Mr. Mijogi

19:48 Uhr
Da hat man die gan­ze WM über den 11 Freun­de Live­ti­cker ver­folgt und kommt dann auf die glor­rei­che Idee, das auch mal zu machen. Fühlt sich ein biss­chen an, als hät­te man gera­de ein lite­ra­ri­sches Feu­er­werk von Nabo­kov oder Fry gele­sen und müss­te jetzt selbst etwas schrei­ben. »Also, äh, da ist ein Jun­ge, und der, ähm, der trifft ein Mäd­chen.« Oje.

21:06 Uhr
Ich habe mir übri­gens noch Last-Minu­te-Unter­stüt­zung geholt. Zum einen die Tri­vi­al Pur­su­it Cup Edi­ti­on von 1998 und zum ande­ren den Trai­ner und den Co-Trai­ner (a.d.) der Poe­try-Slam-Natio­nal-mann­schaft, Juli­an Heun und Phil­ipp Herold. Die bei­den befin­den sich im AB-Haupt­stadt­stu­dio in Ber­lin.

21:21 Uhr
Und falls ihr euch fragt: was ist die Poe­try-Slam-Natio­nal­mann­schaft? Sie besteht aus sehr krea­ti­ven Fan­ge­sän­gen und einem klei­nen biss­chen fuß­bal­le­ri­schem Talent.

21:31 Uhr
Das letz­te Mal, dass ich so heiß auf ein WM-Spiel war, war im Juni 2006, als ich den gesam­ten Mit­tag und Nach­mit­tag Fahr­schu­le hat­te (gro­ße Über­land­fahrt), und im Radio dau­ernd über das Eröff­nungs­spiel gere­det wur­de, in immer kür­ze­ren Abstän­den, so dass ich am Ende mit viel Schwung vor unse­rem Haus park­te, kurz unter die Dusche rann­te und anschlie­ßend pünkt­lich zum Anpfiff vor dem Fern­se­her zum Lüm­meln kam.

21:42 Uhr
Es könn­te knapp und dra­ma­tisch wer­den heu­te Abend. So wie hier zum Bei­spiel. Drei­mal anschau­en, dann seid ihr gegen alles abge­här­tet, was heu­te kom­men kann.

21:47 Uhr
Jogi Löw meto­ny­misch: »Wir spie­len gegen das gan­ze Land.« Da hat einer im Ger­ma­nis­tik-Ein­füh­rungs­se­mi­nar wohl gera­de vom vier­ten Stern geträumt.

21:54 Uhr
Die Bra­si­lia­ner erin­nern mich in ihrer Art, aufs Feld zu gehen, an die Kin­der­gar­ten­grup­pe, die ich immer auf mei­ner Hun­de­run­de auf dem Weg zum Spiel­platz tref­fe. »Oscar, halt dich gut an Fred fest, sonst gehst du ver­lo­ren!«

21:56 Uhr
Als die Kame­ra wäh­rend der Hym­ne von Mül­ler nach links geschwenkt ist, sah es auf­grund von Neu­ers wild gemus­ter­tem Hand­schuh für einen kur­zen Moment so aus, als wür­de Hum­mels mit Pales­ti­nen­ser­tuch spie­len.

21:58 Uhr
Ich bin ein biss­chen froh dar­über, dass die deut­sche Mann­schaft ihrer­seits dar­auf ver­zich­tet hat, inn­brüns­tig wei­te­re Stro­phen ihrer Natio­nal­hym­ne zu grö­len.

1. Minu­te
Anstoß. Der ver­mut­lich fol­ge­rich­tigs­te Post am heu­ti­gen Abend.

5. Minu­te
Schon gut Dampf im Spiel. Die Bra­si­lia­ner neh­men sich ein Bei­spiel an jedem ordent­li­chen Hor­ror­film-Sta­tis­ten und gehen gleich zu Beginn drauf.

9. Minu­te
Réthy: »Höwe­des macht bis­her alles rich­tig.« Dar­auf­hin spielt Höwe­des einen Fehl­pass. Als hät­te auch er kei­ne Lust dar­auf, dass Réthy Recht hat.

11. Minu­te
TOOOOOOR — Mül­ler macht das 1–0. Sein egal­wie­viel­tes Tur­nier­tor, Deutsch­land führt meto­ny­misch. Und ich habe es – wie alle in die­sem Land – ja schon immer gewusst.

19. Minu­te
Das sieht bis­her sehr sou­ve­rän aus, was die deut­sche Mann­schaft spielt. Wie ein Schü­ler, der sich auf die Phy­sik-Abfra­ge vor­be­rei­tet hat und jetzt die Fra­gen des bra­si­lia­ni­schen Leh­rers fast kom­plett beant­wor­ten kann. Ein biss­chen lang­wei­lig auch für die Mit­schü­ler, aber schon beein­dru­ckend.

22. Minu­te
Bei den Bun­des­ju­gend­spie­len in Pähl hat der klei­ne Tho­mas Mül­ler bestimmt auch immer nur Teil­neh­mer­ur­kun­den erreicht. Und jetzt macht er sein 10. WM-Tor. So hät­te es also auch gehen kön­nen …

23. Minu­te
TOOOOOOOOOR — Miros­lav Klo­se! Was soll ich noch schrei­ben, was ihr nicht schon von allen ande­ren Stel­len gehört habt. Sein zwei­ter Vor­na­me ist Josef — viel­leicht wuss­test ihr das noch nicht.

24. Minu­te
TOR (die drit­te) — lang­sam muss ich mein Fens­ter zuma­chen. Der ZDF-Stream ist ein paar Sekun­den hin­ten, und von irgend­wo ertönt immer eine eupho­ri­sche Trö­te. Jetzt schon wie­der. Was ist pas­siert?

26. Minu­te
Was soll schon pas­siert sein? TORTORTORTOR. Toni Kroos mit sei­nem ers­ten Dop­pel­pack seit der F-Jugend, dem schnells­ten Dop­pel­pack der WM-Geschich­te und der schnells­ten 4–0-Führung aller Zei­ten. Zumin­dest glau­be ich das alles. Im Grun­de ist es mir aber völ­lig egal.

28. Minu­te
Wie heißt es so schön bei ›Fräu­lein Smil­las Gespür für Schnee‹? »Wenn man spielt oder Ball spielt, gibt es manch­mal die­sen Augen­blick, daß man sich ohne ein Wort sofort ver­steht.« So unge­fähr spielt die deut­sche Mann­schaft gera­de.

29. Minu­te
Da trö­tet schon wie­der was. Unglaub­lich. Ich fin­de kei­ne Wege mehr, Tor anders zu schrei­ben als »Tor«, Sami Khe­di­ra macht das 5–0. Ich ticke­re ab jetzt jedes Spiel.

32. Minu­te
Die Kame­ra zeigt einen deut­schen Fan. Las­sen wir zu sei­ner Beschrei­bung Fräu­lein Smil­la noch­mals zu Wort kom­men: »Sein Gesicht ist völ­lig abwe­send, fas­zi­niert von dem Anblick und in die­sem Augen­blick unschul­dig wie das eines Kin­des.«

34. Minu­te
Wie geht es Ihnen gera­de, Julio Cesar? (Foto der Shri­gley-Zeich­nung: Bumil­lo)

Fuck it All and Damn it All to Hell

37. Minu­te
»Also, äh, da ist der Toni, und der, ähm, der trifft den Ball.«

39. Minu­te
Die drin­gends­te Fra­ge ist jetzt ja: Was macht das ZDF nun mit sei­nen gan­zen span­nen­den Thril­ler­mu­sik-Trai­lern, die es in der Halb­zeit­pau­se noch zei­gen woll­te?

44. Minu­te
Wie vie­le Flos­keln über die theo­re­ti­sche Unmög­lich­keit die­ses Ergeb­nis­ses Olli Kahn wohl in der Halb­zeit unter­brin­gen wird?

45. Minu­te
Réthy sti­li­siert das Ergeb­nis zum Wun­der hoch. So weit wür­de ich erst gehen, wenn Khe­di­ra zum End­spiel übers Was­ser anreist.

22:51 Uhr
Und dann ist Halb­zeit und man wird sich wie­der gewahr, was eigent­lich wich­tig ist auf der Welt. Bezie­hungs­wei­se schei­ße. Viel Kraft allen Men­schen in Isra­el und im Gaza­strei­fen, die dort ein­fach nur leben wol­len.

47. Minu­te
Mer­te­sa­cker jetzt im Spiel. Und in der Nah­auf­nah­me im Zwei­kampf. Die Eis­ton­ne hat sein Gesicht von letz­ter Woche gut kon­ser­viert.

50. Minu­te
Mar­ce­lo will laut Réthy zumin­dest noch ein Zei­chen set­zen. Aber Mar­ce­lo ist nicht Mark van Bom­mel. Scha­de.

53. Minu­te
Bra­si­li­en will hier noch was errei­chen. Erin­nert sich an Wer­der Bre­men in den 2000er Jah­ren: »Wenn die fünf machen, machen wir halt sechs. Wir haben Johan Micoud.« Aber Mar­ce­lo ist eben auch nicht Johan Micoud. Scha­de.

55. Minu­te
Und auch Manu­el Neu­er ist jetzt im Spiel. »Wie, der Klo­se hat nen WM-Rekord? Will ich auch! Wer ist Tim Howard?« Und so hält er halt ein paar Bäl­le. Und in Dort­mund zei­gen sie Jür­gen Klopp zum Run­ter­kom­men in Zukunft Vide­os von Neu­ers Tiefen­ent­spannt­heit.

58. Minu­te
Horst für Josef. Oder: Schürrle für Klo­se. Schö­ne Zweit­na­men. Toni ist auch noch auf dem Rasen. Es fühlt sich an wie ’54, nicht nur durch die Anzahl der geschos­se­nen Tore.

61. Minu­te
Und wer hat wie­der alles rich­tig gemacht? Mr. Mijo­gi! Jeder hat sei­ne Metho­den ange­zwei­felt, am Ende jedoch hat er sei­ne klei­nen Kara­te-Kids per­fekt trai­niert. Vor­bei die Zei­ten, in denen Dan­te Phil­ipp Lahm in der Halb­zeit sein Pau­sen­brot abge­nom­men hat. Ab jetzt weht hier ein ganz ande­rer Wind. Durch sein badi­sches Haar. Jetzt darf er auch wie­der schön sein.

64. Minu­te
Und was macht Löw? Gibt an der Sei­ten­li­nie schon­mal Inter­views, in denen er Tho­mas Bern­hard zitiert: »es gibt nichts anstren­gen­de­res / als eine Kapa­zi­tät zu sein«

68. Minu­te
Sco­la­ri hin­ge­gen betrach­tet das Gesche­hen mitt­ler­wei­le mit einem Blick aus einem Ril­ke-Gedicht. Sein Blick ist von Vor­rüber­ren­nen der Spie­ler so müd gewor­den, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tau­send Spie­ler gäbe, und trotz der tau­send Spie­ler kei­ne Welt (meis­ter­schaft­strophäe).

69. Minu­te
Hier trö­tet schon wie­der irgend­was. Die wer­den doch nicht …

70. Minu­te
Sie wer­den. Schürrle mit sei­nem zwei­ten Joker­tor bei der WM. Zieht damit mit Mats Hum­mels gleich. Es hört sich alles sehr unwirk­lich an.

72. Minu­te
Für Fred kommt Wil­li­an. Das ist der Mann, der 2013 vom Geld­club Shakhtar Donetsk zum Geld­club Anzhi Mak­hachka­la gewech­selt ist. Weil’s am Kas­pi­schen Meer noch schö­ner ist als in der Ukrai­ne.

77. Minu­te
David Luiz will Tho­mas Mül­ler an den Kra­gen, als wäre der Hei­ko Herr­lich. Aber David Luiz ist halt nicht Oli­ver Kahn. Scha­de. Oder: zum Glück.

79. Minu­te
Schürrle. 7–0. So lang­sam glau­be ich, dass irgend­wo Ed Har­ris oben in der Kup­pel sitzt und die WM steu­ert. Und wir alle sit­zen da und sind fas­zi­niert von Mar­ce­los Leben. Und Mar­ce­lo will das Sta­di­on ver­las­sen, aber Mar­ce­lo ist nicht Tru­man, und das ist nun wirk­lich scha­de.

83. Minu­te
Rami­res ver­sucht es noch mal aus der zwei­ten Rei­he. Und irgend­wo im Ruhe­stand schneuzt sich Rober­to Car­los geräusch­voll in sein Taschen­tuch und drischt es dann vol­le Lot­te in den Müll­ei­mer. Des Nach­bar­hau­ses.

88. Minu­te
Ich wür­de ja ger­ne noch etwas intel­li­gen­tes schrei­ben. Aber ich bin von die­sem Spiel para­ly­siert wie ein Pika­chu nach Rau­pys Faden­schuss-Atta­cke.

90. Minu­te
Tor für Bra­si­li­en! »Gott­sei­dank«, wun­der­seufzt Réthy empa­thisch oder eklig. Oscar hat’s gemacht. Der klei­ne Tromm­ler.

23:52 Uhr
Der mexi­ka­ni­sche Schieds­rich­ter, von dem ich das Spiel über nur nichts geschrie­ben habe, weil es völ­lig egal war, was er so gepfif­fen hat, pfeift ab. Das wie­der­um ist nicht egal – Deutsch­land ist im Fina­le, meto­ny­misch. So ganz scheint das kurz nach dem Schluss­pfiff kei­ner der Akteu­re zu begrei­fen. Der ers­te wird ver­mut­lich Phil­ipp Lahm sein, der immer gefühl­te 10 Sekun­den nach Spie­len­de schon zum Inter­view bereit­steht.

23:54 Uhr
Dann hole ich doch zum Ende noch mal die Smil­la aus dem Reper­toire (was man so alles fin­det, wenn man mal zehn Sei­ten ein gutes Buch liest). Lie­be Bra­si­lia­ner: »Wor­te kön­nen an der Trau­er rela­tiv wenig ändern. Wor­te kön­nen an allem rela­tiv wenig ändern. Aber was haben wir denn sonst schon?« In die­sem Sin­ne: Kopf hoch!

23:57 Uhr
Tho­mas Mül­ler macht jetzt einen auf Höwe­des und straft mich Lügen. Nicht Phil­ipp Lahm, son­dern die »Älo­quents­bes­tie« (O-Ton Repor­ter) Mül­ler gibt das ers­te Inter­view. Sorgt am Ende für den bes­ten Schnitt des Tages. »Jetzt darf der Opa was sagen.« Und das ZDF schal­tet direkt zum Inter­view mit Julio Cesar. Unglück­lich. Aber lus­tig.

23:59 Uhr
Julio Cesar kann einem echt leid tun. Eine ergrei­fen­de Rede.

00:14 Uhr
Und zum Abschluss Jogi Löw im Inter­view. Lächelt. Und wie wür­de Mura­ka­mi es beschrei­ben: »Es war ein Lächeln aus einer Schub­la­de, die er für gewöhn­lich nicht öff­ne­te.« Hast du dir ver­dient, Mr. Mijo­gi.

00:16 Uhr
Und mit dem begin­nen­den obli­ga­to­ri­schen Hup­kon­zert ver­ab­schie­de ich mich und bedan­ke mich, dass ihr mit- oder nach­ge­le­sen habt, was ich hier so zusam­men­ge­fa­selt habe. Ich hof­fe, ihr hat­tet ein biss­chen Spaß dabei. Gute Nacht!