Newsletter #13 – Wenn ich drangeblieben wär

Hello aus der Hitze.

Ich wünsche dir einen schönen Tag, es freut mich, dass du meine Nachricht geöffnet hast. Zu Beginn möchte ich dich mit in den Falkenweg in meiner Heimatstadt Lindenberg nehmen, wo ich im Haus eines Freundes an einem großen Tisch sitze und zwei Pokerkarten vor mir habe. Mein Ruf eilt mir voraus, alle wissen, dass ich nur spiele, wenn ich etwas habe, also setze ich ein paar Chips und alle steigen aus. Niemand spielt mit mir.

Was der Beginn einer sehr traurigen Jugenderinnerung sein könnte, ist tatsächlich nur ein kleiner Aufhänger für einen Gedanken, den ich dieses Jahr sehr oft hatte. Vor kurzem hat der YouTube-Algorithmus mit ein Video des Pokerspielers Daniel Negreanu vor die Nase gespült, das ich, braver Konsument, der ich bin, direkt angeschaut habe. Er redet davon, wie sich die Pokertheorie seit der Hochzeit zwischen 2004 und 2010 im Vergleich zu heute entwickelt hat, wie es jetzt mehr um Range geht, also die Gegnerin auf eine Range von Karten zu tippen, die sie statistisch gesehen am ehesten spielen würde, in Abhängigkeit davon, wann sie dran ist und wer schon mit im Pot ist. „In our time“, sagt er, hätte man noch versucht, den Anderen auf ein ganz genaues Blatt festzulegen und entsprechend zu spielen.

Was ich in dem Moment dachte, war: Wenn ich drangeblieben wär, hätte ich diese ganze Entwicklung mitgemacht und wäre jetzt on top of my game. Ich hätte safe ne Liegenschaft am Meer, wenn ich drangeblieben wär.
Ich habe ganz gut gespielt, aber jetzt auch nicht überragend. Ich habe mir mal eine Wien-Fahrt finanziert, indem ich im Bus dorthin eine Baseballmannschaft aus Dornbirn ausgenommen habe. Aber natürlich studiere ich nicht nicht, um professioneller Pokerspieler zu werden. Natürlich nicht. Nur warum nicht. Das Eine ist doch so gut wie das Andere.

Jetzt bin ich Schriftsteller, also begann ich, einen Text über dieses Gefühl zu schreiben, das in mir auftauchte, sammelte Material.
2009-2014 arbeitete ich als Datenanalyst für die Fußball-Übertragungen von Sky, mittlerweile hat die ganze Statistikchose hat mit der neuen Generation Trainer komplett die Kontrolle übernommen. Aber jetzt könnte ich nirgends mehr einsteigen, weil ich die Entwicklung nicht mitgegangen bin. Wenn ich da mal drangeblieben wär.
2014 bot mir mein Institut eine Promotion an, die ich ein knappes Jahr lang auch verfolgte. Dann ging das Slam-Ding durch die Decke, und ich entschied mich fürs Auftreten statt Forschen. Und wenn man da ein mal raus ist, kommt man sehr schwer wieder rein, der Diskurs geht ja auch ohne einen selbst weiter. Wenn ich da drangeblieben wär.
Und selbst in meinem jetzigen Job: Ich habe Insta und Facebook gelöscht, verpasse dadurch aber große Teile der Digitalisierung der Literatur. Ich weiß von vielen meiner Freund:innen nicht, was sie gerade für Projekte haben. Ich sehe sie nur immer, wenn der YouTube-Algorithmus sie mir aufs Display spült und denke: Da könnte ich jetzt auch sein, wenn ich drangeblieben wär.
Es ist ein verlockender Gedanke. Und natürlich: Am Anfang von drei Jahren Promotionszeit oder fünf Jahren Zweitstudium wirken drei oder fünf Jahre wie eine sehr lange Zeit. Nach drei oder fünf Jahren merkt man aber: es war halt ein kleiner Abschnitt, hätte man schon angehen können.

Wenn ich jedoch bei alldem drangeblieben wär, wovon ich heute sage: hättest du es besser mal gemacht, dann wären andere Sachen hintenrunter gefallen. Ich wäre ziemlich sicher nicht aus der Depression herausgekommen, an der ich so viele Jahre gelitten habe. 400+ Stunden Therapie – ich bin drangeblieben. Die Beziehung zu meiner Familie verbessern – ich bin drangeblieben. Die Beziehung zu mir selbst verbessern – ich bin drangeblieben. Eine Partnerschaft führen, in der nicht permanent alle möglichen Traumata triggern, weil man bewusst miteinander umgeht – ich bin drangeblieben. Ich muss immer noch dranbleiben, es geht viel Kapazität für diese Themen drauf, und oft komme ich langsamer voran, als ich mir wünsche (ich schwankte bei der Themenauswahl dieses Briefs zwischen diesem hier und „Wie man immer wieder denkt, man hat’s, und dann hat man’s doch nicht“), aber ich kann darüber sprechen, wie sich mein Spiel von 2004 über 2010 bis heute entwickelt hat. Das schauen sich zwar keine verhinderten Pokerspieler auf YouTube an, aber es ist schön, nicht mehr nur zu spielen, wenn ich mir ganz sicher bin.

Auftritte nach dem Sommer:

27.09. Köln – Reim in Flammen im CBE
30.09. Duderstadt – Poetry Slam
03.10. Düsseldorf – Moderation des U20-Slams im zakk
06.10. Lindenberg – Moderation des Song Slams im Kulturboden
07.+08.11. Kempten – Moderation der AÜW kultSlams in der bigBOX

Bücher während des Sommers:

– Interior Chinatown (Charles Yu): Ein toller Roman über einen jungen Mann, der sich in Hollywood als Schauspieler versucht, aber nur stumme Rollen als „Generic Asian Guy“ bekommt. Seine Eltern waren „Girl with the Almond Eyes“ und „Old Asian Man“. Das ganze ist überwiegend im Format eines Drehbuchs geschrieben und ihre Geschichte ist unterhaltsam und berührend. So weit ich mich erinnern kann, war es das erste Buch, bei dem ich beim Lesen der Danksagung am Ende geweint habe.

– wir wissen, wir könnten, und fallen synchron (Yade Yasemin Önder): Ein Roman, den ich verschlungen habe, aber wie so oft nicht adäquat zusammenfassen kann. Ich weiß ein paar Monate später oft nur noch: fand ich richtig gut. Gerade habe ich eine Kritik in der SZ gelesen, das kannst du auch tun, wenn du mehr wissen willst. Ich will die nicht zitieren, sondern empfehle einfach: lesen!

Meine Sommermusik kommt dieses Jahr vom Lumpenpack und von Mackefisch, die sich mit den Ohrwürmern abwechseln. Beide haben eine sehr schöne Version des Themas Nachhaltigkeit / Klimawandel produziert, please listen to „Warm im Altenheim“ and „Generationengerechtigkeit“, respectively. Auch wenn Alex Burkhard, der das Lumpenpack empfiehlt, ein bisschen ist, wie Arne Maier, der über Instagram rausposaunt, dass Serge Gnabry ein ziemlich guter Fußballer ist.

Ich habe oben gesagt, dass ich angefangen habe, einen Text zu schreiben. Da will ich dir natürlich einen Auszug nicht vorenthalten:
Ich bin 18 und drehe die Chips in der Hand
Gegner einschätzen mit Grips und Verstand
Ein Freund trägt Sonnenbrille abends um zehn
doch sein Mundwinkel zuckt und alle haben’s geseh’n
Sein Gegner sagt „Call“ und gewinnt dann den Pot
den iPod im Ohr – meine Karten sind Schrott.

Wenn ich drangeblieben wär, hätte das bestimmt ein ziemlich guter Text werden können. Leider bleibt es bei Notizen in meinem Heft, wie
Vom Schüler, der auf Karten schwört
zum Wühler und zum Datennerd

Wenn ich drangeblieben wär, hätte ich wahrscheinlich mehrere Tausend Follower auf Insta (nach einem Workshop fragte letztens eine Schülerin nach meinem Handle, die ganze Klasse hatte die Smartphones in der Hand – ich sagte: unregelmäßige Newsletter kann ich anbieten – eine:r hat sich in die Liste eingetragen – herzlich willkommen!).

Dass du drangeblieben bist und diese Nachricht bis zum Ende gelesen hast, freut mich sehr. Ich hoffe, sie hat dir ein bisschen Spaß gemacht, und freue mich wie immer über eine Antwort oder einfach konstantes, stilles Mitlesen.

Alles Liebe und bis bald
Alex

Newsletter #12 – Dem Gleiches widerfuhr

Guten Morgen!

Bist du gut in den Frühling gekommen? Hattest du schon einen kleinen Sonnenbrand? Ich nämlich schon. Hier ist seit Wochen fast durchgehend blauer Himmel, und nach dem langen, grauen Winter tut mir das ziemlich gut.

Kurz vor Weihnachten hat mich die Nachricht erreicht, dass mein Hund Ibsen gestorben ist. Seit 2019 wohnte er ja bei Julia und Michi, seinen neuen Lieblingsmenschen, und hatte es wahnsinnig schön bei ihnen. Aber das Alter schickte ihm einen Tumor, und der hat in Windeseile die Milz gefressen, und von dort noch ganz viel anderes, so dass sie während der OP entscheiden mussten, ihn nicht mehr zu wecken. Als Julia mich angerufen hat, haben wir so viel geweint, und auch wenn er in den letzten zwei Jahren nicht mehr Teil meines Alltags war, war er doch Teil von mir, und ich habe einige Zeit gebraucht, um das zu verdauen. Ich war nur froh, dass ich eine Woche vorher in einem spontanen Anfall nach München gefahren bin und noch mal mit ihm spazieren war. Da ist er noch mit Stock im Maul an der Isar rumgesprungen, wie er es halt sein Leben lang getan hat. Nur als ich am Ende mein Gesicht in seinem Fell vergraben habe und ihm gesagt habe, wie forh ich bin, dass er bei mir war und dass er einen so tollen Ort gefunden hat, hat es sich – vor allem Rückblickend – ein bisschen nach Abschied angefühlt.

Letzten Sonntag haben wir uns dann alle noch mal getroffen und einen gemeinsamen Abschiedstag verbracht; wir sind seine Lieblingswege gelaufen und haben seine Asche verstreut, die viel grober war, als wir alle dachten; wir haben uns mit Tränen in den Augen Bilder angeschaut und Geschichten erzählt, und ich war fasziniert davon, wie er noch mal ein komplett neues Leben haben durfte – und wie er mich selbst nach seinem Tod noch mit neuen Menschen verbunden hat. Julias Papa und Schwester und Freundin haben so positiv über ihn gesprochen, so herzlich und liebevoll, und am nächsten Tag in der Therapie habe ich sehr geweint, weil ich realisiert habe, dass die ganzen schönen Worte auf einer Ebene auch mir galten, dem Mittzwanziger, mit dem Ibsen zu dem Hund geworden ist, der er war, und der in seiner Liebe gesehen werden wollte, aber so oft dachte, er wäre falsch, wie er ist.

Oh Mann, das Leben, echt. So schön, und so traurig, und so schön.

Literaturnews:

– Ich moderiere jetzt den U20-Slam in Düsseldorf (zusammen mit Caro Baum, das nächste Mal am 01.04.). Das Team des zakk hat mich wundervoll aufgenommen und eingebaut, und ich freue mich, dass ich Teil der lokalen Szene sein darf.
– Meine Freundin und ich schreiben an einem Kinderbuch, was ich vor allem deshalb erwähne, damit ich den Druck habe, es fertigzustellen. Ich reime die Geschichte, sie illustriert. Sehr schöner Zeitvertreib.

– Nächste Auftritte: 21.04. Best of Poetry Slam in Herne, Flottmann-Hallen; 25. und 26.04. AÜW kultSlam in Kempten, kultBOX; 07.07. Poetry Slam Lindenberg, Open Air am Hutmuseum.

– Danke an alle, die meinem letzten Special Treat nachgekommen sind: Weit über 100 Bücher von „Benutz es!“, meinem Mittelkind, habe ich kurz vor Weihnachten signiert und verschickt. Das neue Buch kriegt immer am meisten Aufmerksamkeit, deshalb gibt es „Benutz es!“ weiterhin in großen Mengen zum Einkaufspreis, zum Ausgleich sozusagen. Ideal zum Verschenken oder für Schulklassen oder sonstige Gruppen.

Kunst, die ich in den letzten Monaten mochte:

– Die arte-Doku über den Kapitalismus, die sie noch mal überarbeitet haben (Mediathek und YouTube); sechs Teile à mindestens eine Stunde. Danach kann man erst mal ne Weile lang nichts mehr schauen, aber dann möchte man lesen und weiter verstehen – warum Adam Smith missverstanden wird, was die Industrielle Revolution gemacht hat, und wer eigentlich Karl Polanyi war. Von Letzterem lese ich gerade „The Great Transformation“, und ich weiß nicht, ob ich jemals etwas gelesen habe, das mir mehr Verständnis über die letzten 300 Jahre vermittelt hat. Calvin & Hobbes möglicherweise.

– „Freundliche Fanatiker“ von Pankaj Mishra, ein Essayband darüber, dass es auch außerhalb des Westens Denker:innen gibt, und eine reiche Geschichte. Darüber, dass viel von dem, was wir heute als extremistisch wahrnehmen, sich erst durch den Imperialismus Großbritanniens und der USA herausgebildet hat. Darüber, dass es immer mehrere Blickwinkel gibt, die es sich zu kennen lohnt.

– „Wie schön wir waren“ von Imbolo Mbue, einer kamerunischen Autorin, die über ein Dorf schreibt, das gegen einen internationalen Ölkonzern aufsteht; frustrierend und berührend und wunderschön. Wem gehört eigentlich Land, was für Möglichkeiten hat die Einzelne, etwas zu ändern, und wie viele Leoparden gibt es überhaupt noch? Toller Roman!

– „Luke and Jon“ von Robert Williams, ein kleines Buch über zwei Jugendliche in Nordengland; es geht um Trauer, um die Frage, wo und wie man wohnen möchte und sollte und darf, es geht um sehr viel Verständnis und um ein riesiges hölzernes Pferd auf einer abgelegenen Waldlichtung.

– Meine Playlists. Zu Beginn jeder neuen Jahreszeit erstelle ich meiner Freundin eine Playlist, weil ich damit ganz am Anfang angefangen habe und weil es wenige Dinge gibt, die ich lieber tue. Nach ein paar Tagen darf die aber Jede:r anhören. Es haben sich bisher genau zwei Bands wiederholt: the Mountain Goats (über die ich hier erstaunlich lange nicht mehr gesprochen habe) und unsere Freund:innen von Mackefisch, Lucie und Peter. Ansonsten sind auf den mittlerweile 9 Playlists 124 unterschiedliche Künstler:innen zu entdecken. Enjoy! (Frühling 2020, Sommer 2020, Herbst 2020, Winter 2020, Frühling 2021, Sommer 2021, Herbst 2021, Winter 2021, Frühling 2022)

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ich hatte im März tatsächlich mal wieder zwei Auftritte und total Spaß daran. Und ich habe große Lust, das umzusetzen, was ich mir 2019, in präpandemischen Zeiten, vorgenommen habe, als ich in Rottweil war: Wohnzimmerlesungen. Jetzt wo wir alle geimpft sind und ein offenes Fenster nicht mehr zu Erfrierungen führt, würde ich gerne mal wieder ein paar Abende mit Lesen und Reden verbringen. Soll heißen: Wenn du ein Wohnzimmer hast oder jemanden kennst, der:die ein Wohnzimmer hat, oder eine Terrasse oder einen Garten oder eine Saunalandschaft mit Pool, dann lade deine Freund:innen und Familie ein, die Nachbarn und Dorfältesten und mich, und dann lese ich eine Stunde lang aus meinen Büchern, mache ein paar Slam-Texte, vielleicht nen kleinen Vorgeschmack aus dem Roman, worauf wir halt Lust haben, und anschließend tauschen wir uns aus und trinken was und genießen, dass es Literatur gibt. Das Angebot gilt vor allem bis Juni, denn so lange habe ich noch die BahnCard100. Gage brauche ich nicht. Nur je nach Ort und Tag einen Platz, um mich für die Nacht zusammenzurollen. Ich freue mich, wirklich, über deine Nachricht und einen gemeinsamen Abend und hoffe, dass ich sehr oft zusagen kann.

Ich freue mich, von dir zu hören und wünsche dir einen wunderbaren, sonnigen Tag!
Dein Alex

Newsletter #7 – Was wir können

Werteste:r Sommergenießende:r,

regnet es bei dir auch? In München schüttet es einen erfrischenden Morgenregen vom Himmel, während ich am offenen Fenster sitze. Ich hoffe, es ist dir gut ergangen seit meinem letzten Newsletter; vielen Dank für die vielen schönen und liebevollen Reaktionen!

In medias res. Fortan werde ich mindestens 10% meines Einkommens spenden, und mit fortan meine ich: für immer. Nicht, weil deine Reaktion so liebevoll war (und leider auch nicht an dich), sondern weil ich selbst mit meinem dieses Jahr sehr reduzierten Einkommen noch unter den 5% der reichsten Menschen der Welt bin. (Du kannst hier kalkulieren, wo du mit deinem Einkommen stehst.) Also habe ich den Pledge der „Giving What We Can Foundation“ unterschrieben, der in keiner anderen Weise als moralisch bindend ist.

Das Prinzip hinter diesen Gedanken lautet „Effektiver Altruismus“ und beschäftigt sich damit, wie du – unter der Annahme, dass jedes Menschenleben gleich viel Wert ist (und, ähm, ja: das ist es!) – am effektivsten helfen kannst. Er nutzt datenbasierte Überlegungen und Studien, um darauf eine Antwort zu finden. Als Beispiel nennt William MacAskill in seinem Buch „Doing Good Better“ Bildungsprogramme in der Dritten Welt: Um die Anwesenheit in der Schule zu steigern, wurde versucht, Mädchen Geld als Ansporn für den Schulbesuch zu überweisen, Stipendien zu vergeben, Schuluniformen zu sponsern. Am Effektivsten (und zwar 695-mal effektiver als Geld) war: Entwurmung. Denn Viele bleiben den Schulen aus Angst vor Krankheiten fern. Für 1,000 Dollar konnten 139 zusätzliche Schuljahre erreicht werden (Geld: 0,2, Stipendien: 2,7, Uniformen: 7,1, S. 60).

Die Fragen des Effektiven Altruismus sind:
1. Wie viele Menschen profitieren davon, und wie sehr?
2. Ist das die effektivste Sache, die du tun kannst?
3. Ist dieser Bereich vernachlässigt?
4. Was wäre sonst passiert? (Zum Beispiel, auch wenn es weh tut: Wenn du nicht Arzt geworden wärst, wäre es ein anderer geworden, denn viel mehr Menschen wollen Arzt werden als es dürfen. Welchen wirklichen Mehrwert hat es also, dass genau du Arzt geworden bist?)
5. Wie hoch sind die Chancen auf Erfolg, und wie groß wäre der Erfolg?

GiveWell ist eine Organisation, die extrem detaillierte Berichte über Wohltätigkeitsorganisationen anfertigt und Empfehlungen ausspricht. (Hier ist eine Liste der Top Charities.) Es ist eine Nonprofit, genau wie effectivealtruism.org. Ich habe mir immer schwergetan, zu spenden, weil ich nie wusste, wohin. Was passiert mit meinem Geld? Wie viel Gutes tue ich wirklich damit? Das hat dazu geführt, dass ich in den letzten Jahren kaum noch etwas gegeben habe. Ich unterschreibe nicht jede einzelne These, aber der Effektive Altruismus gefällt mir in seiner Denkweise. Auch wenn es vielleicht zufriedenstellener ist, nach einem Erdbeben Geld nach Japan zu schicken, weil die Medien über nichts anderes berichten, ist es weitaus effektiver, für das selbe Geld Tausende von Bettnetzen zu spenden, um die Verbreitung von Malaria zu stoppen.

Ich habe mich sehr in das Thema eingelesen in den letzten Wochen, und bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Liebe und die Wärme, die ich im Persönlichen geben kann, etwas Schönes und Wichtiges sind. Dass ich im Kleinen gut helfen und da sein kann. Aber dass meine andere Ressource, nämlich Geld, dort am Besten aufgehoben ist, wo es gebraucht wird. Statistiken zeigen zum Beispiel, dass es wahnsinnig effektiv ist, extrem armen Menschen einfach ganz direkt Geld zu überweisen (GiveDirectly), statt irgendwas dazwischenzuschalten. Wer hätte das gedacht.

Der Effektive Altruismus lässt sich auch auf Tierschutz und Klimaschutz anwenden. Auch da gibt es überraschende und manchmal unintuitive Ergebnisse. Spannend fand ich vor allem, was für einen Einfluss dein Kaufverhalten auf die Produktion von Lebensmitteln hat: Für jedes Ei, das du nicht kaufst, werden 0,91 Eier weniger produziert (Fleisch liegt bei 0,5 – 0,7). Verbreitet ist ja oft die Ansicht, dass ich als Einzelner eh nichts ändern kann. Der Effektive Altruismus belehrt mich eines Besseren. Ich empfehle sehr, „Doing Good Better“ zu lesen, es gibt auch eine deutsche Übersetzung. Wohltuend: Ein Sechstel des Buchs sind Quellenangaben zu den Statistiken und Studien. Erfrischend, wenn nicht einfach Dinge behauptet, sondern auch belegt werden.

Dass ich gepledgt habe, sage ich übrigens nicht, weil ich weitere liebevolle Reaktionen bekommen möchte, sondern damit du es mir nachtust. Wenn ein Künstler in der Corona-Krise spenden kann (und dann halt nicht mehr zu den reichsten 5% gehört, sondern nur noch zu den reichsten 7%), dann kannst es auch du. (Es gibt auch für Student:innen, Rentner:innen und Erwerbslose Varianten des Pledges.) Aber vielleicht bin ich auch nur beseelt von den ganzen Meditationen des Jahres und der Erkenntnis, wie wenig Materielles ich brauche, um glücklich zu sein. Ich habe mehr als genug, ich lebe in Fülle, also fick dich, neues iPhone. Lieber mehr geben.

Was gibt es sonst Neues?

– Letzte Woche, am 24.07., war der 100. Todestag von Ludwig Ganghofer. Die Monacensia in München hat mich zu diesem Anlass gebeten, einen Text über ihn zu schreiben. Wir sind mit den Stützen der Gesellschaft ab und zu an diesem schönen Ort zu Gast, und als Ersatz für die ausgefallene Show Anfang Juli gab es nun einen Text von mir. Ich habe lange gebraucht, um einen Zugang zu Ganghofer zu finden, am Ende ist einer der für mich schönsten Texte der letzten Jahre herausgekommen. Ihr könnt ihn hier anschauen.

– Ein bisschen früher, nämlich Anfang Juli, ist ein Buch mit Schwimmgeschichten erschienen, zu dem ich meinen Text „Jetzt musst du springen“ beisteuern durfte. Jens Spahn und Winfried Kretschmann und mein lieber Bühnenfreund Jean-Philippe Kindler haben auch etwas geschrieben, zudem unzählige Kinder. Das Buch wurde initiiert vom ehrenamtlichen Tübinger Projekt „Schwimmen für alle Kinder“, das Mut machen soll und den Fokus auf sicheres Schwimmen lernen legt. Unterstützenswertes Engagement, persönliche Geschichten. Das Buch „Meine Schwimmgeschichte“ gibt es direkt bei der Verlagsgruppe Patmos und natürlich im Buchhandel.

– Apropos Bücher: Mein Verlag schrieb vor Kurzem, dass die Lage durch die momentane Situation keine schöne sei, da er vor allem Bücher verlegt, die bei Live-Shows
verkauft werden, bei Poetry Slams oder Lesebühnen. Nun habe ich zwar heute Abend mal wieder einen Auftritt (Open Air Slam im Olympiapark in München), aber Büchertische sind zur Zeit ein schwieriges Unterfangen und die Ausnahme. Solltest du also eines meiner Bücher noch nicht besitzen – ja, ich meine dich, Onkel Christian! – dann überleg gerne, ob du das ändern möchtest. Die Reiseerzählung aus Rom eignet sich besonders für den Sommer, aber auch das neue Buch „Was ich ihr nicht schreibe“ ist weiterhin gut. Bestellbar sind die Bücher direkt beim Satyr-Verlag, oder noch direkter per Mail bei mir. Ich bin allerdings, um ganz fair zu sein, nicht überzeugt davon, dass das die effektivste Art ist, 11-14 Euro zu spenden 😉

Kunst, die ich in den letzten Wochen gut fand:

– „Kommt her ihr Heinis ich will euch trösten“ von Riccarda Kiel, einer Leipziker Lyrikerin und Designerin. Ich habe es zum Geburtstag geschenkt bekommen von meinem guten Freund Tristan Marquardt, seines Zeichens auch Lyriker („Scrollen in Tiefsee“). Er hat das Buch selbst gedruckt und geschnitten, denn er ist für den Münchner Ableger des hochroth-Verlags mitverantwortlich. Einmal habe ich ihm beim Bücher machen geholfen, das ist schon ein tolles Gefühl. Riccardas Lyrik jedenfalls: ganz, ganz toll. Mit Witz und Tiefgang und einem unaufdringlichen Rhythmus. Es ist für mich genau der richtige Grad an Abstraktion, dass ich es nicht verstehe, aber auch nicht nicht verstehe, weil die Stimmung mich mitnimmt. „Ich schnitze dir eine Fabrik. / Wir nennen sie Rostblau & Partner. / Du kannst jeden Morgen hin. / Du bekommst einen Pförtner / mit Altersflecken / und einen eigenen Bahnhof, / an dem sonntags die Kinder / an ihren Zigaretten ziehen.“
Für 8 Euro bei hochroth München.

– „How Democracies Die“ von Steven Levitsky und Daniel Zieblatt behandelt die Frage, was historisch gesehen passiert, wenn eine Demokratie untergeht. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, wie geht das Ganze vor sich? An welchen Zeichen kann man das erkennen? Spannende Abhandlung mit Blick auf die USA. Kleiner Spoiler: Militär im Inneren einsetzen und Wahlen nicht anerkennen gehört dazu. Auch hier: ein großer Anhang.

– „Homework for Life“, eine Storytelling-Übung, die ich seit einem guten Jahr jeden Abend mache. Ich nehme mir abends fünf Minuten Zeit und frage mich: Was war der „most storyworthy“ Moment des Tages? Was hat diesen Tag von allen anderen unterschieden? Das Ganze notiere ich in wenigen Stichpunkten, Dialogen, Halbsätzen in einer Excel-Tabelle. Links das Datum, rechts der Moment, mehr nicht. Mit der Zeit entwickelt sich ein Auge für Geschichten, wo du sie früher nicht gesehen hast. Und ich habe jetzt ein Dokument mit 500 Einträgen von jedem Tag seit Mitte Juli 2019. Ich werde nie wieder nach Stoffen für Geschichten suchen müssen, und selbst wenn ich keinen Moment jemals erzähle, habe ich ihn doch vor dem Vergessen bewahrt. Die Übung hat meine Zeit verlangsamt, weil die Tage nicht mehr vorbeirauschen, weil ich mich mit den Tagen beschäftige, und sie hat mich sehr bereichert.
Das Prinzip geht auf Matthew Dicks zurück, einen Storyteller und Podcaster aus Connecticut, und dieser TED-Talk von ihm wird dich eher dafür begeistern als mein vorheriger Absatz.

– Meine drei Lieblingslieder der letzten Wochen: „Transvestites Can Be Cannibals Too“, „Immer noch Liebe in mir“ und „All My Happiness Is Gone“, zu dem ich immer durch die Küche tanze. Seit letzter Woche ist auch „Truth Doesn’t Live in a Book“ vorne dabei, aber das darf ich jetzt nicht zu laut sagen, weil ich dir lauter Bücher empfohlen habe. Meine Playlist für den Sommer 2020 gibt es hier.

Special Treat des Monats:
(nur verfügbar für Menschen, die den Newsletter abonniert haben)

Ich hätte nicht gedacht, dass ich in dem Jahr, in dem ich den Plänen und Listen in meinem Kopf endlich Einhalt gebiete, ein Buch mit Plänen und Listen empfehlen würde. Vielleicht ist das aber auch der Fortschritt: Ich darf das mit den Statistiken und Datenanalysen jetzt Menschen überlassen, die es beruflich machen. Für all die vielen Lebenspläne und Finanzlisten habe ich nämlich nie etwas bekommen, außer psychischen Schwierigkeiten.

Bis du dieses Monstrum von einer Nachricht durchgearbeitet hast, hat sich der Sommerregen wahrscheinlich in Herbstregen verwandelt. Das ist okay. Nimm dir Zeit, nicht nur für mein Geschreibe, sondern vor allem für dich. Zeit ist eine Entscheidung, eine Sache der Priorisierung. Und immer dann, wenn wir sagen, dass wir keine haben, brauchen wir sie am Dringensten für uns. Zum Beispiel in Stille in der Natur, oder in einer Meditation. Self-love – I cannot recommend it enough.

Hab einen wunderschönen Sommer, wo und wie auch immer du ihn verbringst. Ich denke an dich und freue mich über eine Antwort und deine Erfahrung mit all dem, was ich dir entgegengeworfen habe – und deine Erfahrung mit dir.

Alles Liebe
Alex