Newsletter #17 – Baby da, Eltern müde, Karte spät

Bon soir.

Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit zwischen zwei Newslettern, und ich hoffe, dass du in der Zwischenzeit viele schöne Dinge erlebt hast.

Ich habe schöne Dinge erlebt, vor allem durfte ich einen neuen Menschen auf der Welt begrüßen. Mein Leben steht seitdem Kopf, weil Papa sein doch anstrengender ist, als ich mir hätte vorstellen können. An den meisten Abenden seit Dezember saß ich mit leerem Blick am Küchentisch und schaufelte ein Abendessen in mich hinein, bevor ich den Kopf neben dem Teller ablegte und einschlief. Obwohl meine Frau objektiv viel mehr leistet (warum vergleiche ich?), bin ich derjenige, der deutlich mehr jammert.

Heute Vormittag beim Joggen hatte ich die perfekte Formulierung für das Gefühl, das ich momentan habe, aber jetzt, nach einigen Windeln und Babytränen, ist sie wieder weg. So geht es mir oft, wenn ich an meinen eigentlichen (oder sollte ich sagen: ehemaligen) Beruf denke: Ideen, Sätze, Fragmente, die nicht bleiben, sobald sie mit dem Alltag konfrontiert werden. Mein Respekt vor und mein Neid auf Menschen, die ein Kind beim Großwerden begleiten und gleichzeitig irgendeine Art von Lohnarbeit auf die Reihe kriegen, ist ins Unermessliche gestiegen. Auch wenn ich Lohnarbeit an sich für eine Scheiß-Erfindung halte.

Solche Menschen laufen mir in meinem Viertel permanent über den Weg. Stilvoll gekleidete Mamis und Papis, die Kinderwägen durch die Einbahnstraßen schieben, aus denen kein Mucks kommt. Oder gechillt in Cafés sitzen, während das Kleine einfach schläft. Oder mit der fucking Manduca durch die Stadt laufen, mit einem debil grinsenden Kind darin. Währenddessen gehe ich bei jedem zweiten Schritt in die Knie, summe eine beruhigende Melodie und klapse auf die Jacke an der Stelle, wo ich den Babypo vermute – die Jacke muss bis obenhin zu sein, sonst schläft er nicht, weil alles zu spannend ist. So schwitze ich jeden Tag mehrere T-Shirts durch und fühle mich wie der letzte Depp.

Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt wie in den letzten vier Monaten, so inadäquat, isoliert, überfordert und am Limit. Ich war noch nie so müde, so traurig, so wütend und verwirrt. Aber ich habe auch noch nie in so kurzer Zeit so viel gelernt.

Zu allem Überfluss fragte mich mein Freund Pierre Jarawan, ob ich eine 15-minütige Laudatio schreiben könnte, weil er im Januar einen Preis verliehen bekam. Und zu allem Überfluss signalisierten ein paar Verlage und eine Agentur nach dem Vorlesen der Laudatio Interesse an meinem Roman, weshalb ich den auch noch fertig geschrieben habe. Als wäre ich einer von diesen Elternteilen, die irgendwie alles hinkriegen. Ich kann dir versichern: tue ich nicht.

Beim Joggen hatte ich auch eine Idee, wie ich jetzt alles richtig geil verknüpfen könnte, so was wie „ein Manuskript, das fertig ist, aber unlektoriert; ein Verfasser, der Künstler ist, aber Vollzeit-Papa“ und dann noch was Drittes. Ich dachte: Mensch, Alex, nicht schlecht, die werden beeindruckt sein, wie du in so einer Lebensphase, so einen Newletter raushaust. Nee. Es ist alles weg.

Was da ist: Dankbarkeit dafür, dass ich das alles mit einer erleben darf, mit der ich meine Ängste und Schwierigkeiten teilen kann, ohne verurteilt zu werden. Gerade gestern wieder. Hat einfach gesagt: „Ich versteh dich.“ Und dass die Gefühle, die ich oben beschrieben habe, okay sind. Mehr musste ich nicht hören.

Auftritte:

… sind momentan entsprechend Mangelware. Aber ich möchte auf zwei Ausgaben der STÜTZEN DER GESELLSCHAFT hinweisen.
Am 24. und 25. Mai (Freitag und Samstag, Prime-Time, keine EM, keine Ausreden!) gastieren wir in voller Besetzung im Rationaltheater in Schwabing, meiner alten Stadt-Land-Fluss-Heimat. Ich freue mich enorm, nach Jahren mal wieder dort spielen zu dürfen. Warum zwei Shows in Folge, fragst du? Nun, am Freitag gibt es frisch Geschriebenes, neue Texte, nie Gehörtes. Am Samstag gibt es ein Best of mit allen Text-Klassikern und gefühlter Übersetzung.
– 24.04.24 Fresh of Stützen – nie Gehörtes
– 25.05.24 Best of Stützen – lang Vermisstes
Es wird gemunkelt, dass ich etwas aus dem Roman vortragen werde, vielleicht sogar mit Fee zusammen! An welchem Abend? Komm einfach an beiden!
Reservierungswünsche an Frank Klötgen unter stuetzen@poetryslamgedicht.de
Rationaltheater? Cooler Ort, schau auf der Website vorbei!

… weitere Auftritte:
13.05.24 Kempten – bigBOX – AÜW kultSLAM – Moderation
14.05.24 Kempten – bigBOX – AÜW kultSLAM – Moderation
07.06.24 Düsseldorf – zakk – Zwischenruf U20 Slam – Moderation

Kunstempfehlungen:

Viel habe ich in den letzten Monaten nicht mitgekriegt, aber ich möchte das Romandebüt meines Kollegen Kaleb Erdmann empfehlen, „wir sind pioniere“, erschienen bei Ullstein.

Außerdem gibt es zum momentan heiß diskutierten AI-Thema die wunderbare Seite goody2.ai mit einer verantwortungsvollen AI, die keine Frage, die man ihr stellt, abschließend beantwortet.

Musik höre ich auch ab und zu, zur Geburt habe ich eine Playlist mit Titeln wie „Sleep“, „No Sleep“ und „World’s Greatest Sleeper“ erstellt. Aber mittlerweile schlägt mir meine Wochenplaylist bei Spotify White Noise und Regengeräusche vor. So viel dazu. „The Ballad of the New York Times“ von Amanda Palmer finde ich sensationell, das vielleicht als Tipp.

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)


Den nächsten Newsletter schreibe ich dann vielleicht direkt beim Joggen, damit er wie gewohnt mit Wortspielen, klugen Insights und Weisheiten glänzt. Bis dahin schlafe ich, wenn das Baby schläft und mache die Steuer, wenn das Baby die Steuer macht.

Apropos: ich habe erfahren, dass ich eine aktive Steuernummer in Neuss habe, weil das Finanzamt Düsseldorf-Mitte unseren Fall nach dem Umzug nicht an das Finanzamt Düsseldorf-Süd abgegeben hat, sondern logischerweise nach Neuss. Und obwohl ich dort nie gewohnt habe, habe ich da jetzt eine Steuernummer, und zumindest die Umsatzsteuererklärung haben sie bearbeitet. Kannste dir nicht ausdenken.

Ich denke mir jetzt irgendwas aus, um meinem Kind ein Lächeln zu entlocken. Wenn es genug Schlaf hatte, geht das glücklicherweise recht einfach, da muss ich nur blöd schauen oder ihm ein paar Küsse auf die Brust geben oder die Füße anpusten. Und später laufe ich dann hopsend und summend durchs Viertel und denke über all die schönen Worte und Plots nach, die ich in dem Moment wieder vergessen haben werde, in dem ich durch die Tür trete.

Bis zum nächsten Mal, alles Liebe

Alex