Gleichgewichtssinn

Manchmal fehlt mir das Gleichgewicht
Nicht jedes Mal liegt’s an den Ohren
Manchmal denk ich, ich reiche nicht
Und gebe mir traurig die Sporen

Manchmal liege ich einfach nur rum
Und lasse die Welt mich beschwindeln
Nehme die schönen Momente mir krumm
Und folge sich sorgenden Spindeln

Manchmal denk ich „Das reicht mir nicht!
Ich weiß, dass die Welt mich bereichert“
Dann spür ich: Mein Körper hat kein Gewicht
Ich lasse ihn springen
Und leuchten und singen
Und glaube dran, dass er das speichert

Gärtnerfreuden

das schönste am pflanzen ist graben
in beet oder topf
und leere im kopf
und die hände am ende
voll erde zu haben

das schönste am graben ist wühlen
kräftig und tief
und sehr intensiv
die nährende wärme
des lebens zu fühlen

das schönste am wühlen ist finden
wurzel und stein
kurz nur zu sein
das glück ein stück ton
oder reste von rinden

das schönste am finden ist haben
blumen und zeit
ruhe, bereit
sich am startenden garten zu laben
das schönste am pflanzen ist graben

Vielflieger

Das Blinken ihrer elektrischen Zahnbürste
Ist eine Boeing auf ihrem Weg
Durch den Nachthimmel des Wohnzimmers

Sie sagen, man solle weniger fliegen
Aber ich sammle weiterhin Meilen

Isartalabschweifung

Hinter mir Bäume, vor mir der Wald
über mir Himmel, unter mir Holz
darunter Wasser, frühlingshaft kalt
neben mir Jakob, Blick voller Stolz

Hinter mir Berge, vor mir der Fluss
über mir Krähen, unter mir schwankt’s
darunter fließt es, Jakob, ich muss
ganz kurz mal sitzen, Jakob, mir langt’s

Sitz auf den Balken, halte mich fest
So viele Kurven noch bis zum Ziel
Jakob, ich sag dir, du machst den Rest
Die letzte Klause war mir zu viel

Den Flößerhaken fest in der Hand
lenkt Jakob an den Steinen vorbei
Steht dabei vorne, direkt am Rand
Heiliger Nepomuk stehe ihm bei

Nun lernst auch du es, sagt‘ er beim Bier
Wenn der Fluss hoch steht geht es ganz leicht
Morgen, sprach Jakob, kommst du mit mir
weil dir zur Ehre Flößen gereicht

Kurz hinter Wallgau fuhren wir ab
Kurz hinter Tölz dann musste ich speibn
In Wolfratshausen machte ich schlapp
Seitdem macht Jakob, ich lass mich treib’n

Jakob, bis München, sag mir: wie lang?
Grad erst in Icking, ja geh verreck
Hilft ja nichts, Jakob, gib mir die Stang‘
Plötzlich ist alle Übelkeit weg

Rennen und stoßen, ziehen und steh’n
Nach fünf Minuten merk ich den Schweiß
Mut der Verzweiflung, muss halt jetzt geh’n
Wasser spritzt und die Sonne brennt heiß

So wurd‘ ich Flößer, bin es noch jetzt
Jakob, ich dank dir für die Geduld
Hast stets die wilde Isar geschätzt
Jakob, ich stehe in deiner Schuld

Kraftlos nach Stunden der Jungfernfahrt
Kommt dann die Lände endlich in Sicht
Ich juble lautstark, Jakob bleibt hart
Er war ein Flößer – ich war’s noch nicht

Spätoktobergedicht

Dein Körper kann’s spüren:
November ist nah
Noch droht er von ferne
Schon bald ist er da

Er schickt seine Regen
Ihm peitschend voraus
Die Dunkelheit schleicht sich
Direkt vor dein Haus

Du kannst dich erinnern:
Die Kälte im Schuh
Die Schals und die Jacken
Der Reißverschluss zu
Mensch, wer jetzt kein Haus hat
Der Rilke und du

Verlorst dein zu Hause
Verlorst all dein Geld
Verlorst deine Liebe
Verlorst deine Welt

Noch läufst du durch Spätherbst
Samt Sonne und Glück
Doch kommt der November
Alljährlich zurück

Und mit ihm dein Leben
Was bisher geschah
Er gaukelt und nebelt
Erinnert was war
Doch hinter der Drohung
Ist deine Sicht klar

Nördlich von Ratingen

der hund ist wegen mir geschimpft worden
ich stand auf einem astfriedhof in der sonne
führte selbstgespräche, eine vergessene lüftung

stieß auf eine koppel, rauhreif, kehrte um
ich grüßte den hund wie einen tramfahrer
meine aufmerksamkeit über mir an einer luftballonschnur

waldarbeiten als ungenaue erinnerungen an lärm
die folie meines hanfsamenriegels wie ein spickzettel in meiner tasche
der hund grüßte höflich zurück

Sonett für Ellida

Das neue Haus hat sechs große Zimmer
Und die ganze Ausstattung ist noch mal krasser
Auf die Verkehrsanbindung achtet er immer
Doch wieder ist in der Nähe kein Wasser

Der Sand ihrer Kindheit, der Wind um die Ohren
Von dem sie sich sicher war: das bleibt erhalten
Sie gingen im Landesinnern verloren
Erst Hunger auf Leben, dann Leben Verwalten

Die Kinder lieben die bebende Stadt
Hier kann man so schön der Leere entfliehen
Er ist trotz Beförderung niemals ganz satt

Sie fühlt sich wie eine Patientin am Tropf
Irgendwann wird sie den Zugang sich ziehen
Bis dahin behält sie die Dünen im Kopf