Winterspaziergang am Rhein

Wir sind fast so schnell wie die Schiffe
Die langsam flussaufwärts sich quälen
Ich höre vereinzelte Pfiffe
Nach Hunden, die Duftmarken zählen

Die Schafe kau’n Steckrüben wieder
Von Schneeanzugkindern bestaunt
Wir beugen uns zu ihnen nieder
Das „Nicht so nah hin“ nur geraunt

Wie können die Krähen noch fliegen?
Der Wind schon hier unten so kalt
Wie viel diese Brücken wohl wiegen?
Ein Fahrrad sucht irgendwo Halt

Wir könnten noch ewig so gehen
Da hinten ist irgendwo Heerdt
Ich kann’s in der Dämmerung sehen
Dezemberfrost kriecht um die Zehen
Mein Zweifel am Leben verjährt

Adlerstraße

Insider mit deinen Eltern
Im Mischverhältnis 54:1

Die Rotphasen der Kreuzung sind Fragen
Die den Autos niemand beantworten kann

Die Fußmatten des Treppenhauses
Zu oft wiederholte Hilferufe aus der Isolation

Die Farbnasen an der Schlafzimmerwand
Ein Ausbruchversuch in Blindenschrift

Dein warmer Griff auf meine Bettseite
Wie das Handtuch auf den Schultern
Eines müden Boxers

Unsere Körper
Zwei Unbekannte in einer Gleichung
An der ich in der Oberstufe gescheitert bin

Das immer volle Kapernglas
Im Wimmelbild deines Kühlschranks

Deine benutzten Wassergläser
In der Wohnung verteilt wie Oasen
In der Wüste meines Alltags

Haus-Maus-Reime

Als er das Fiepen zum ersten Mal hörte
War es nicht so, dass ihn das groß störte
„Nicht mehr allein!“
fing er an zu wein‘
weil das Knabbern ihn so sehr betörte

Er brachte der Maus einen Käse
auf dass sie ihn recht dankbar äße
„Endlich ein Freund
davon hab ich geträumt“
Er freute sich auf viele Späße

Nachdem er drei Nächt‘ nicht geschlafen
da wurd‘ es ihm mulmig, dem Braven
Auch in das Holz
bissen sie stolz
mit ihren Zähnen, den scharfen

Als der neunte Nager ihn neckte
da glaube er an eine Sekte
Und hast es geseh’n
da waren’s schon zehn
worauf er den Käse versteckte

Doch fraßen die Viecher noch weiter
die Löcher im Putz wurden breiter
Er saß vor dem Haus
die Maus schaute raus
Hernach ist der Mensch stets gescheiter

Coming Home for Christmas

Reisende, kommst du nach Röthenbach,
Lass alle Hoffnung fahren.
Es gibt ne Station und sogar ein Dach,
Das Weitere wollt‘ man sich sparen.

Ein Bus fährt hier nicht. Wohin du auch musst,
Die Hoffnung, die hast du vergebens,
Sei dir dessen vom Start weg bewusst,
Und du sparst dir viel Zeit deines Lebens.

Der Bahndamm ist neu (vor zehn Jahren erbaut),
Sehr viel Beton für wenige Züge.
Die Unterführung war bei der Eröffnung schon grau,
Und „Schön, dass Sie da sind“ ne Lüge.

Im Bahnhof sind hinter verlassenen Fenstern
Nur kalte Kaffeeautomaten,
Nicht einmal der obligatorische Gangster
Quittiert mit nem Auswurf dein Warten.

Du fühlst dich hier frisch, doch das liegt am Regen,
Er fällt hier sehr sauber und leise.
Doch Langeweile ist manchmal ein Segen,
Damit was Passiert, musst du dich bewegen,
D’rum lauf in die Stadt – Gute Reise!


(geschrieben mit Fee Brembeck)

Klangkörper

Ich wünsche mir einen Drummer im Ohr
Dann käme ich nie aus dem Takt
Damit dass ich meinen Rhythmus verlor
Habe ich manchen Moment schon verkackt

Ich wünsche mir einen Streicher im Arm
Dann nutzte ich ihn mit Gefühl
Ich habe mir häufig gewünscht, er sei warm
Und handelte anschließend kühl

Ich wünsche mir eine Flötistin im Bein
Dann folgte ich stets meinem Klang
Ich ließ mich oft locken von Anderer Schein
Des eigenen Weges noch bang

Ich wünsche mir ne Dirigentin im Herz
Die in mir die Teile vereint
Bisher machen sie ziemlich viel Terz
Und streiten sich, bis einer weint

Waffenruhe

Vor dem Eingang stehen zwei Wachen
Die alles an dir inspizieren
Die Blicke, die Worte, dein Lachen
Die kleinste Bewegung erspüren

Dann Katapulte, die Warnungen werfen:
Kehr um, Mensch, du kannst nicht gewinnen
Münder, die Sätze der Abweisung schärfen
Und Netze verletzlicher Spinnen

Überall Dinge, die ablenken sollen
Mitbringsel aus fremden Ländern
Bücher und Lieder, die dich überrollen
Vereinbarungen, die sich noch ändern

Die schweren Geschütze des Reigens:
Die Panzer des „Bin ich genug?“
Die zehrende Waffe des Schweigens
Die Angst vor dem nächsten Betrug

Ein Wall ragt nun auf, und Zielrohre schauen
aus offenen Wunden hervor
Mauern, die schlechte Erfahrungen bauen
Eine Bombe, die jemand verlor

Eine Salve längst vergangener Taten
Eine Panzerfaust, die Keinem dient
Vorwürfe schlagen ein wie Granaten
Die Ruhe danach ist vermint

Stehst du noch immer, wo du einst begannst
Erkanntest mich in meinem Schmerz
Enttarntest du alles als Kino der Angst
Stehst du entschlossen, obschon du auch bangst,
Dann öffne ich dir nun mein Herz

Johnny Depp

Lyrics eines unveröffentlichten Songs von The Baby and the Dog


Unvarnished, cracked streets, stained
Pipelines exposed to the
Heat of the late July
Sun showing off in my
Back, in my mind there’s a
Cartload of ways I can
Deal with my fears an my
Not knowing how this will
End

Insecure kids try’n to
Just make some sense out of
Hours of neglect. I stack
Boxes of white wine and
Boxes of red wine and
Then I go home to make
Music and try not to
Wonder how all this will
End

Smells of cut grass in my
Nose and the clouds look like
Maps from a time when there
Still were some treasures to
Find. You lie next to me
Two pirates happy with
What they have found and I
Feel that things don’t have to
End

Nur geduldet

Zum Glück sehn die Dinos nicht, was wir hier treiben
Denn wo sie Konflikt mit Planeten stets mieden
Zerstören wir alles und dürfen doch bleiben
Und sie bekamen nen Asteroiden

Darauf schloss der Mensch, dass sich Einklang nicht lohnt
Und erfand das Prinzip der Kontrolle
Die Demut, die der Natur innewohnt
Er fragt sich, was er damit solle

Wir haben’s im Griff, uns geht es hier prima!
Unser einstiges Aussterben: selber verschuldet
Bis dahin geht’s uns wie Studien zum Klima
Wir sind nicht erwünscht – nur geduldet

Fernbeziehung

Der erste Kuss nach der Bahnfahrt
Ist ein Ausflug ins Naturschutzgebiet
Du hast uns Proviant gebacken
Für die Morgenstunden des Wiedersehens
Die ersten Berührungen vorsichtig
Wir prüfen Avocados im Biomarkt

Meine Ankunft die Neuauslegung
eines jahrhundertealten Textes
Abgenickt vom Lehrstuhlinhaber
Für dein akademisches Lächeln

Bald sind wir Kinder beim Puzzeln
Nachdem sie das letzte Randstück
Gefunden haben

Schulweg

Sonne am Morgen, ich lauf nach Norden
Mit Raphaela ist es nichts geworden
Acht Uhr ist Schule, ich bleib vielleicht sitzen
Schon der Gedanke bringt mich ins Schwitzen

Ich schau meine Kleidung dort im Fenster an
Ein Pubertätskampf, den ich gewann
Ich trage Nieten, und hautenge Pants
Und rotgelbe Vans
Rotgelbe Vans

Seh ich die Freunde, kommt mir das Kotzen
Hilfiger, Gucci und trotzdem am Motzen
Mama sagt, ich soll mich einheitlich kleiden
Ich kann den ganzen Laufsteg nicht leiden

Ich ziehe das, was ich grad schön find, an
Zahlreiche Muster, weil ich es kann
Schau, wie ich hier über die Straße dance
In rotgelben Vans
Rotgelben Vans

Noch ein paar Meter, dann bin ich gefangen
Bin diesen Weg viel zu oft schon gegangen
Ich sehe die Aufsicht, die Raufer, die Raucher
Sechshundert Meter, dann wär ich am Flaucher

Ich sehe mir die Konformisten an
Wenn ich nicht jetzt geh, frag ich mich wann
Zeit, dass ich endlich mal die Schule schwänz
In rotgelben Vans
Rotgelben Vans


(Rhythmus angelehnt an die Melodie von „Electric Guitar“ von Tocotronic)