Newsletter #13 – Wenn ich drangeblieben wär

Hello aus der Hitze.

Ich wünsche dir einen schönen Tag, es freut mich, dass du meine Nachricht geöffnet hast. Zu Beginn möchte ich dich mit in den Falkenweg in meiner Heimatstadt Lindenberg nehmen, wo ich im Haus eines Freundes an einem großen Tisch sitze und zwei Pokerkarten vor mir habe. Mein Ruf eilt mir voraus, alle wissen, dass ich nur spiele, wenn ich etwas habe, also setze ich ein paar Chips und alle steigen aus. Niemand spielt mit mir.

Was der Beginn einer sehr traurigen Jugenderinnerung sein könnte, ist tatsächlich nur ein kleiner Aufhänger für einen Gedanken, den ich dieses Jahr sehr oft hatte. Vor kurzem hat der YouTube-Algorithmus mit ein Video des Pokerspielers Daniel Negreanu vor die Nase gespült, das ich, braver Konsument, der ich bin, direkt angeschaut habe. Er redet davon, wie sich die Pokertheorie seit der Hochzeit zwischen 2004 und 2010 im Vergleich zu heute entwickelt hat, wie es jetzt mehr um Range geht, also die Gegnerin auf eine Range von Karten zu tippen, die sie statistisch gesehen am ehesten spielen würde, in Abhängigkeit davon, wann sie dran ist und wer schon mit im Pot ist. „In our time“, sagt er, hätte man noch versucht, den Anderen auf ein ganz genaues Blatt festzulegen und entsprechend zu spielen.

Was ich in dem Moment dachte, war: Wenn ich drangeblieben wär, hätte ich diese ganze Entwicklung mitgemacht und wäre jetzt on top of my game. Ich hätte safe ne Liegenschaft am Meer, wenn ich drangeblieben wär.
Ich habe ganz gut gespielt, aber jetzt auch nicht überragend. Ich habe mir mal eine Wien-Fahrt finanziert, indem ich im Bus dorthin eine Baseballmannschaft aus Dornbirn ausgenommen habe. Aber natürlich studiere ich nicht nicht, um professioneller Pokerspieler zu werden. Natürlich nicht. Nur warum nicht. Das Eine ist doch so gut wie das Andere.

Jetzt bin ich Schriftsteller, also begann ich, einen Text über dieses Gefühl zu schreiben, das in mir auftauchte, sammelte Material.
2009-2014 arbeitete ich als Datenanalyst für die Fußball-Übertragungen von Sky, mittlerweile hat die ganze Statistikchose hat mit der neuen Generation Trainer komplett die Kontrolle übernommen. Aber jetzt könnte ich nirgends mehr einsteigen, weil ich die Entwicklung nicht mitgegangen bin. Wenn ich da mal drangeblieben wär.
2014 bot mir mein Institut eine Promotion an, die ich ein knappes Jahr lang auch verfolgte. Dann ging das Slam-Ding durch die Decke, und ich entschied mich fürs Auftreten statt Forschen. Und wenn man da ein mal raus ist, kommt man sehr schwer wieder rein, der Diskurs geht ja auch ohne einen selbst weiter. Wenn ich da drangeblieben wär.
Und selbst in meinem jetzigen Job: Ich habe Insta und Facebook gelöscht, verpasse dadurch aber große Teile der Digitalisierung der Literatur. Ich weiß von vielen meiner Freund:innen nicht, was sie gerade für Projekte haben. Ich sehe sie nur immer, wenn der YouTube-Algorithmus sie mir aufs Display spült und denke: Da könnte ich jetzt auch sein, wenn ich drangeblieben wär.
Es ist ein verlockender Gedanke. Und natürlich: Am Anfang von drei Jahren Promotionszeit oder fünf Jahren Zweitstudium wirken drei oder fünf Jahre wie eine sehr lange Zeit. Nach drei oder fünf Jahren merkt man aber: es war halt ein kleiner Abschnitt, hätte man schon angehen können.

Wenn ich jedoch bei alldem drangeblieben wär, wovon ich heute sage: hättest du es besser mal gemacht, dann wären andere Sachen hintenrunter gefallen. Ich wäre ziemlich sicher nicht aus der Depression herausgekommen, an der ich so viele Jahre gelitten habe. 400+ Stunden Therapie – ich bin drangeblieben. Die Beziehung zu meiner Familie verbessern – ich bin drangeblieben. Die Beziehung zu mir selbst verbessern – ich bin drangeblieben. Eine Partnerschaft führen, in der nicht permanent alle möglichen Traumata triggern, weil man bewusst miteinander umgeht – ich bin drangeblieben. Ich muss immer noch dranbleiben, es geht viel Kapazität für diese Themen drauf, und oft komme ich langsamer voran, als ich mir wünsche (ich schwankte bei der Themenauswahl dieses Briefs zwischen diesem hier und „Wie man immer wieder denkt, man hat’s, und dann hat man’s doch nicht“), aber ich kann darüber sprechen, wie sich mein Spiel von 2004 über 2010 bis heute entwickelt hat. Das schauen sich zwar keine verhinderten Pokerspieler auf YouTube an, aber es ist schön, nicht mehr nur zu spielen, wenn ich mir ganz sicher bin.

Auftritte nach dem Sommer:

27.09. Köln – Reim in Flammen im CBE
30.09. Duderstadt – Poetry Slam
03.10. Düsseldorf – Moderation des U20-Slams im zakk
06.10. Lindenberg – Moderation des Song Slams im Kulturboden
07.+08.11. Kempten – Moderation der AÜW kultSlams in der bigBOX

Bücher während des Sommers:

– Interior Chinatown (Charles Yu): Ein toller Roman über einen jungen Mann, der sich in Hollywood als Schauspieler versucht, aber nur stumme Rollen als „Generic Asian Guy“ bekommt. Seine Eltern waren „Girl with the Almond Eyes“ und „Old Asian Man“. Das ganze ist überwiegend im Format eines Drehbuchs geschrieben und ihre Geschichte ist unterhaltsam und berührend. So weit ich mich erinnern kann, war es das erste Buch, bei dem ich beim Lesen der Danksagung am Ende geweint habe.

– wir wissen, wir könnten, und fallen synchron (Yade Yasemin Önder): Ein Roman, den ich verschlungen habe, aber wie so oft nicht adäquat zusammenfassen kann. Ich weiß ein paar Monate später oft nur noch: fand ich richtig gut. Gerade habe ich eine Kritik in der SZ gelesen, das kannst du auch tun, wenn du mehr wissen willst. Ich will die nicht zitieren, sondern empfehle einfach: lesen!

Meine Sommermusik kommt dieses Jahr vom Lumpenpack und von Mackefisch, die sich mit den Ohrwürmern abwechseln. Beide haben eine sehr schöne Version des Themas Nachhaltigkeit / Klimawandel produziert, please listen to „Warm im Altenheim“ and „Generationengerechtigkeit“, respectively. Auch wenn Alex Burkhard, der das Lumpenpack empfiehlt, ein bisschen ist, wie Arne Maier, der über Instagram rausposaunt, dass Serge Gnabry ein ziemlich guter Fußballer ist.

Ich habe oben gesagt, dass ich angefangen habe, einen Text zu schreiben. Da will ich dir natürlich einen Auszug nicht vorenthalten:
Ich bin 18 und drehe die Chips in der Hand
Gegner einschätzen mit Grips und Verstand
Ein Freund trägt Sonnenbrille abends um zehn
doch sein Mundwinkel zuckt und alle haben’s geseh’n
Sein Gegner sagt „Call“ und gewinnt dann den Pot
den iPod im Ohr – meine Karten sind Schrott.

Wenn ich drangeblieben wär, hätte das bestimmt ein ziemlich guter Text werden können. Leider bleibt es bei Notizen in meinem Heft, wie
Vom Schüler, der auf Karten schwört
zum Wühler und zum Datennerd

Wenn ich drangeblieben wär, hätte ich wahrscheinlich mehrere Tausend Follower auf Insta (nach einem Workshop fragte letztens eine Schülerin nach meinem Handle, die ganze Klasse hatte die Smartphones in der Hand – ich sagte: unregelmäßige Newsletter kann ich anbieten – eine:r hat sich in die Liste eingetragen – herzlich willkommen!).

Dass du drangeblieben bist und diese Nachricht bis zum Ende gelesen hast, freut mich sehr. Ich hoffe, sie hat dir ein bisschen Spaß gemacht, und freue mich wie immer über eine Antwort oder einfach konstantes, stilles Mitlesen.

Alles Liebe und bis bald
Alex

Newsletter #12 – Dem Gleiches widerfuhr

Guten Morgen!

Bist du gut in den Frühling gekommen? Hattest du schon einen kleinen Sonnenbrand? Ich nämlich schon. Hier ist seit Wochen fast durchgehend blauer Himmel, und nach dem langen, grauen Winter tut mir das ziemlich gut.

Kurz vor Weihnachten hat mich die Nachricht erreicht, dass mein Hund Ibsen gestorben ist. Seit 2019 wohnte er ja bei Julia und Michi, seinen neuen Lieblingsmenschen, und hatte es wahnsinnig schön bei ihnen. Aber das Alter schickte ihm einen Tumor, und der hat in Windeseile die Milz gefressen, und von dort noch ganz viel anderes, so dass sie während der OP entscheiden mussten, ihn nicht mehr zu wecken. Als Julia mich angerufen hat, haben wir so viel geweint, und auch wenn er in den letzten zwei Jahren nicht mehr Teil meines Alltags war, war er doch Teil von mir, und ich habe einige Zeit gebraucht, um das zu verdauen. Ich war nur froh, dass ich eine Woche vorher in einem spontanen Anfall nach München gefahren bin und noch mal mit ihm spazieren war. Da ist er noch mit Stock im Maul an der Isar rumgesprungen, wie er es halt sein Leben lang getan hat. Nur als ich am Ende mein Gesicht in seinem Fell vergraben habe und ihm gesagt habe, wie forh ich bin, dass er bei mir war und dass er einen so tollen Ort gefunden hat, hat es sich – vor allem Rückblickend – ein bisschen nach Abschied angefühlt.

Letzten Sonntag haben wir uns dann alle noch mal getroffen und einen gemeinsamen Abschiedstag verbracht; wir sind seine Lieblingswege gelaufen und haben seine Asche verstreut, die viel grober war, als wir alle dachten; wir haben uns mit Tränen in den Augen Bilder angeschaut und Geschichten erzählt, und ich war fasziniert davon, wie er noch mal ein komplett neues Leben haben durfte – und wie er mich selbst nach seinem Tod noch mit neuen Menschen verbunden hat. Julias Papa und Schwester und Freundin haben so positiv über ihn gesprochen, so herzlich und liebevoll, und am nächsten Tag in der Therapie habe ich sehr geweint, weil ich realisiert habe, dass die ganzen schönen Worte auf einer Ebene auch mir galten, dem Mittzwanziger, mit dem Ibsen zu dem Hund geworden ist, der er war, und der in seiner Liebe gesehen werden wollte, aber so oft dachte, er wäre falsch, wie er ist.

Oh Mann, das Leben, echt. So schön, und so traurig, und so schön.

Literaturnews:

– Ich moderiere jetzt den U20-Slam in Düsseldorf (zusammen mit Caro Baum, das nächste Mal am 01.04.). Das Team des zakk hat mich wundervoll aufgenommen und eingebaut, und ich freue mich, dass ich Teil der lokalen Szene sein darf.
– Meine Freundin und ich schreiben an einem Kinderbuch, was ich vor allem deshalb erwähne, damit ich den Druck habe, es fertigzustellen. Ich reime die Geschichte, sie illustriert. Sehr schöner Zeitvertreib.

– Nächste Auftritte: 21.04. Best of Poetry Slam in Herne, Flottmann-Hallen; 25. und 26.04. AÜW kultSlam in Kempten, kultBOX; 07.07. Poetry Slam Lindenberg, Open Air am Hutmuseum.

– Danke an alle, die meinem letzten Special Treat nachgekommen sind: Weit über 100 Bücher von „Benutz es!“, meinem Mittelkind, habe ich kurz vor Weihnachten signiert und verschickt. Das neue Buch kriegt immer am meisten Aufmerksamkeit, deshalb gibt es „Benutz es!“ weiterhin in großen Mengen zum Einkaufspreis, zum Ausgleich sozusagen. Ideal zum Verschenken oder für Schulklassen oder sonstige Gruppen.

Kunst, die ich in den letzten Monaten mochte:

– Die arte-Doku über den Kapitalismus, die sie noch mal überarbeitet haben (Mediathek und YouTube); sechs Teile à mindestens eine Stunde. Danach kann man erst mal ne Weile lang nichts mehr schauen, aber dann möchte man lesen und weiter verstehen – warum Adam Smith missverstanden wird, was die Industrielle Revolution gemacht hat, und wer eigentlich Karl Polanyi war. Von Letzterem lese ich gerade „The Great Transformation“, und ich weiß nicht, ob ich jemals etwas gelesen habe, das mir mehr Verständnis über die letzten 300 Jahre vermittelt hat. Calvin & Hobbes möglicherweise.

– „Freundliche Fanatiker“ von Pankaj Mishra, ein Essayband darüber, dass es auch außerhalb des Westens Denker:innen gibt, und eine reiche Geschichte. Darüber, dass viel von dem, was wir heute als extremistisch wahrnehmen, sich erst durch den Imperialismus Großbritanniens und der USA herausgebildet hat. Darüber, dass es immer mehrere Blickwinkel gibt, die es sich zu kennen lohnt.

– „Wie schön wir waren“ von Imbolo Mbue, einer kamerunischen Autorin, die über ein Dorf schreibt, das gegen einen internationalen Ölkonzern aufsteht; frustrierend und berührend und wunderschön. Wem gehört eigentlich Land, was für Möglichkeiten hat die Einzelne, etwas zu ändern, und wie viele Leoparden gibt es überhaupt noch? Toller Roman!

– „Luke and Jon“ von Robert Williams, ein kleines Buch über zwei Jugendliche in Nordengland; es geht um Trauer, um die Frage, wo und wie man wohnen möchte und sollte und darf, es geht um sehr viel Verständnis und um ein riesiges hölzernes Pferd auf einer abgelegenen Waldlichtung.

– Meine Playlists. Zu Beginn jeder neuen Jahreszeit erstelle ich meiner Freundin eine Playlist, weil ich damit ganz am Anfang angefangen habe und weil es wenige Dinge gibt, die ich lieber tue. Nach ein paar Tagen darf die aber Jede:r anhören. Es haben sich bisher genau zwei Bands wiederholt: the Mountain Goats (über die ich hier erstaunlich lange nicht mehr gesprochen habe) und unsere Freund:innen von Mackefisch, Lucie und Peter. Ansonsten sind auf den mittlerweile 9 Playlists 124 unterschiedliche Künstler:innen zu entdecken. Enjoy! (Frühling 2020, Sommer 2020, Herbst 2020, Winter 2020, Frühling 2021, Sommer 2021, Herbst 2021, Winter 2021, Frühling 2022)

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ich hatte im März tatsächlich mal wieder zwei Auftritte und total Spaß daran. Und ich habe große Lust, das umzusetzen, was ich mir 2019, in präpandemischen Zeiten, vorgenommen habe, als ich in Rottweil war: Wohnzimmerlesungen. Jetzt wo wir alle geimpft sind und ein offenes Fenster nicht mehr zu Erfrierungen führt, würde ich gerne mal wieder ein paar Abende mit Lesen und Reden verbringen. Soll heißen: Wenn du ein Wohnzimmer hast oder jemanden kennst, der:die ein Wohnzimmer hat, oder eine Terrasse oder einen Garten oder eine Saunalandschaft mit Pool, dann lade deine Freund:innen und Familie ein, die Nachbarn und Dorfältesten und mich, und dann lese ich eine Stunde lang aus meinen Büchern, mache ein paar Slam-Texte, vielleicht nen kleinen Vorgeschmack aus dem Roman, worauf wir halt Lust haben, und anschließend tauschen wir uns aus und trinken was und genießen, dass es Literatur gibt. Das Angebot gilt vor allem bis Juni, denn so lange habe ich noch die BahnCard100. Gage brauche ich nicht. Nur je nach Ort und Tag einen Platz, um mich für die Nacht zusammenzurollen. Ich freue mich, wirklich, über deine Nachricht und einen gemeinsamen Abend und hoffe, dass ich sehr oft zusagen kann.

Ich freue mich, von dir zu hören und wünsche dir einen wunderbaren, sonnigen Tag!
Dein Alex

Newsletter #11 – Einen Roman tischlern

Guten Abend aus München.

Ich sitze in einem Hotelzimmer, habe, leicht angeschlagen, die letzten Stunden geschlafen und Teile des Seminars verpasst, wegen dem ich hier bin. Bevor ich wieder wegdämmere, dachte ich, es ist ein guter Zeitpunkt, dir mal wieder zu schreiben.

Es ist sehr viel passiert seit Februar. Bei dir auch? Neun Monate ist eine lange Spanne zwischen zwei Nachrichten von mir. Du könntest noch im Februar schwanger geworden sein und seit gestern dein Baby in den Armen gehalten haben. Which is exactly what happened to… nein 😀

Nach dem Umzug nach Düsseldorf im März habe ich ein paar Monate in einer Schreinerei gearbeitet. Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, und es war toll, direkt etwas zu tun zu haben in meiner neuen Stadt. Ich habe gezeichnet, geschliffen, Holz ausgewählt, gehobelt, geschliffen, gebohrt, geschliffen und geschliffen. Ich habe wirklich viel geschliffen. Ich war fünf Tage auf Montage und habe mir beim Einbau eines Tchibo-Shops in Wiesbaden einen Metallsplitter in den Finger gejagt. Ich hatte eine Hand-OP. Sehr aufregend alles.

Einige Besuche im Tischtennis- und Aikido-Verein später, zahlreiche Open-Air-Konzerte, Rheinspaziergänge und Museumsbesuche später, ein halbes Jahr Zusammenleben später, fühle ich mich in Düsseldorf pudelwohl.

Was nichts von München wegnimmt. Die Tage hier sind sehr angenehm; die Seminarrunde im Literaturhaus ist wohlwollend und literaturnerdig, das tut gut. Die Münchner Herbstsonne weiß immer noch, was sie tut.
Und ich weiß auch, was ich tue. Nach außen sieht es weiterhin manchmal nicht danach aus, aber in mir ist es sehr ruhig. Ich bin glücklich. Ich meditiere sehr viel, habe weiterhin ab und zu zoom-Stunden mit meinem fantastischen Therapeuten, lerne, liebe, lese. Und schreibe. Hurra, ist dieses Jahr viel Romantext entstanden – im Rückblick noch wesentlich mehr, als es sich währenddessen angefühlt hat.

Vielleicht hast du auch deshalb nicht so viel von mir gehört: Es ging mir gut, und ich hatte gar nicht so oft das Bedürfnis, das aufzuschreiben. Ich war einfach.

Aber nun, hustend und hungrig im Hotelzimmer, war es an der Zeit. Vielen Dank für die Nachrichten, die ich in den letzten Monaten bekommen habe. Für die Einforderung des Newsletters. Das hat mich gerührt. Es ging mir immer nur darum, dass Menschen, die es interessiert, was ich (literarisch) tue, eine Möglichkeit hatten, von mir zu hören, so ganz ohne Facebook, Insta und Twitter. Dass daraus teilweise ein so reger Austausch geworden ist, freut mich sehr.


Und jetzt: Newsletter

– Morgen Abend (Dienstag, 20 Uhr) ist die Abschlusslesung der Bayerischen Akademie des Schreibens im Literaturhaus München. Wir lesen alle ein paar Seiten aus unseren Projekten und freuen uns, wenn jemand zuhört. Für Menschen, die nicht in München sind, gibt es einen Stream. Karten und Stream-Tickets (letzteres für 5 Euro) gibt es über die Seite des Literaturhauses: https://www.literaturhaus-muenchen.de/veranstaltung/zwischenstopp/

– Die Stützen dürfen Stützen. In Freiburg. Am 26.11. im Vorderhaus. Zum ersten Mal seit Oktober letzten Jahres werde ich mit Fee, Sven und Frank als „Die Stützen der Gesellschaft“ auf der Bühne stehen. Vorfreude ist gar kein Ausdruck für das, was ich spüre. Ich freue mich auf die erstaunlich vielen Freiburger:innen im Verteiler 🙂
https://www.vorderhaus.de/programm/die-stuetzen-der-gesellschaft-leseshow

– Ich war zu Gast auf dem Blog meines Freundes Nik Salsflausen. Er gibt wechselnden Kolleg:innen Schreibimpulse, und sie ihm. Letzte Woche durfte ich und schickte ihm – weil es gar so gut passte – das zweite Kapitel meines Romanprojekts, das ich ein bisschen als Einzeltext umgestaltet habe. Lesen kannst du unsere Texte (und auch alle bisherigen) hier: https://www.rahmenundreiz.de/

– Ich habe, nachdem ich letztes Mal meine neue Adresse in den Newsletter gepackt habe, tatsächlich Einzugspost bekommen. Ist eine Erwähnung wert. Danke <3

– Der SZ-Artikel über Ibsen und mich, der beim letzten Newsletter (http://alexburkhard.de/archiv/blog/) noch nicht veröffentlicht war, ist nun hier archiviert: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/sz-serie-gassigedanken-folge-2-die-kunst-des-loslassens-1.5216452


Bücher, die ich in den letzten Monaten mochte:

– „Grief Is the Thing with Feathers“, der Debütroman des britischen Autors Max Porter, in dem die Trauer in der Figur einer Krähe bei einem Papa und seinen beiden Söhnen einzieht. Phantasievoll, abgedreht, warm, tief, wichtig, so unglaublich lesenswert. Mein Buch des Jahres!

– „Winters Garten“ von der österreichischen Autorin Valerie Fritsch. Debütroman, natürlich. Postapkalypse trifft auf Lebensentwürfe trifft auf eine Sprache, die ich so bisher selten gelesen habe. „Deine Anwesenheit hat in den Nervenenden begonnen und im Verstand nicht aufgehört.“ Alter, ich wünschte, das hätte ich geschrieben. Mein Buch des Jahres!

– „Den Hund überleben“, der Debütroman des deutschen Autors Stefan Hornbach, mit dem ich vor vielen, vielen Jahren an der Uni mal Theater gespielt habe. Ein junger Mann bekommt eine Krebsdiagnose und geht durch Wochen und Monate der Chemotherapie. Was sowohl klingt, als wäre es sehr, sehr traurig als auch als hätte man das doch schon ein paar Mal als Plot gelesen, ist eine wahnsinnig nahe und ehrliche Beschäftigung mit dem Leben und der Frage, was man alles schaffen kann. Ich kann es gar nicht besser beschreiben, aber ich konnte es nicht weglegen und war total begeistert. Mein Buch des Jahres!


Special Treat des Monats (na gut, Monat ist etwas übertrieben):
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)


Meine Freundin und ich haben nach dem Zusammenziehen begonnen, ein Mal im Monat ein Gespräch zu führen. Haha, nein, der Satz geht noch weiter. In dem wir uns ganz offen sagen, was gerade gut ist, was nicht, wie es weitergeht, was nervt, was toll ist. Wir nutzen dazu die Methode des Finger-Feedbacks (not what you think), die wir aus dem Theater- bzw. Workshopkontext kennen, und die sich an den fünf Fingern der Hand orientiert:
Daumen: Was war super, was hast du gut gemacht?
Zeigefinger: Da musst du vielleicht aufpassen.
Mittelfinger: Das kotzt mich richtig an. (Es ist total befreiend, sich sagen zu können, was nervt, auch wenn es Kleinigkeiten sind. Der Rahmen des Feedback-Gesprächs und die Tatsache, dass beide was sagen, funktioniert für uns mega gut.)
Ringfinger: Das ist auf lange Sicht wichtig!
Kleiner Finger: Etwas besonderes Kleines zum Schluss, das mir (und möglicherweise nur mir) an dir aufgefallen ist
Was etwas seltsam klingen mag, ist für mich total schön. Wir malen unsere Hände auf, schreiben jeweils einen Stichpunkt in die Finger und reden ganz lange darüber. So hat nichts die Chance, über Monate zu schwelen. Kann ich nur empfehlen.

So, ich werde mich jetzt wieder ins Bett legen und den Rest der Erkältung wegschlafen. Morgen dann der Auftritt im Literaturhaus, vielleicht sehen wir uns da ja, persönlich oder im Stream. Ich finde es toll, dass du den Newsletter gelesen hast (Daumen), du musst aufpassen, dass du dir keinen Metallsplitter ins Gelenk jagst (Zeigefinger), es kotzt mich an, dass irgendjemand den Newsletter als Spam markiert hat, obwohl er:sie sich dafür angemeldet hat und sich jederzeit abmelden kann (Mittelfinger), auf lange Sicht ist es wichtig, dass wir uns mal wieder persönlich begegnen (Ringfinger), und das kleine Extra: Deine Augen sind sehr schön. Kann ich ja aus dem Computer raus sehen, wenn du liest. Echt schön blau. Oder grün. Braun.

Hab es gut. Ich freue mich, wenn du mir schreiben magst. Und auch, wenn du, wie so viele, einfach mitliest.

Alles Liebe
Alex

Winterspaziergang am Rhein

Wir sind fast so schnell wie die Schiffe
Die langsam flussaufwärts sich quälen
Ich höre vereinzelte Pfiffe
Nach Hunden, die Duftmarken zählen

Die Schafe kau’n Steckrüben wieder
Von Schneeanzugkindern bestaunt
Wir beugen uns zu ihnen nieder
Das „Nicht so nah hin“ nur geraunt

Wie können die Krähen noch fliegen?
Der Wind schon hier unten so kalt
Wie viel diese Brücken wohl wiegen?
Ein Fahrrad sucht irgendwo Halt

Wir könnten noch ewig so gehen
Da hinten ist irgendwo Heerdt
Ich kann’s in der Dämmerung sehen
Dezemberfrost kriecht um die Zehen
Mein Zweifel am Leben verjährt

Adlerstraße

Insider mit deinen Eltern
Im Mischverhältnis 54:1

Die Rotphasen der Kreuzung sind Fragen
Die den Autos niemand beantworten kann

Die Fußmatten des Treppenhauses
Zu oft wiederholte Hilferufe aus der Isolation

Die Farbnasen an der Schlafzimmerwand
Ein Ausbruchversuch in Blindenschrift

Dein warmer Griff auf meine Bettseite
Wie das Handtuch auf den Schultern
Eines müden Boxers

Unsere Körper
Zwei Unbekannte in einer Gleichung
An der ich in der Oberstufe gescheitert bin

Das immer volle Kapernglas
Im Wimmelbild deines Kühlschranks

Deine benutzten Wassergläser
In der Wohnung verteilt wie Oasen
In der Wüste meines Alltags