Meine Familie und ich

Krieg ich noch einen Nach­schlag?“, fra­ge ich.
„Alex, beim Früh­stück gibt es kei­nen Nach­schlag“, sagt mei­ne ältes­te Schwes­ter.
„Aber es schmeckt so gut. Opa, wo hast du das Rezept her?“
„Das hat Oma irgend­wann in den Sech­zi­gern in einer Zeit­schrift gefun­den. Seit­dem gab es das bei uns min­des­tens zwei­mal die Woche.“
„Das hat mei­ne Kind­heit rui­niert“, sagt mein Vater.
„Ach, stell dich nicht so an. Ein biss­chen Apfel­wein hat noch nie­man­dem gescha­det.“
Mein Opa, mein Vater, mei­ne drei Schwes­tern und ich sit­zen um den gro­ßen Tisch im Ess­zim­mer und früh­stü­cken. Vor uns steht ein bas­ket­ball­gro­ßer Kes­sel vol­ler „böh­mi­schem Möh­ren­kom­pott“. Im Grun­de han­delt es sich dabei haupt­säch­lich um Möh­ren mit Apfel­wein und Zucker, gar­niert mit etwas Schnick­schnack. Mein Opa haut mir eine wei­te­re Kel­le auf den Tel­ler.
„Die Leh­rer haben gefragt, war­um ich schon früh­mor­gens nach Alko­hol gero­chen habe“, klagt mein Vater.
„Du for­mu­lierst das, als wäre es für Schü­ler nor­mal gewe­sen, ab mit­tags nach Alko­hol zu rie­chen“, sagt mei­ne kleins­te Schwes­ter.
„Es waren die Sieb­zi­ger“, ant­wor­tet mein Vater tro­cken.
„Dann bezieh bit­te auch die Schü­le­rin­nen mit ein“, kon­tert mei­ne größ­te Schwes­ter.
Mei­ne mitt­le­re Schwes­ter sagt nichts. Sie scheint gera­de abzu­wä­gen, ob sie mei­nem zwei­jäh­ri­gen Nef­fen unser „Früh­stück“ zumu­ten will, ent­schei­det sich dann zum Glück dage­gen und geht ihm ein Brot schmie­ren.
Da wir lan­ge nicht mehr zusam­men gekocht haben, auch weil wir teil­wei­se in ganz ver­schie­de­nen Städ­ten woh­nen, haben wir beschlos­sen, mei­nen kur­zen Hei­mat­be­such zu zele­brie­ren und einen Tag kom­plett zusam­men in der Küche zu ver­brin­gen. Jede Genera­ti­on hat ein prä­gen­des Gericht aus ihrem Leben zur Ver­fü­gung. Weil Opa der ältes­te ist, war er für das Früh­stück zustän­dig. Mei­ne Schwes­tern und ich haben etwas ungläu­big geschaut, als er uns gebe­ten hat, für ihn nur Karot­ten und Apfel­wein ein­zu­kau­fen.
„Ent­we­der das oder die­se ver­schis­se­nen Kölln-Flo­cken“, hat unser Opa gebrüllt. „Jeden Mor­gen haben wir die gefres­sen, nur weil sie so gesund waren und Oma irgend­wo eine däm­li­che Wer­bung gese­hen hat, die sie kom­plett beses­sen gemacht hat von dem Zeug. Dann lie­ber betrun­ken.“
Und ich muss sagen: Es ist ein unge­wöhn­li­ches Früh­stück, aber ein lecke­res.
„Seid froh, dass ich nicht mit gebra­te­nen Gän­se­keu­len ange­fan­gen habe“, grunzt er nun und lehnt sich zufrie­den zurück. Sein Gang ist gut ange­kom­men, jetzt kann er ohne Druck abwar­ten, was mein Vater zum Mit­tag- und wir Kin­der zum Abend­essen geplant haben.

Ich bin ihm wirk­lich dank­bar, dass es kei­ne Gans gab, denn da wären zwei von uns Kin­dern als Vegetarier/innen leer aus­ge­gan­gen. Wir essen seit vie­len Jah­ren kein Fleisch, weil es im Lau­fe der vor­he­ri­gen Jah­re teil­wei­se in uns rein­ge­zwun­gen wur­de. Ich erin­ne­re mich noch leb­haft dar­an, wie es jeden Sonn­tag wie­der eine stun­den­lan­ge Dis­kus­si­on dar­über gab, ob wahl­wei­se mei­ne ältes­te Schwes­ter oder ich das Hähn­chen nun essen muss­ten oder nicht. Wobei letz­te­res kei­ne Opti­on war, wes­halb auch das Wort „ob“ durch das Wort „wann“ ersetzt wer­den müss­te. Es ging dar­um, wann wir das Hähn­chen schließ­lich essen wür­den. Ansons­ten jedoch habe ich als Kind ger­ne geges­sen. Mei­ne Mut­ter blieb, da nach mir in kur­zer Rei­hen­fol­ge mei­ne drei Schwes­tern gebo­ren wur­den, zu Hau­se und küm­mer­te sich um uns, und so gab es immer Mit­tag­essen, wenn wir aus dem Kin­der­gar­ten oder spä­ter aus der Schu­le kamen. Was es gab, wuss­ten wir auch schon, denn am Sonn­tag Abend setz­ten sich unse­re Eltern mit uns an den Küchen­tisch und erstell­ten und aktua­li­sier­ten einen Essens­plan für die kom­men­den Wochen. Wir hat­ten so viel Mit­spra­che­recht, wie man Kin­dern eben geben kann, wenn man nicht sechs­mal die Woche Pfann­ku­chen und ein­mal Milch­reis kochen will, aber meis­tens waren am Ende alle zufrie­den. Nur auf die Sonn­ta­ge hät­te ich ver­zich­ten kön­nen.

Es ist mitt­ler­wei­le Mit­tag gewor­den und die Anrich­te ist voll von Plas­tik­ver­pa­ckun­gen. Mein Vater hat es sich ein­fach gemacht und als typi­sches Gericht der Acht­zi­ger Tief­kühl­kost zube­rei­tet. Im Ofen schmort ein Fisch bor­de­lai­se, in diver­sen Koch­töp­fen bro­deln Gemü­se und ande­re Sau­cen.
„Eigent­lich woll­te ich ja Stram­mer Max machen, das haben eure Mut­ter und ich immer geges­sen, als wir zusam­men­ge­zo­gen sind“, sagt er.
„Aber Tie­flühl­zeug auch?“, fra­ge ich.
„Das war die Alter­na­ti­ve. Wir waren so gut mit dem Bofrost-Mann befreun­det, er wäre fast dein Tauf­pa­te gewor­den.“
„Dan­ke, dass ihr das nicht gemacht habt“, sage ich.
„Wir woll­ten schon, aber er muss­te arbei­ten an dem Tag“, sagt mein Vater und ich weiß nicht genau, wie ernst er es meint. Opas Apfel­wein scheint uns alle etwas ange­hei­tert zu haben.
„Aber Tief­kühl­kost ist doch auf Dau­er nicht gesund“, sagt mei­ne ältes­te Schwes­ter.
„Das wuss­te damals noch nie­mand“, sagt mein Vater. „Außer­dem waren das die Acht­zi­ger: da hab ich auf Gesund­heit nicht so rich­tig viel Wert gelegt.“
„Des­halb fährst du also drei ver­schie­de­ne Nach­ti­sche auf“, sagt mei­ne jüngs­te Schwes­ter.
„Ein biss­chen woll­te ich schon selbst für euch kochen. Des­halb hab ich ges­tern schon ein Tira­mi­su vor­be­rei­tet, außer­dem gibt es geba­cke­ne Bana­nen und Pfir­si­che unter der Hau­be.“
„Willst du uns etwa betrun­ken machen?“, ruft Opa aus dem Wohn­zim­mer­ses­sel.
„Es muss heu­te ja kei­ner mehr in die Schu­le“, ant­wor­tet mein Vater.
Mei­ne mitt­le­re Schwes­ter über­legt unter­des­sen, wie sie mei­nem Nef­fen zwei von drei Nach­ti­schen vor­ent­hal­ten kann. Ver­zweif­lung liegt in ihrem Blick.

Stram­mer Max, das Gericht mei­ner Eltern, habe ich auch in den Neun­zi­gern als Kind noch oft vor­ge­setzt bekom­men. Es gab eini­ge Fami­li­en­ge­rich­te, die über lan­ge Zeit immer wie­der auf unse­rem Essens­plan stan­den. Sah­ne­hering mit Kar­tof­feln, süßem Quark und But­ter zum Bei­spiel auch. Oder „Geschwol­le­ne“, eine süd­deut­sche Wurst, in die unser Vater vor dem Auf­quel­len und Bra­ten immer unse­re Namen geritzt hat. Dafür dass mein Vater mir vor kur­zem offen­bart hat, dass mei­ne Mut­ter kein Fleisch geges­sen habe, haben wir in unse­rer Kind­heit viel Fleisch geges­sen. „Es hieß immer, dass Fleisch für Kin­der wich­tig sei“, hat mein Vater gesagt. „Und Leber­kä­se hat sie auch geges­sen. Und Geschwol­le­ne. Und Lyo­ner. Und Fisch.“
Unse­re Stief­mut­ter hat dann kei­nen Hehl mehr dar­aus gemacht, dass sie ger­ne Fleisch ist. Aus­nahms­los jedes Gericht hat sie mit bil­li­gem Dreck gepantscht, so dass ich in mei­ner Jugend kaum mal einen Tel­ler leer geges­sen habe. Sogar Pfann­ku­chen oder Milch­reis gab es nicht mehr ohne, und einen Essens­plan hing auch nicht mehr am Küchen­schrank. Ich habe ange­fan­gen, kochen als etwas not­wen­di­ges und meist Nega­ti­ves anzu­se­hen und viel allei­ne geges­sen. In die­ser Zeit habe ich mei­ne Lie­be zum Müs­li ent­deckt, und wäh­rend mei­ner Füh­rer­schein­pha­se auch die zu Late-Night-Snacks. Ich hat­te abends Theo­rie- oder Fahr­stun­de und habe mir anschlie­ßend opu­len­te Bro­te zube­rei­tet, die ich mit aufs Zim­mer nahm. „Aber das ist doch auf Dau­er nicht gesund“, könn­te man jetzt ein­wer­fen, aber auf Gesund­heit habe ich damals nicht so rich­tig viel Wert gelegt.
Es war die Pha­se, in der Essen für mich vom Fami­li­en- zum Ein­zel­er­leb­nis degra­diert wur­de. Die Kin­der wärm­ten sich was auf, wenn sie zu unter­schied­li­chen Zei­ten von der Schu­le kamen. Abends mach­ten sich mein Vater und mei­ne Stief­mut­ter noch eine Schweins­ha­xe mit Pom­mes und ver­tilg­ten sie vor dem Fern­se­her. Ihm mache ich gar kei­nen Vor­wurf, er war arbei­ten und hat alles getan, was man als Vater von vier trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern tun kann. Ihr schon.

Ich bin ja mal gespannt, was ihr euch über­legt habt“, sagt Opa. Er ist in den letz­ten Stun­den immer mehr in sei­nem Ses­sel ver­sun­ken. Nor­ma­ler­wei­se isst er eine klei­ne Mahl­zeit und drei Käse­bro­te am Tag, die ers­ten bei­den Run­den heu­te haben ihm schon ordent­lich zuge­setzt.
„Wir haben wirk­lich ver­sucht, etwas mit Alko­hol zu fin­den“, sagt mei­ne jüngs­te Schwes­ter.
„Aber dann dach­ten wir: machen wir lie­ber eine Fla­sche Wein auf und trin­ken sie neben­her“, sagt mei­ne ältes­te Schwes­ter.
Mei­ne mitt­le­re Schwes­ter sagt nichts. Mein Nef­fe spielt mit dem Kor­ken.
„Zu essen gibt es das, was die Zwei­tau­sen­der und auch das meis­te aus unse­rer Küche aus­macht“, sage ich: „Etwas Vege­ta­ri­sches, von dem nie­mand mehr als drei Zuta­ten auch nur buch­sta­bie­ren kann, das aber fan­tas­tisch schmeckt.“
„Vege-was?“, stößt Opa aus den Ses­sel­rit­zen her­vor.
„Vege­ta­risch, das was wir den gan­zen Tag schon umset­zen.“
„Das hier ist sogar vegan“, sagt mei­ne ältes­te Schwes­ter, die von uns allen am bes­ten kocht und das Heft des Han­delns an sich geris­sen hat. Sie war es auch, die ein­kau­fen gefah­ren ist, denn Opas Möh­ren konn­te sie mit­brin­gen und vom Rest wuss­te nur sie, was das ist. Papas Tief­kühl­kost haben wir vom Eis­mann lie­fern las­sen.
Eini­ge Minu­ten spä­ter haben wir Opas Ses­sel an den Tisch gescho­ben und essen einen Polen­ta-Wir­sing­auf­lauf mit Apri­ko­sen, wie auch immer das funk­tio­niert. Irgend­wo ist noch Laven­del dran. Alles explo­diert in mei­nem Mund. Fuck, so schmeckt es also, wenn man rich­tig kocht, den­ke ich und erin­ne­re mich an die vie­len Tief­kühl­piz­zen und bun­ten Nudeln, die ich mir zu mei­nen Stu­den­ten­zei­ten gemacht habe.

Erst mit einer fes­ten Freun­din habe ich das Kochen gelernt, Anfang zwan­zig. Sie war immer sau­er, weil ich so wenig Begeis­te­rung zeig­te, aber sie wuss­te lan­ge nichts von mei­nen flei­schi­gen Jugend­trau­ma­ta. Ich genoß es sehr, wie­der mit jeman­dem zusam­men zu essen. Wenn ich heu­te koche, dann meis­tens nur für mich, was sehr scha­de ist, da ich Spaß dar­an ent­wi­ckelt habe, aber es auf Dau­er anstren­gend ist, krea­tiv zu kochen, wenn man dann nur eine Por­ti­on zube­rei­tet. Oft lade ich Freun­de ein, aber die sind fast alle kei­ne Künst­ler und essen des­halb zu nor­ma­len Zei­ten. Ich lie­be es, an Weih­nach­ten zu Hau­se zu sein, und auch wenn wir uns da nicht über­tref­fen an aus­ge­fal­le­ner Küche, ist es schön, weil das, was von mei­ner Fami­lie noch übrig und das, was neu dazu­ge­sto­ßen ist, sich ver­sam­melt und Zeit mit­ein­an­der ver­bringt. Und das ist mir das wich­tigs­te.

Ales­sio hat euch was zu sagen“, sagt mei­ne mitt­le­re Schwes­ter.
„Les­sio essen Mama macht für euch“, sagt mein Nef­fe.
„Oh nein“, sagt mein Opa.
„Hast du das etwa ver­stan­den?“, fra­ge ich.
„Er hat gesagt, dass wir heu­te sehr viel auf die Vegetarier/innen geach­tet haben, aber ein biss­chen wenig auf die anti­al­ko­ho­li­schen Zwei­jäh­ri­gen. Des­halb haben er und ich euch auch noch etwas zube­rei­tet, weil sei­ne Genera­ti­on sonst auch gar nicht vor­ge­kom­men wäre“, sagt mei­ne mitt­le­re Schwes­ter.
„Oh nein“, sage ich.
Sie holt den bas­ket­ball­gro­ßen Topf von heu­te mor­gen her­vor, in dem ein unde­fi­nier­ter Brei vor sich hin sup­pt.
„Was ist das?“, fragt mei­ne jüngs­te Schwes­ter mit einer Stim­me, aus der jede Spur von Hoff­nung ver­schwun­den ist.
„Wir waren noch mal ein­kau­fen und haben ein Glas von jedem ein­zel­nen Baby­brei gekauft, den sie vor­rä­tig hat­ten. Das gan­ze haben wir zusam­men­ge­kippt und mit den übri­gen Zuta­ten von heu­te püriert. Guten Appe­tit.“
„Das habe ich die letz­ten zwei Jah­re gefres­sen“, wür­de mein Nef­fe sagen, wenn er es so sagen könn­te. Statt­des­sen lacht er und sagt: „Ap-tit.“
„Ihr könnt ger­ne ein Glas Apfel­wein dazu trin­ken“, sagt mei­ne mitt­le­re Schwes­ter. An alles wei­te­re habe ich kei­ne Erin­ne­rung mehr.