manager

Es hupt und schreit und grölt um mich
ein Fahnenmeer säumt meinen Weg
vom Sieg ganz trunken taumle ich

Autocorso, Biergeruch
fremde Menschen klopfen mir
auf die Schulter, weinen gar

Es riecht nach Party, Schweiß und Glück
und Rauch, und langersehntem Traum
Ich werd als Retter angesehn

denn ich habe es vollbracht
meine erste Meisterschaft
Achtzehnsechzig München siegt!

Doch der Schein trügt
ich bin allein, trüb
ist der Tag
und ich trag
schwankend eine Flasche Sekt auf der Leopoldstraße spazieren.
Es hupt und schreit und grölt um mich – aber nur, weil ich die Straße blockiere, und die Leute vorbeifahren wollen. Sie haben nämlich Feierabend und es ist ihnen scheißegal,
dass ich heute schon wieder den ganzen Tag Fußball-Manager gespielt habe. Sie scheißen drauf, dass ich dort mittlerweile im Jahr 2019 bin und den kleinen Münchner Verein zu einem Spitzenclub geformt habe.
Denn sie haben heute schon wieder den ganzen Tag Anzug-Manager gespielt. Sie sind scheiße drauf, weil sie bis spätestens 2019 eine kleine Münchner Firma zu einem Spitzenprodukt formen müssen.
Sie sind fertig. Sie wollen nach Hause zu ihren Familien. Und deshalb steigen jetzt auch die ersten aus und nähern sich mir. Oh Mann, die werden mich doch jetzt nicht lynchen – ich bin der Trainer von Sechzig München!
Im Angesicht des drohenden Game Over zieht noch mal mein ganzes kurzes Gamerleben vor meinem Inneren Auge vorbei.

1. Fifa 98 – Mir fehlten die Skills

Im Grunde spielte nicht ich, sondern meine Freunde. Sie dribbelten und grätschten und schossen gegnerische Mannschaften ab. Mir fehlte immer die Fähigkeit, die Aktionen auf dem verpixelten Spielfeld bestimmten Tastenkombinationen zuzuordnen.
Wenn ich es doch mal versuchte, schrie ich früher oder später »Mann, ich hab doch nach links geschossen!« und zweifelte die Funktionstüchtigkeit des Keyboards an.
Also saß ich meistens daneben, aß Cola-Kracher, sah meinen Freunden beim Spielen zu und kommentierte ihre Handlungen. In diesem Fall sogar wörtlich. Irgendwo gibt es bestimmt noch unzählige zu meinem Diktiergerät gehörige Mini-Kassetten, auf denen meine Stimme die fiktiven Fußballspiele des FC Nantes als Kommentator begleitete: »Schöner Angriff. Da Rocha, Ahamada, passt in die Mitte zu Dalmat, in die Gasse, da steht André völlig ungedeckt – und er geht rein, er geht rein!«

2. Call of Duty – Mir fehlten die Kills

Als es nicht mehr Freunde hieß, sondern Kumpels, knallten ebenjene mit einem Scharfschützengewehr feindliche Terroristen ab. Mir fehlte immer die Fähigkeit, die Aktionen auf der verwinkelten Map in Realgeschwindikeit nachzuvollziehen.
Wenn ich es doch mal versuchte, schrie ich früher oder später »Mann, ich hab doch nach links geschossen!« und zweifelte die Funktionstüchtigkeit der Maus an.
Also saß ich meistens daneben, aß Pizza, sah meinen Kumpels beim Spielen zu und kommentierte ihre Handlungen: »Schöner Angriff. Da roch er die Armada, wirft in die Mitte ne Granate in die Gasse, da stehen andere völlig ungeschützt – und die gehn drauf, die gehn drauf!« Sagte ich zum Glück nicht. Sondern eher: »Da hinter dir war noch einer, glaub ich.« Oft war dann niemand dort; es ging mir alles zu schnell.

3. Irgendwann entdeckte ich den Fußball-Manager. Da kann man sich Zeit lassen. Da kann man in Ruhe eine Mannschaft formen und Taktiken ersinnen. Da kann man sich ein Hemd anziehen und eine Krawatte umbinden und so tun, als wäre man José Mourinho. Während seiner ersten Amtszeit beim FC Chelsea in den frühen 2000ern wohlgemerkt. Denn sonst wäre das ja peinlich.
Wenn ich all die Stunden, die ich vor dem Computer nach neuen Spielern gesucht habe, dazu verwendet hätte, Japanisch zu lernen, könnte ich jetzt vermutlich ziemlich gut Japanisch sprechen.
Wenn ich später all die Stunden, die ich virtuelle Einzelgespräche mit meinen aktuellen Spielern geführt habe, dazu verwendet hätte, wirkliche Bewerbungsgespräche zu führen, wäre ich jetzt vermutlich einer der Real-Life-Manager, die mich auf der Leopold mittlerweile umzingelt haben.

»Der stinkt aus dem Mund«, sagt einer.
»Dis hat einen Grund«, lalle ich. »Ich bin Meister geworden, mit 1860 München.«
»Der is komplett voll, Mann.«
»Ja, auch mit Volland! Habe ich alle zurückgeholt, die ehemaligen Talente. Volland, Aigner, Weigl.«
»Einerlei. Wir wollen weiter!«
»Leitner, genau! Die Benders …«
»Jetzt beend mas!«

Es hupt und schreit und grölt um mich
ein Anzugmeer säumt meinen Weg
vom Sekt betrunken torkle ich

Autocorso (ungewollt)
fremde Menschen schlagen mir
auf die Nase, jetzt wein ich

Ich riech nach Alk und Schweiß und Angst
da kommt die langersehnte Tram
von mir als Retter angesehn

schnell spring ich in eine Tür
kurz bevor sie zugeht noch
Die Meisterfeier ist vorbei.

Und morgen beginnt eine neue Saison.