Vielflieger

Das Blinken ihrer elektrischen Zahnbürste
Ist eine Boeing auf ihrem Weg
Durch den Nachthimmel des Wohnzimmers

Sie sagen, man solle weniger fliegen
Aber ich sammle weiterhin Meilen

Isartalabschweifung

Hinter mir Bäume, vor mir der Wald
über mir Himmel, unter mir Holz
darunter Wasser, frühlingshaft kalt
neben mir Jakob, Blick voller Stolz

Hinter mir Berge, vor mir der Fluss
über mir Krähen, unter mir schwankt’s
darunter fließt es, Jakob, ich muss
ganz kurz mal sitzen, Jakob, mir langt’s

Sitz auf den Balken, halte mich fest
So viele Kurven noch bis zum Ziel
Jakob, ich sag dir, du machst den Rest
Die letzte Klause war mir zu viel

Den Flößerhaken fest in der Hand
lenkt Jakob an den Steinen vorbei
Steht dabei vorne, direkt am Rand
Heiliger Nepomuk stehe ihm bei

Nun lernst auch du es, sagt‘ er beim Bier
Wenn der Fluss hoch steht geht es ganz leicht
Morgen, sprach Jakob, kommst du mit mir
weil dir zur Ehre Flößen gereicht

Kurz hinter Wallgau fuhren wir ab
Kurz hinter Tölz dann musste ich speibn
In Wolfratshausen machte ich schlapp
Seitdem macht Jakob, ich lass mich treib’n

Jakob, bis München, sag mir: wie lang?
Grad erst in Icking, ja geh verreck
Hilft ja nichts, Jakob, gib mir die Stang‘
Plötzlich ist alle Übelkeit weg

Rennen und stoßen, ziehen und steh’n
Nach fünf Minuten merk ich den Schweiß
Mut der Verzweiflung, muss halt jetzt geh’n
Wasser spritzt und die Sonne brennt heiß

So wurd‘ ich Flößer, bin es noch jetzt
Jakob, ich dank dir für die Geduld
Hast stets die wilde Isar geschätzt
Jakob, ich stehe in deiner Schuld

Kraftlos nach Stunden der Jungfernfahrt
Kommt dann die Lände endlich in Sicht
Ich juble lautstark, Jakob bleibt hart
Er war ein Flößer – ich war’s noch nicht

Spätoktobergedicht

Dein Körper kann’s spüren:
November ist nah
Noch droht er von ferne
Schon bald ist er da

Er schickt seine Regen
Ihm peitschend voraus
Die Dunkelheit schleicht sich
Direkt vor dein Haus

Du kannst dich erinnern:
Die Kälte im Schuh
Die Schals und die Jacken
Der Reißverschluss zu
Mensch, wer jetzt kein Haus hat
Der Rilke und du

Verlorst dein zu Hause
Verlorst all dein Geld
Verlorst deine Liebe
Verlorst deine Welt

Noch läufst du durch Spätherbst
Samt Sonne und Glück
Doch kommt der November
Alljährlich zurück

Und mit ihm dein Leben
Was bisher geschah
Er gaukelt und nebelt
Erinnert was war
Doch hinter der Drohung
Ist deine Sicht klar

Fragen an die Zahnfee

Wenn mit der Zunge von innen ich drück
Wenn ich nach vorn schieb und wieder zurück
Wenn ich da rüttel und ruckel und stoß
bewegt sich der Zahn, oder träum ich das bloß?

Wenn mit dem Finger ich minimal dreh
Und ziehe und stupse – nee jetzt tut es weh
Wenn jeden Tag Brote und Äpfel ich schmaus
Dann dauert’s zwei Wochen und schon ist er raus

Und ab unters Kissen und unruhig geträumt
Von schmelzweißen Burgen, von Zahncreme umschäumt
von Zahnseideschluchen und Elmex Gelee
Und andern Metaphern, die ich nicht versteh

Im Aufwachen dann, im wohligen Strecken
Im Nicht-genau-wissen, im ganz kurz Erschrecken
Ne Frage, im frisch belückt schlaftrunknen Gähnen:
Was macht die Zahnfee mit unseren Zähnen?

Sammelt sie sie in nem riesigen Speicher
geht darin schwimmen, wird reicher und reicher?
Mahlt sie sie gründlich und würzt ihre Suppen?
Düngt ihre Blumen? Stopft ihre Puppen?

Fertigt sie ganz kleine Milchzahnfiguren?
Reibt sie zu Sand für entsprechende Uhren?
Sind Zähne für sie etwa Delikatessen?
Möchte sie sie zu nem Edelstein pressen?

Spendet sie sie vielleicht zahnlosen Greisen?
Sind Zähne Reliquien in Zahnfeenkreisen?
Platziert sie sie gar als Skulpturen im Garten?
Kann sie die Winterzeit kaum noch erwarten

Nimmt sie als Kunstschnee, als Streusalz für Pendler?
Hat sie nen lispelnden Zahn-Zwischenhändler?
Oder kann sie die irgendwo teuer verkaufen?
Die muss doch so langsam in Zähnen ersaufen! –

Ich greif unters Kissen und taste und wühl
und find einen Euro und hab das Gefühl
dass ich meine Zähne zu billig verkauf
Ich schlag da in Zukunft noch Zahnsteuer drauf!

Nördlich von Ratingen

der hund ist wegen mir geschimpft worden
ich stand auf einem astfriedhof in der sonne
führte selbstgespräche, eine vergessene lüftung

stieß auf eine koppel, rauhreif, kehrte um
ich grüßte den hund wie einen tramfahrer
meine aufmerksamkeit über mir an einer luftballonschnur

waldarbeiten als ungenaue erinnerungen an lärm
die folie meines hanfsamenriegels wie ein spickzettel in meiner tasche
der hund grüßte höflich zurück

Chef’s Table

Ich starte und zähle
Ich wasche und schäle
Ich rasple und rühre
Ich fasse und spüre
Ich mahle und rupfe
Ich forme und zupfe
Ich rolle und mixe
Ich reibe und mische
Ich schneide die Fische

Ich salze und würze
Ich walze und kürze
Ich siede mit Liebe
Flambiere die Tiere
Erhitze und schwitze
Ich stopfe und tropfe
Ich hoffe und rate
Ich stelle zur Seite und warte

Ich köchle, gieß ab und blanchiere
Ich brate, stech rein und probiere
Ich nippe und schlürfe
Ich schnipple und schürfe
Ich quetsche und presse
Ich mörser und zeste
No waste die Reste
Ich dünste und backe
Arrangiere und hacke
Ich schmeck ab und deck ab
Und check das Besteck ab
Ich hau hier extrem auf die Kacke

Ich koch ohne Pause
Jongliere die Kellen
Und du kommst nach Hause
Und willst was bestellen

Sonett für Ellida

Das neue Haus hat sechs große Zimmer
Und die ganze Ausstattung ist noch mal krasser
Auf die Verkehrsanbindung achtet er immer
Doch wieder ist in der Nähe kein Wasser

Der Sand ihrer Kindheit, der Wind um die Ohren
Von dem sie sich sicher war: das bleibt erhalten
Sie gingen im Landesinnern verloren
Erst Hunger auf Leben, dann Leben Verwalten

Die Kinder lieben die bebende Stadt
Hier kann man so schön der Leere entfliehen
Er ist trotz Beförderung niemals ganz satt

Sie fühlt sich wie eine Patientin am Tropf
Irgendwann wird sie den Zugang sich ziehen
Bis dahin behält sie die Dünen im Kopf

Alleine verdauen

Irgendwann ist es Standard geworden
dass ich beim Essen Netflix schaue
Der Computer sitzt auf dem Holztisch
wie eine schlecht erzogene Katze
Seit meine Mitbewohnerin einen neuen Job hat
fällt es mir schwerer, zu Hause zu sein
Alleine kochen
Alleine essen
Alleine verdauen
Heute habe ich mich dazu gezwungen
den Laptop in meinem Zimmer zu lassen
Es gibt Gelbes Dal und Basmatireis
Ich fürchte mich vor den Erinnerungen
an die Abendessen meiner Kindheit
Vielleicht muss ich lauter schmatzen
Chrm
Chrm
Chrm
Mh
Mnjam
Chrmchrm
Chrm
Ich liebe dich, Alex

Newsletter #9 – Dichter:innen und Denker:innen

Ladies and Genderfans,

meine Freundin Fee und ich schreiben uns seit Jahren Nachrichten aus dem Zug mit Dingen, die wir verstehen, wenn die Begleiter:innen „Ladies and Gentlemen“ sagen. Ladies and Champions, Ladies and Schelme. Ladies and Jennifer. Es ist ein großer Spaß. Ist mir nur gerade eingefallen, als ich den Betreff genderte.

Fee und ich haben uns zuletzt Mitte Oktober gesehen, als entgegen aller Wahrscheinlichkeiten unsere Lesebühne „Die Stützen der Gesellschaft“ stattfinden konnte. In meiner Heimatstadt Lindenberg. Alle im Publikum trugen Maske, saßen auseinander, niemand sang bei Franks „Gefühlter Übersetzung“ mit, und wir mussten das Mikro desinfizieren, wenn wir dran waren. Und trotzdem hatten wir Tränen in den Augen während der Show und danach, weil wir uns so gefreut haben, endlich mal wieder (zuletzt im Februar) zusammen auftreten zu dürfen. Am Ende wurde Sven sehr emotional und nahm das Publikum in die Pflicht, der Kultur beizustehen in diesen Zeiten. Wir hätten uns alle hart erarbeitet, von unserer Kunst leben zu können, und die momentanen Vorschriften gingen vielen an die Existenz. Es sei mehr als ein bisschen vorlesen. Unsere Leben hingen daran, dass wir diese Phase überstünden. Ein Lockdown in dieser Form käme einem Berufsverbot gleich, für alle vor und hinter und auf den Bühnen des Landes. Er sagte noch mehr, und er sagte es schöner, vor allem, weil seine Stimme so schön tief ist.

Ich war kurz irritiert, denn es war meine Heimat, und hier stand dieser erfahrene, whiskytiefe Philosoph, der mir so oft ein Vorbild war, und bat Menschen, die mich kennen, darum, doch bitteschön ordentlich Bücher zu kaufen und andere Dinge zu unternehmen, damit wir und damit die Kunst all das überleben. Was sollen die Leute denken, erinnerte ich mich an einen Buchtitel von Jess Jochimsen. Doch dann war ich stolz, weil Sven formulierte, was ich oft gedacht, aber nicht ausgesprochen hatte. Während des Lockdowns kommst du mal wieder zum Lesen? Kunst. Eine Serie schauen? Kunst. Netflix, die Lieblingsmusik, Brettspiele? Die Kunst hilft jeder und jedem von uns, den Verstand nicht zu verlieren in dieser Zeit, da dies so wahnsinnig leicht ist.

Neulich stand ich in Balingen, wo die DB-Busse („Ladies und Schämen“) alle zwei Stunden fahren, und während des Wartens sah ich ungefähr 50 Schüler:innen sich über Minuten am Bahnsteig auf den Bus warten, während sie sich anschrien, schubsten, umarmten. Keine Masken, nichts. Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Wenn ich den ganzen Tag in der Schule Maske tragen müsste, würde ich auch jede Gelegenheit nutzen, sie mir vom Gesicht zu ziehen. Ich mache noch nicht mal denjenigen einen Vorwurf, die all das entscheiden müssen, denn in ihrer Haut möchte ich nicht stecken. Doch egal, wie das Virus jetzt mit Jugendlichen verfährt, finde ich es absurd, Schulen mit mehreren Hundert Schüler:innen offen zu lassen (ja, ich weiß, sonst könnten deren Eltern dem Staat keine Arbeitskraft liefern und, wichtiger, viele Eltern sind darauf angewiesen, dass ihre Kids in der Schule Mittagessen, etc.), während Kulturveranstaltungen mit extremen hygienischen Auflagen dicht machen müssen.

Eine Lösung für die momentane Situation habe ich nicht, und halte mich an die Regeln. Doch Sven hatte Recht: Sie treffen die Kulturbranche unverhältnismäßig hart. Wie meine Freunde Max und Jonas aka Das Lumpenpack (schau dir ihr neues Video an!) singen: „Hilfe für die Lufthansa, Mitleid für die Kunst.“ Deshalb auch hier noch mal der Aufruf: Ein ganzen Jahr seinen Beruf nur eingeschränkt oder nicht ausüben zu können, geht an niemandem spurlos vorbei. Ob finanziell oder psychisch. Wir sind nicht die Einzigen, das ist klar, und ich selbst kam recht glimpflich durch das Jahr. Aber viele meiner Kolleg:innen genauso wie Bekannte aus der Veranstaltungsszene kommen an ihr Limit. Die Bitte ist einfach: Vergiss uns nicht. Und damit meine ich nicht Netflix und Amazon Prime. Ich meine diejenigen, die deine Stadt, dein Umfeld, deinen Alltag und dein seltsames Jahr begleiten mit ihrem Schaffen. Support your local artists as much as you can.

News:

– Morgen beginnt die Bayerische Akademie des Schreibens. Ich hatte die letzten beiden Male vollkommen vergessen, dir zu sagen, dass ich für das diesjährige Seminar angenommen wurde. Bedeutet 3×5 Tage Blockseminar, und am Ende hoffentlich eine schöne Version eines Romans. Veranstaltet vom Literaturhaus München und dieses Jahr hauptsächlich über Zoom begleiten eine Autorin und ein Lektor neun Schriftsteller:innen bei der Arbeit. Und ich mittendrin. Juhu!

– Ich habe einen Text geschrieben, weil der Sponsor des Kemptener Slams, die AÜW, 100 Jahre alt wird. Sie wollten deshalb von mir etwas zum Thema Energie, und ich habe mir viel Mühe gegeben und schließlich diesen Text hier über mich als Energy-Man geschrieben. Enjoy!

– Mein lieber Verlag, der Satyr Verlag Berlin, ist von der Pandemie besonders betroffen, da er etwa ein Drittel seines Umsatzes mit dem Verkauf bei Live-Veranstaltungen macht. Solltest du ein Weihnachtsgeschenk für jemand Liebes brauchen oder dich selbst etwas im Sortiment umschauen wollen, freut Volker sich. Du bekommst dort alle meine bisher erschienenen Bücher. Davon werde ich persönlich zwar nicht reich, aber wie gesagt: Ich komme gut durch. Jetzt geht es erst einmal um die Anderen. Ich möchte auch in ein oder zwei Jahren noch in einer Welt mit Verlagen, Buchhandlungen, Gastronomie und Konzerten leben.

– Und jetzt die Belohnung für so viel Engagement deinerseits: Ich habe im Oktober und November sehr viele Gedichte geschrieben, und grob überschlagen reichen sie aus, um einen Adventskalender damit zu machen. Auf meiner Website unter alexburkhard.de/archiv/blog gibt es ab 01.12. jeden Tag ein Gedicht für dich. Und manche sind wirklich gut!

Kunst, die ich in den letzten Wochen mochte:

– Meine Gedichte. Hihi.

– Den Instagram-Kanal von @feliciachiao

La casa de papel auf Netflix. Die ersten beiden Staffeln haben mich richtig gepackt. Ist immer schön, wenn Figuren nicht als gut oder schlecht dargestellt werden, sondern sämtlich eine Story haben. Für jede Staffel habe ich zwei Bücher in der Buchhandlung gekauft. Das nur so als Orientierung :-*

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Den Betreff des Newsletters habe ich vor dem Rest geschrieben. Er suggeriert eine intensive Beschäftigung mit gegenderter Sprache in Deutschland und ob sie in der Literatur funktioniert. Das war dann heute gar nicht das Thema, aber wichtig wäre es trotzdem. Gendern ist wichtig, weil Sprache unsere Wahrnehmung prägt. Und so lange in diesem Land keine faktische Gleichberechtigung herrscht, sollten wir diesen Weg gehen. Wenn ich auch im Roman nicht immer mit :innen gendern werden kann, so versuche ich es doch, und wo es nicht geht, nehme ich einfach abwechselnd die weibliche und die männliche Form. Auch wenn weibliche und männliche Form auch nur gesellschaftliche Konstrukte usw. Das als kleiner Exkurs am Ende. Weil viel unterging in diesem verrückten Jahr.

Ich wünsche dir eine schöne Vorweihnachtszeit und viel Spaß mit meinem Adventskalender. Gute Rauhnächte auch, die haben letztes Jahr ihre Magie bei mir voll entfaltet. Ich wünsche dir Liebe und dass du siehst und gesehen wirst. Vor allem wünsche ich dir Gesundheit. Du darfst stolz darauf sein, was du bis hierher geleistet hast.

Alles Liebe
Alex

Newsletter #8 – Mein größtes Vorbild

Liebe – wie hätte Bastian Pastewka als Brisko Schneider in der Wochenshow gesagt – Liebende!

Ich möchte in dieser Ausgabe des Newsletters über Vorbilder sprechen. Ich hatte in meinem Leben einige: meinen Grundschullehrer Herr Pickenhan, der auch im Alter noch fit war; José Mourinho, der als Nicht-Profi Fußballtrainer geworden ist; unzählige Schriftsteller:innen, die mich selbst einer werden wollen ließen; Frank Klötgen wegen seiner Reime und Neologismen; meine Freundin Franzi, die ich für Ihre Art bewundere, mit Menschen umzugehen. Mein größtes Vorbild seit gut einem Jahr: meine jüngere Schwester Kathi.

Vergangenes Wochenende war unser 7-jähriger Neffe bei ihr in München zu Gast, und obwohl das ganze Wochenende veranschlagt war, wollte er am Samstagabend wieder nach Hause. Sie riefen meine noch jüngere Schwester Tami an, die gerade staubsaugte. Was man halt so macht, wenn das Kind mal nicht daheim ist. „Wenn du in 10 Minuten immer noch willst, fahre ich los“, sagte sie. Er wollte. Am nächsten Tag spielten Kathi und ich am Johannisplatz Tischtennis, wie wir das seit ein paar Monaten häufig tun. Während sie mir die Bälle um die Ohren haute, erzählte sie, dass sie erst um drei Uhr morgens einschlafen konnte. Was sie bis dahin gemacht hatte: geordnet. Unser Neffe war in München überfordert von dem Input, den er von ihr und der Stadt bekam. Während ich (beim Versuch, einen ihrer Schmetterbälle zu bekommen) gegen einen Baum krachte, sagte sie: „Er brauchte ein Gefühl von Zu Hause, sein Zimmer, seine Dinge, die er kennt.“ Und wenn zur Ruhe kommen für ihn bedeutet, dass er auch mal vor der PlayStation sitzt, then who the hell cares. Kathi hat unseren Neffen die ersten Jahre mit erzogen, weil sie damals im Allgäu gewohnt hat. Er ist sehr sensibel, und die beiden haben ein besonderes Verhältnis. Als Tami ihn holte, so erfuhr ich, während mein Return im Netz landete, fragte er, wann sie wieder ins Allgäu ziehe. Was sie aus all dem mitgenommen hat: Es lag nicht an ihr.

Wir alle sind schnell dabei, Dinge persönlich zu nehmen, die Reaktionen anderer Menschen auf uns zu beziehen. Kathi, die sich wie ich sehr mit dem Thema Selbstliebe beschäftigt, hat am Samstag in ein paar Stunden geschafft, wofür ich oft länger brauche. Manchmal schaffe ich es gar nicht. Sie hat durch Meditation, durch liebevolles Umgehen mit sich einen Trigger aufgelöst. Sie hätte den Wunsch unseres Neffen leicht persönlich nehmen können; sie hatte viel geplant für das Wochenende, sie hatte sich wochenlang auf die Zeit mit ihm gefreut. Aber sie ist wahnsinnig toll mit ihm und seinen Bedürfnissen umgegangen, und mindestens genauso gut mit sich und ihren Gefühlen, die das Ganze hervorgerufen hat. Für dich ist das möglicherweise gar keine großes Thema, aber ich war sehr beeindruckt von ihr.

Später holten wir uns einen Kaffee (sie) und ein Eis (ich) und saßen noch etwas in der Herbstsonne. Sie ärgerte sich, dass sie keinen Recup mitgenommen hatte, um sich den Kaffee einfüllen zu lassen. Es war ihr zweiter Einwegbecher in diesem Jahr. „Zwei zu viel“, sagte sie. Mit einer Freundin habe ich die 80%-Regel. Wenn jeder 80% der Zeit Gutes tut (aus unserer Sicht Gutes, zum Beispiel 80% der Zeit vegan leben, in 80% der Fälle nachsichtig mit Mitmenschen umgeht, 80% der Zeit dem Drang widersteht, bei Amazon zu bestellen), dann wäre die Welt sehr viel besser. Vorbildfunktion haben Menschen für mich immer dann, wenn ich mich mit ihnen verbunden fühle, wenn sie nahbar sind, wenn sie sich Mühe geben, aber auch Fehler haben. Franzi schafft es auch nicht immer, liebevoll mit sich und anderen umzugehen, aber wenn ich schätzen müsste, wie oft, würde ich sagen: 80% der Zeit. Frank Klötgens Megareime feiere ich in ca. 80% der Fälle, ich mag, grob geschätzt, 4 von 5 Sätzen in meinen Lieblingsbüchern, und José Mourinho gewinnt nicht mal ansatzweise 80% seiner Spiele, und wird von weit weniger seiner Spieler gemocht. Nur Herr Pickenhan, über den weiß ich nichts Negatives zu sagen.

Der Punkt, den ich seit ein paar Zeilen, und auch vergangenen Sonntag, machen möchte, ist der Folgende: Ich schaue eher zu jemandem auf, der oder die mir in 80% der Fälle ihre Ideale, Einstellungen, Ideen vorlebt, und in den restlichen Fällen nachsichtig mit sich umgeht im Wissen, dass niemand perfekt ist, als zu jemandem, der oder die Ersteres zwar in 95% der Fälle schafft, sich aber für die verbleibenden 5% komplett fertig macht und verkrampft an einem Ideal festhält. Es bringt ja nichts, sich vorzunehmen, nicht so perfektionistisch zu sein, und sich dann zu ärgern, dass man das nicht perfekt hinkriegt. Das sage ich aus leidvoller Erfahrung.

Kathi sieht mich übrigens auch als Vorbild. Das hat mit meiner Rolle als großer Bruder zu tun, aber auch damit, dass ich dieses Jahr sehr viel Zeit investiert habe, loszulassen. Wie oft ich das nicht schaffe? Ungefähr jedes fünfte Mal. Aber das ist okay.

Handfeste News:

– Am kommenden Samstag, den 10.10., gibt es tatsächlich mal wieder einen Auftritt. Die Stützen der Gesellschaft geben sich die Ehre in Lindenberg im Allgäu. Ich habe Fee seit Februar nicht gesehen, und ich fürchte, ich werde sie umarmen müssen. Frank und Sven begrüße ich aus der Ferne. Ach, das wird toll. Und weil auch viele Freiburger:innen im Newsletter mit dabei sind: 03.12., die Stützen im Vorderhaus.
Alle Termine (auch einer in München, mit Teilen des BR-Kammerorchesters) gibt es hier.

– Der Herbst ist da.

– Ich bin jetzt auch offiziell nicht mehr Rottweiler Stadtschreiber. Vor zwei Wochen habe ich mein Amt übergeben. Ich habe mich dermaßen gefreut, für die Zeremonie noch mal nach Rottweil zu fahren! Das ist in den drei Monaten dort ein besonderer Ort für mich geworden. Was ich meinem Nachfolger mit auf den Weg gegeben habe, kannst du hier nachlesen.

Kunst, die ich zuletzt gut fand:

– Eine Freundin hat mich ein bisschen in die Fantasy hineingelockt, und besonders gefallen hat mir The Amulet of Samarkand, der erste Teil der Bartimaeus-Trilogie. Als Kind konnte ich nichts anfangen mit diesen fremden Welten, jetzt lerne ich sie spät, aber sehr gerne schätzen. Vor allem der Tonfall in diesen Romanen taugt mir extrem: umgangssprachlich und doch literarisch, persönlich und doch ironisch. Es ist ein bisschen her, dass ich ein Buch nur aus Spaß an der Freude gelesen habe, „nur“ aus Unterhaltungsgründen. Tat mal wieder gut.
Weitere großartige Bücher meiner Sommerlektüreliste: Unrast von Olga Tokarczuk, GRM von Sibylle Berg und Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie.

– Besagte Freundin hat mir auch Stardew Valley gezeigt, ein Computerspiel, bei dem man zu Beginn seinen Bürojob hinschmeißt, um auf der Farm seines Opas neu anzufangen. Man baut Gemüse an, lernt die Dorbewohner:innen kennen, man gießt sehr viel, angelt, geht in die Mine und entdeckt die liebevoll gestaltete Welt. Jede:r Mitmensch dort hat eine Story, die man nach und nach mitbekommt, und alles ist wahnsinnig integrativ. Es gibt eine riesige Community, Fan-Comics aus aller Welt, ein Wiki, das volle Programm. Ich habe mich immer geschämt, Zeit mit Computerspielen zu verbringen, weil ich dachte: da kann ich auch was Sinnvolles machen. Das stimmt. Aber ich darf auch mal ein paar Stunden am Computer sitzen. Wenn ich Kinder hätte, die natürlich ohne Handy, Fernseher und Zucker aufwüchsen, – wenn ich also Kinder hätte: Stardew Valley dürften sie spielen. Und ich stünde hinter ihnen und würde die Welt feiern, die sie da entdecken.

– Mein momentanes Lieblingslied ist „No Hell“ von Cloud Cult. Selten Lyrics so sehr geliebt, selten die Musik dazu so selbstvergessen gehört. Ist auch auf meiner Herbstplaylist auf Spotify, die ich in den letzten Wochen ungefähr 80% der Zeit laufen habe.

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Danke fürs Lesen. Wie immer freue ich mich, dass du meine Gedanken spannend genug findest, um ihnen ein wenig deiner Zeit zu schenken. Ich habe in den letzten Monaten viel Feedback von dieser Newsletter-Community bekommen und freue mich weiterhin über jede Mail, die mich erreicht, auch wenn ich nicht immer sofort antworte.

Und wenn dir heute beim Arbeiten jemand blöd kommt, denk daran: Es hat nichts mit dir zu tun. Da sind Bedürfnisse und Trigger bei der anderen Person, die sie nicht sieht oder sehen will. Das heißt nicht, dass es okay ist, wenn dir jemand blöd kommt, aber es sagt rein gar nichts über dich als Menschen aus. Du bist perfekt, wie du bist. In 100% der Fälle. Und du bist für viele Menschen ein Vorbild, selbst wenn du dich selbst nicht immer als solches wahrnimmst.

Namasté. (Haha, du dachtest nicht, dass ich am Ende so dick auftrage, oder? Gerade deshalb!)
Dein Alex